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Erkenntnisse zur Evolution von SARS-CoV-2 als Argument für eine Eliminationsstrategie

Dieser Beitrag nimmt auf ausgewählte Elemente aus der für die laufende Pandemie aktuellen Forschung Bezug und schlägt eine Verbindung zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen. Gegliedert ist der Text in drei Teile.

  • Der erste Teil beschäftigt sich mit der Frage, als wie „gefährlich“ SARS-CoV-2 denn im Lichte des Erkenntnisgewinns nach über einen Jahr Pandemie einzuschätzen ist.
  • Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Frage, wie schnell sich SARS-CoV-2 verändert, d.h. neue Varianten bildet, und ob die Entstehung von neueren Varianten aus neuen Varianten des Virus die Wirksamkeit von Impfungen und – allgemeiner – die Strategie, die Pandemie mittels Impfungen zu beenden, gefährdet.
  • Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Frage, ob es eine auf wissenschaftlichem Nährboden gewachsene Strategie gibt, die unter Einbeziehung der in den ersten beiden Akten angesprochenen Erkenntnisse erlaubt, gleichzeitig so schnell wie möglich aus der Pandemie herauszufinden und dabei wirtschaftliche, physische und psychische Schäden in der Gesellschaft zu minimieren.

Dieser Beitrag möge vom wohlwollenden Leser als ein Versuch des Autors aufgefasst werden, ein Senfkorn[1] beizutragen, das dem Zweck der Informationsvermittlung von durch andere gewonnenen Erkenntnissen dienen soll. Den Anspruch erheben, auch nur einzelne Aspekte des angesprochenen Stoffs systematisch oder gar erschöpfend zu behandeln, kann dieser Beitrag selbstverständlich mitnichten.

I. Wie gefährlich ist SARS-CoV-2 denn nun?

Bevor man sich der Frage zuwendet, wie schnell sich SARS-CoV-2 verändert (und im Anschluss: wie man am schnellsten aus der Pandemie rauskommt), ist die noch grundlegendere Frage: Wie relevant ist das überhaupt? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wie „gefährlich“ SARS-CoV-2 eigentlich ist. Zudem hängt die Antwort auf die Frage aber auch davon ab, wie gefährlich SARS-CoV-2 werden kann bzw. bleiben wird.

Wir haben das Glück, in einem Zeitalter und in einer Gesellschaft zu leben, in welchem bzw. in welcher es Personen gibt, die darauf spezialisiert sind, diese Fragen zu beantworten. Es gibt in unserer Gesellschaft „Experten“ für Pandemien. Sie werden unter anderem als Virologen, Epidemiologen, Immunologen bezeichnet. Aber auch etwa Intensivmediziner, Kinderärzte, Psychologen, Wirtschaftswissenschaftler, Politikwissenschaftler, Mathematiker, Informatiker, Biologen oder Physiker mögen gehört werden. Natürlich gibt es viele weitere.

Man höre themenspezifisch bei den passenden Experten zu. Für die Frage, wie gefährlich ein Virus ist, sind Äußerungen von Virologen und Immunologen, aber auch von anderen Medizinern schon mal eine passende Informationsquelle. Für Fragen dazu, wie man eine Pandemie methodologisch am besten meistert, sind insbesondere Epidemiologen, aber auch andere Personen mit stark ausgeprägter mathematischer/statistischer Bildung und Intuition geeignete Anlaufstellen.

SARS-CoV-2 ist ja immer noch recht neu. Die Menschheit ist daher noch immer (Stand: Anfang März 2021) weitgehend immunologisch naiv, also ohne Immunschutz[2]. Bezüglich fehlender Immunität ist insbesondere auf fehlende Antikörper (die von den B-Zellen hergestellt werden), sowie auf fehlende zelluläre Immunität (keine T-Zellen)[3] zu verweisen. Nach überstandener Infektion (unter anderem abhängig von der Schwere des Verlaufs) und nach Impfung schaut es anders aus.

Immunologische Naivität ist hochgradig unerwünscht: Die Immunreaktion vieler Menschen, insbesondere von immunologisch gealterten oder immunsupprimierten Menschen, fällt nicht wunschgemäß aus.

Die Infektionssterblichkeit (IFR: „Infection Fatality Ratio“) bezeichnet den auf alle Infizierten entfallende Anteil an Verstorbenen[4]. Sie ist.zu unterscheiden von der Fallsterblichkeit, die sich auf den Anteil bezogen auf die durch Tests erfassten Fälle bezieht. Die Infektionssterblichkeit von SARS-CoV-2 in einer europäischen Bevölkerung, die in diesem Zusammenhang insbesondere durch die Altersstruktur charakterisiert ist, dürfte – jedenfalls für den weltweiten Wildtyp bis gegen Ende 2020 – im Bereich von ca. 1%[5] liegen. Das suggerieren große, auf Fehler analysierte Seroprävalenzstudien und insbesondere Metastudien zu Seroprävalenzstudien[6]. Weiteres empirisch etabliertes Faktum: Das Sterberisiko steigt in Abhängigkeit des Alters exponentiell an.

Allerdings ist die Sterblichkeit nur ein Teil der gesundheitlichen Bedrohung. Sie stellt in statistischer Hinsicht die Spitze des Eisbergs dar. Der Anteil an Personen, die im Krankenhaus gepflegt werden müssen, ist ca. 5-mal so hoch (also ca. 5%). Der Anteil an Personen, die intensivpflichtig sind, ist ca. 3-mal so hoch. All dies bei optimal funktionierendem Gesundheitssystem[7].

Außerdem ist die Rate an Genesenen – oder konservativer ausgedrückt: an nicht unmittelbar an den Folgen der Infektion Verstorbenen –, die unter Langzeitfolgen[8] leiden (oft als „Long-COVID[9]“ bezeichnet) ein Vielfaches der Infektionssterblichkeit. In diesem Zusammenhang ist ein Aufruf an die Leser angebracht, nicht nur auf Daten zu schauen, die im eigenen Staat erhoben wurden. Welcher Prozentsatz derjenigen, die eine Infektion erst einmal überstanden haben, durch Spätfolgen in der Lebensqualität spürbar qualitativ beeinträchtigt sein werden, wird sich stets weiter aufklären lassen. Es dürfte sich um mindestens 2% – wobei hier absichtlich ein extrem konservativer und optimistischer Wert genannt wird, der vermutlich das Problem unterschätzt – bis hin zu einem ansehnlichen zweistelligen Prozentsatz handeln (über 25% ist nicht auszuschließen). In verwandtem Zusammenhang: Eine WHO-Veröffentlichung beziffert den Prozentsatz der 9 Jahre nach Genesung durch das genetisch zu SARS-CoV-2 nah verwandte und in den Wirkmechanismen im Menschen ähnliche SARS-CoV-1 spürbar Langzeitgeschädigten auf ca. 40%. Einwände gegen eine Analogie sind selbstverständlich möglich. Der Hinweis möge dennoch als Menetekel verstanden werden. Und nebenbei bemerkt: SARS-CoV-2 befällt unter anderem auch Neuronen, neuronale Stammzellen[10] und Gliazellen[11]. Dies ist bemerkenswert, denn es ist über andere, für uns Menschen sehr unliebsamen Viren bekannt, dass sich diese im Nervensystem vor dem Immunsystem des Wirts im Nervensystem verstecken können. Zudem gibt es Hinweise, dass die (womöglich langfristige) Beeinträchtigung kognitiver Funktionen durch eine SARS-CoV-2-Infektion[12] erheblich sein könnten.

In Zusammenhang mit der Frage nach der Gefährlichkeit ist es auch geboten, die Verbreitungsmechanismen bzw. Infektionswege von SARS-CoV-2 kurz anzusprechen. Die Infektionswege sind, aufgelistet nach Relevanz: 1. über Aerosole, 2. über Tröpfchen, 3. Schmierinfektionen (beispielsweise nach Kontakt mit einer kontaminierten Oberfläche). Man stelle sich vor, wie lange es in einem Raum nach Zigarettenrauch riecht oder mit welchem räumlichen und/oder zeitlichen Abstand man Parfüm eines Menschen riecht. Dies schafft sofort etwas Intuition für die Reichweite von Aerosolen und für die Abklingzeit des Infektionsrisikos. Zudem passieren zumindest einige Aerosole jeden Maskentyp. Je nach Maskenstoff werden zwischen 30% und 98% der Aerosole weggefiltert. Chirurgische Masken filtern ca. 70%, FFP2-Masken ca. 95%. Alltagsmasken zwischen 30% und 60%. Aerosole stecken vermutlich hinter den Superspreadingereignissen.

Es gibt mit anderen Worten eine Auswahlverzerrung bezüglich der von Bürgern gewählten (oder jedenfalls stark angezapfter) Informationsquellen (diese sollten vorzugsweise nicht zu unangenehme Inhalte wiedergeben) und auch – wohl Ausdruck eines unterbewussten Abwehr- und Schutzmechanismus – hinsichtlich dem, was bei den Personen meistens an Information hängenbleibt.

Wenn man diese kleine „Faktensammlung[13]“ berücksichtigt, wird man wohl anerkennen müssen, dass SARS-CoV-2 ein über die breit diskutierten Sterblichkeitszahlen hinaus gehendes Gefährdungspotenzial für die Volksgesundheit und auch für die Gesundheit jedes Einzelnen hat.

II. Die Evolution von SARS-CoV-2 als Bedrohung für die Impfungen

Es mutet beinahe an wie ein Mythos, dass Viren mit der Zeit an Virulenz (also an Infektionskraft bzw. am Ausprägungsgrad pathogener Potenz / Letalität) verlieren. Das würde bedingen, dass sinkende Virulenz einen Selektionsvorteil darstellt. Nun, das ist fragwürdig. „Trade-Off Theory“[14] stützt beispielsweise diese Hypothese nicht. Bessere Verbreitung ist ein Selektionsvorteil. Ob das für den Wirt mit höherer Virulenz einhergeht, ist an sich irrelevant, solange die höhere Virulenz nicht der besseren Verbreitung im Weg steht. Virulenz und Pathogenität sind nicht treibende Kräfte viraler Evolution. Wird ein Wirt durch ein Virus gesundheitlich stark geschädigt wird oder sterben viele Wirte sogar an den Folgen der Virusinfektion, so ist das – solange diese gravierenden Folgen beim Wirt erst nach der Replikation des Virus und der Weiterübertragung eintreten – kein Nachteil für das Virus, aus dem ein Selektionsdruck weg von Virulenz und Pathogenität entstehen würde.

Das führt zur Kernfrage nach der Evolution von SARS-CoV-2. Das Virus muss ständig kopiert werden. Werden Genome kopiert, kommt es zu Kopierfehlern, d.h. zu Mutationen im Genom. Eine einzelne infizierte Zelle in einer infizierten Person produziert tausende von Kopien der RNA (Ribonukleinsäure[15]). Mutationen werden selektiert (Selektion). Die Kombination von Mutation und Selektion bezeichnet die Biologie als Evolution. SARS-CoV-2 durchläuft seit Beginn der Pandemie eine beobachtbare Evolution.

Nicht jede Mutation im Genom ist relevant. Die Frage ist, welche Mutationen die Proteine des Virus verändern[16], und ob die Veränderungen für SARS-CoV-2 vorteilhaft sind. Es gibt bei SARS-CoV-2 – im Gegensatz zu bei Influenza (der „echten Grippe“) – einen Kopierkorrekturmechanismus. Das suggeriert zunächst, dass es zu weniger Mutationen als bei Influenza kommt. Allerdings wird diese Ursprungserwartung schnell zerschlagen. SARS-CoV-2 hat im Gegensatz zur Influenza eine Eigenschaft, die man gewissermaßen als Ähnlichkeit zu HIV (oder allgemeiner als Ähnlichkeit zu Lentiviren) bezeichnen könnte: SARS-CoV-2 infiziert regelmäßig chronisch. Die nicht mild verlaufenden Infektionsverläufe zeichnen sich also in der Regel durch ein gewisses Maß an chronischer Infektion aus. Das dürften ca. 15% der Infektionen sein. Allerdings fällt ein weites Spektrum unter diesen Begriff. Ganz wenige dieser Infektionen sind ausgeprägte chronische Infektionen, bei denen es zu einer über Wochen anhaltenden Persistenz[17] des Virus im Körper des Betroffenen kommt. Und damit ist gewissermaßen ein Evolutionsbeschleunigungsknopf verbunden, den SARS-CoV-2 drücken kann[18], um in einzelnen Individuen besonders schnell evoluieren zu können, um einen Antigendrift[19] zu vollziehen und sich Richtung „Immune Escape“ bzw. Fluchtmutante[20]/“Escapevariante“ zu entwickeln. Der bekannte Meister dieses Tricks (in qualitativ anderem Ausmaß) ist das HIV-Virus.

Der Evolutionsbeschleunigungsknopf von SARS-CoV-2

Bei chronisch infizierten Individuen ist das Virus also länger im Körper vorhanden und damit länger einem Immundruck durch das (nach der ersten Phase der Infektion) mit Antikörpern und T-Zellen versehenen Blut (Serum) ausgesetzt. Das Virus wird aber infolge der inadäquaten Immunreaktion (leider) nicht vollständig eliminiert und mutiert eifrig vor sich hin. Für das Virus hilfreiche Mutationen, die der Immunantwort ausweichen, werden sofort selektiert und setzen sich durch. Kurzum: das Virus evoluiert viel schneller, als wenn es die chronischen Infektionen nicht gäbe. Am extremsten stellt sich diese Situation bei immunsupprimierten Patienten dar.

Entsteht eine besorgniserregende Variante mit vielen Mutationen (beispielsweise im Krankenhaus, bei einer immunsupprimierten Person, die mittels monoklonaler Antikörper und/oder polyklonalem Serum behandelt wird), muss sie es erst von dem Patienten zu anderen Individuen (Krankenhauspersonal) und schließlich aus dem Krankenhaus raus schaffen, um sich ausbreiten zu können. Wer die Pandemie von Beginn bis heute beobachtet hat, dürfte jedoch kaum Zweifel daran haben, dass die Gefahr, dass Mutanten aus Krankenhäusern entkommen und sich dann ausbreiten, äußerst real ist. Es genügt, dass die Mutante an Schutzkleidung haftet, den Weg an die Hände einer Person findet und später an einem Busknopf darauf wartet, dass sorglose Busfahrer früher oder später durch Schmierinfektion mit der Mutante infiziert werden, bis sich die Spur verliert.

Besonders interessant (bzw. besorgniserregend) sind Mutationen, die sich in Aminosäureaustauschen im Spikeprotein[21] niederschlagen. Und ganz besonders interessant (bzw. besorgniserregend) sind Mutationen in der für die Bindung des Virus an den Rezeptor der menschlichen Zellen – der Rezeptorbindungsdomäne (unter anderem im Rezeptorbindungsmotiv) – und in der N-Terminusdomäne des Spikeproteins. Dort befinden sich evolutionäre Hotspots, also Stellen, die besonders hohem Immun- und Selektionsdruck ausgesetzt sind und daher für schnelle Evolution prädestiniert sind. Als besonders relevant identifiziert wurden außerdem Mutationen in der Nähe der Aminosäuren der Furinspaltungsstelle[22]. Mit anderen Worten: Der Virologe weiß – mit zunehmender Genauigkeit –, wo man besonders sorgfältig hinschauen muss.

Lange schien es relativ still zu sein rund um die Mutationen von SARS-CoV-2. Eine Ausnahme bildete die D614G-Substitution im Februar 2020, die nach inzwischen etablierter Datenlage aufgrund höherer Übertragbarkeit[23] den ursprünglichen pandemischen Wildtyps des Virus verdrängte (und damit zum neuen Wildtypen wurde). Gegen Ende des Jahrs 2020 haben einige sogenannte beunruhigende Varianten (VOC: „Variants of Concern“) Bekanntheit erlangt. Die im Vereinigten Königreich entdeckte Variante 501Y.V1 bzw. B1.1.7, die in Südafrika entdeckte Variante 502Y.V1 bzw. B1.351 und die in Brasilien entdeckte Variante 501Y.V3 bzw. P1. Erstere ist ansteckender und – vermutlich – virulenter. Die beiden anderen scheinen sich vor allem durch viralen Drift auszuzeichnen, sich also in Richtung des „Escapes“ entwickelt zu haben.

Die Evolution von SARS-CoV-2 vollzieht sich sehr schnell. Während die Varianten B1.351 und P1 beispielsweise im Gegensatz zu der Variante B1.1.7 die Driftmutation E484K[24] aufweisen, so hat die in dem VK entdeckte Variante (auch Kent-Variante genannt) inzwischen zweimal unabhängig (in Bristol und in Liverpool entdeckt) ebenfalls die E484K-Mutation akquiriert. Dies ist einer von zahlreichen Hinweisen auf konvergente Evolution (die Konvergenz ergibt sich aus der Unabhängigkeit der Ereignisse). Um einen winzigen Einblick in den Umfang der Aufgabe der Überwachung von potentiell besorgniserregenden Mutanten zu geben, seien beispielhaft für die Situation Ende Februar 2021 genannt: B1.525[25], B1.526[26], B1.427, B1.429[27] B.1[28], P2[29], FIN-796H[30], B1.258∆[31].

Ganz besonders wichtig: Die nächsten Evolutionssprünge in chronisch Infizierten können von den über Evolutionssprünge entstandenen Varianten ausgehen. Und das Ganze spielt sich global ab. Das heißt, eine neue Variante mit einer hohen Anzahl an weiteren Mutationen kann in irgendeinem Krankenhaus in irgendeinem Staat der Welt entstehen und von dort aus entkommen.

Die Anzahl der Aminosäureaustausche im Spikeprotein ist bei den „besorgniserregenden“ Varianten viel höher als was statistisch zu erwarten gewesen wäre. Die Erklärung liegt also vermutlich darin, dass der Evolutionsbeschleunigungsknopf über die chronischen Infektionen dieses schnelle Auftreten der genannten Varianten ermöglicht hat.

Im Spikeprotein ist bisher für Basisvarianten (d.h. den Varianten, die ohne den Evolutionsbeschleunigungsknopf entstanden sind) von ca. 2,9 Aminosäureaustauschen pro Jahr auszugehen. Bei den „Variants of Concern“ über die Evolutionssprünge sind es hingegen ca. 8-10 Aminosäureaustausche pro Jahr[32]. Zum Vergleich: die am schnellsten evoluierende Influenza H3N2 weist im Hämagglutinin (dem H-Oberflächenprotein von Influenza) ca. 2,5 Aminosäureaustausche pro Jahr auf. Bei H1N1 sind es ca. 1,5 Aminosäureaustausche pro Jahr. Dennoch schlägt sich die Akkumulation von Aminosäureaustauschen bei diesen „Variants of Concern“ bisher nicht gleich schnell in einem Neutralisationstiterabfall[33] nieder, wie das Analogon bei Influenza.

Allerdings kann man sich nicht auf lineares Denken verlassen. Genau so, wie die Intuition für die Exponentialfunktion gefehlt hat und immer noch fehlt für eine realistische Einschätzung von nahenden Infektionswellen, so fehlt auch die Intuition für die Evolutionsgeschwindigkeit von SARS-CoV-2 inklusive der Evolutionssprünge und für die Abhängigkeit des Neutralisationstiterabfalls von der Akkumulation von Aminosäureaustauschen im Oberflächenprotein. Für letzteres ist unter anderem auch die Emergenz[34] im Zusammenhang mit Proteinstrukturen von Bedeutung. Beispielsweise auch der Quartärstruktur[35] eines Proteins werden emergente Eigenschaften zugeschrieben. Das bedeutet, dass die Primär[36]-, Sekundär[37]– und Tertiärstruktur[38] der Proteine nicht die Eigenschaften des Proteins als Ganzes vorhersagen können. So lässt sich auch nicht vorhersagen, wie stark der Neutralisationstiter plötzlich abfällt, wenn weitere Mutationen zu weiteren Aminosäurenaustauschen führen.

Die Gefahr der Fluchtmutanten

Eine Escapemutante bzw. Fluchtmutante ist eine Mutante, die vom Serum eines Genesenen (der Antikörper im Blut aufweist) oder eines Geimpften nicht ausreichend neutralisiert wird. Wir wissen derzeit nicht, wie lange es dauert, bis SARS-CoV-2 mit einer Fluchtmutante auftritt, d.h. wann die Impfungen nicht mehr zu einer Immunreaktion mit zur Mutante passender Antikörperbildung führen. Für die in Südafrika entdeckte Variante B1.351 liegt der durchschnittliche Neutralisationstiter (je nach Quelle) im Schnitt in einem Bereich von ca. 1/6 bis 1/8[39] des Neutralisationstiters des Wildtyps. Individuell ist ein Abfall auf 1/2 bis 1/64 zu verzeichnen. Als „wie weit“ ist dieser Drift hin zu einer Fluchtmutante zu deuten?

Ein Blick auf die Erkältungscoronaviren gibt Hinweise. Beispielsweise wurde bei HCoV-E229 anhand gefrorener Seren und jüngerer Virenproben untersucht, wie lange es dauert, bis das Spikeprotein von HCoV-E229 genügend evoluiert ist, damit das Virus in der Form einer Fluchtmutante auftaucht. Die Antwort ist: ca. 8 Jahre. Die Zeitdauer bis zur durchschnittlichen Reinfektion mit einem HCoV-E229 dauert hingegen etwa 3 Jahre. Das bedeutet, dass HCoV-E229 sehr gut unter Kontrolle ist und die Bevölkerung ihr Immunsystem laufend aktualisiert[40]. Und es gibt Hoffnung darauf, dass SARS-CoV-2 in Zukunft ebenfalls sehr gut unter Kontrolle sein könnte. Wenn man die ganze Welt jetzt impfen könnte (bevor das Virus über Evolutionssprünge von VOC zu VOC „entkommen“ ist), so könnte man die chronischen Infektionen unterbinden, würde den Evolutionsbeschleunigungsknopf von SARS-CoV-2 unschädlich machen und käme mit der Evolutionsgeschwindigkeit klar.

Das mag alles auf den ersten Blick zu Pessimismus führen, denn die ganze Welt impfen wird nicht sehr schnell gelingen. Nicht nur, dass es viele Impfgegner gibt, sondern es gibt maßgebliche Erdteile, wo es Jahre dauern könnte, bis flächendeckend Impfangebote gemacht werden können[41] (wenn es überhaupt so weit kommt). Das heißt, die Fluchtmutante könnte also entstehen, bevor die globale Impfkampagne am Ziel ist, und es ist unsicher, ob man Impfstoffe ausreichend schnell anpassen, herstellen und verteilen kann[42], bevor sich eine Fluchtmutante ausgebreitet hat. Heißt dies, dass wir in der Pandemie gefangen sind?

Es gibt da eine weitere Hoffnung. Es dauert aller Vermutung nach länger, bis ein Virus nicht nur der Neutralisation durch Antikörper, sondern auch den T-Zellen entkommt. Das heißt: die zelluläre Immunität dürfte der Hoffnungsträger sein, wieso wir Menschen aus dieser Pandemie herausfinden werden. Die Evolutionsgeschwindigkeit von SARS-CoV-2 dürfte also durch einmaliges Impfen in jedem Fall gesenkt werden, da immer weniger chronische Infektionen stattfinden. Das bedeutet wiederum, dass man immer mehr Zeit hat, um Impfstoffe anzupassen und sich gewissermaßen immer besser aus dem Problem „rausimpfen“ kann. Allzu sicher sollte man sich aber wohl noch nicht sein[43]. Wir möchten sicher sein, dass wir aus dieser Pandemie rauskommen und uns nicht von einem Fledermausvirus über die nächsten Jahre und Jahrzehnte derart heimsuchen lassen, dass eine jahrzehntelange Rezession folgt und die Lebenserwartung stark sinkt (und womöglich mehrfach iterativ nach unten angepasst werden muss).

Das heißt, es ist entscheidend, die Impfstoffe davor zu schützen, dass ihnen das Virus mittels Evolution entkommt. Es ist entscheidend, die Inzidenz zu minimieren, um möglichst wenig Mutationen (grob fahrlässig) zuzulassen. Es ist entscheidend, die Globalität des Problems einzusehen und globale Impfkampagnen mit Blick auf die ganze Welt umzusetzen. Erstes Ziel ist es, die chronischen Infektionen zu unterbinden, um den Evolutionsbeschleunigungsknopf unwirksam zu machen. Würde man eine Eliminationsstrategie global umsetzen können, wäre es das Beste, was der Menschheit wirtschaftlich und gesundheitlich (wenn der Zeithorizont nicht nur ein paar Wochen, sondern die nächsten Jahre sind) passieren könnte.

Ein paar Worte zur Aktualität (Ende Februar / Anfang März 2021)

Die epidemiologischen Daten suggerieren derzeit exponentielles Wachstum der drei genannten Varianten. Die hochansteckende und womöglich tödlichere Variante B.1.1.7 rollt als dritte Welle heran. Im Grunde hat sie bereits begonnen, nur dass sie sich gerade noch bei oberflächlicher Betrachtung von Fallzahlen „verstecken“ kann durch die sinkenden Fallzahlen des (bisherigen) Wildtyps.

Die folgende Grafik[44], welche auf den Modellierungen von Cornelius Römer beruht, zeigt die Inzidenzentwicklung der letzten Wochen in Deutschland hinsichtlich des Wildtyps und der sogenannten „Varianten“ (wobei die Variante B.1.1.7 – die „Kentvariante“ – den Löwenanteil darstellt). Die schneller ausbreitungsfähige Variante B.1.1.7 befindet sich im exponentiellen Wachstum. Gleichzeitig werden Lockerungen der NPIs geplant.

Die folgende Grafik deutet an, wie sich die epidemiologische Lage in Deutschland in den nächsten Wochen vermutlich weiterentwickeln wird. Die graue Zone zeigt den Gestaltungsspielraum, den wir in Deutschland haben, indem wir mehr oder weniger NPIs einsetzen.

Insbesondere sind auch die in Richtung Flucht gedrifteten Mutanten B1351 und P1 geographisch angekommen und könnten in den nächsten Monaten epidemiologisch perkolieren[45] (d.h. außer Kontrolle geraten), je nachdem wieviel Akzeptanz für NPIs vorhanden sein wird und wie es um die Impfbereitschaft bestellt sein wird.

III. Die Eliminationsstrategie „NoCovid“ zum Schutz der Impfungen

Impfungen durch eine Eliminationsstrategie schützen, damit sie uns schützen

Attraktiv erscheint der Gedanke, durch Impfungen die Epidemie lokal (zum Beispiel in Deutschland oder gar in ganz Europa) zu stoppen. Das ist eine Strategie, welche die europäischen Staaten verfolgen. Die Pandemie wird global dadurch jedoch (noch) nicht gestoppt werden. Die Frage nach der Evolution von SARS-CoV-2 bleibt vorläufig wie ein Damoklesschwert über uns hängen.

Wenn es gelingen sollte, die chronischen Infektionen weltweit zu unterbinden, weil die Impfkampagne erfolgreich genug ist, so könnte man (sei es als im Sinne von „educated guess“) erwarten, dass sich die Evolutionsgeschwindigkeit[46] in der Folge ungefähr dritteln[47]. Das würde wiederum nach sich ziehen, dass man den Impfstoff so oft oder sogar weniger oft als den Grippeimpfstoff anpassen muss. Es dürfte also möglich sein, das Problem SARS-CoV-2 in den Griff zu kriegen.

Allerdings kann es schief gehen, wenn man das Rennen mit den Impfungen gegen die Evolution nicht gewinnt. Man könnte in einen Zustand hineingeraten, in welchem man mit dem Anpassen der Impfungen immer nachhinkt und in welchem zumindest regional immer wieder gefährliche Epidemien ausbrechen. Letzteres könnte ohnehin passieren, insbesondere wenn man nicht zunehmend auf eine Eliminationsstrategie setzt. Insofern ist also bezüglich der zu verfolgenden Strategie unter anderem auch die Frage zunehmend relevant und öffentlich zu diskutieren, ob man SARS-CoV-2 eher wie Grippe oder wie Masern behandeln sollte[48].

Möchte man zu einem Leben zurückkehren, dass dem vor dieser SARS-CoV-2-Pandemie (und der zugehörigen COVID19-Pandemie) ähnelt, so wäre die einzig sichere Lösung: die Inzidenz global so gering halten wie nur irgendwie möglich. Wenn wir wieder so leben wollen wie vor der Pandemie, muss das Ziel daher globale Inzidenzminimierung sein.

Deutschland kann mit gutem Vorbild vorangehen.

Es braucht zum Schutz der Menschen und zum Schutz der Impfungen weiterhin NPIs und weitere inzidenzminimierende Maßnahmen. Letztere beinhalten insbesondere TTI: „Test, Trace, and Isolate“. Flächendeckende Schnelltest. Die Investitionen zahlen sich in jeder Hinsicht aus. Idealerweise braucht es zudem staatlich subventionierte SARS-CoV-2-Genomüberwachungsprogramme, also eine feste Rate an Sequenzierungen von Proben mit positiven PCR-Testergebnissen.

Eliminationsstrategie vs. Eradikationsstrategie

Eine Eliminationsstrategie ist von einer Eradikationsstrategie abzugrenzen. Eine Eliminationsstrategie könnte man auch als eine Inzidenzminimierungsstrategie bezeichnen, bei der das Zeil ist, die Inzidenz so weit runter zu drücken, wie möglich. Das Ziel ist letztlich die Null. Es ist insbesondere nicht zwingend, davon auszugehen, dass die Inzidenz Null auch flächendeckend und/oder dauerhaft erreicht wird. Die Eliminationsstrategie ist keine Eradikationsstrategie. Eine Eradikationsstrategie hat das Ziel, das Virus auszurotten. Letzteres ist bei einem zoonotischen Virus, das leicht viele andere Arten infizieren kann, im Lichte der natürlichen Reservate, wohl unmöglich. Insofern wird man „mit dem Virus leben müssen“. Mit letzterem ist aber alles andere als dem Virus freien Lauf lassen gemeint. In einer immunologisch naiven Bevölkerung SARS-CoV-2 ausbreiten lassen bzw. auszubreiten ist im Lichte der Erkenntnisse über das Virus fahrlässig und unmoralisch.

Gegen Polarisierung

Dieser Beitrag ist ein Aufruf, Polarisierung und Polemik zu vermeiden, Emotionen auszuklammern und davon abzusehen, Andersdenkende zu kritisieren und damit Energie zu verschwenden, und stattdessen in einen pragmatischen und wissenschaftsorientierten Diskurs einzutreten.

Bezeichnet man „Zero Covid“-Strategien (jedenfalls so, wie sie im deutschen Sprachraum politisch oft verortet werden) als „Top Down“-Strategien bezeichnen, so ist die „NoCovid“-Strategie eher als „Bottom Up“-Strategie bezeichnen. Mit einer „Top Down“-Eliminationsstrategie ist gemeint, dass das staatliche Handeln offiziell danach strebt, die Eliminationsstrategie einzusetzen. Alltagsrealitäten, die Ergebnisse von Zero Covid-Strategien darstellen, lassen sich etwa in China, Australien und Neuseeland beobachten. Zero Covid ist keine Eradikationsstrategie. Ist die Zero Covid-Strategie im Falle von mangelnder Kollektiveinsicht in ihre Nützlichkeit oder Realisierbarkeit gesellschaftlich nicht tragbar, so gibt es aber zumindest die Möglichkeit, sich (jedenfalls unter anderem) an einer „Bottom Up“-Strategie zu versuchen. An dieser Stelle sei nur kurz dazu gesagt, dass es darum geht, dass lokal, kommunal, regional Niedrig-, Niedrigst- und nach Möglichkeit Nullinzidenzzonen – sogenannte „Green Zones“ – geschaffen werden sollen. Der Anreiz ist ein unmittelbarer, weil innerhalb der „Green Zone“ die Rückkehr zu einem Leben ohne die Alltagsprobleme der Pandemie möglich sein soll.

Anstatt hier den Versuch zu unternehmen, die NoCovid-Strategie verkürzt (und verzerrt) zu skizzieren, wird auf das NoCovid-Rahmenpapier, sowie auf ein Papier zu zugehörigen Handlungsoptionen verwiesen: https://nocovid-europe.eu/assets/doc/nocovid_rahmenpapier.pdf; https://nocovid-europe.eu/assets/doc/nocovid_handlungsoptionen.pdf.

Isolierte Bottom Up-Maßnahmen scheitern daran, dass ständige Eintragungen von allen Seiten Green Zones schnell aufzulösen drohen. Daher müssen Bottom Up-Maßnahmen von weiteren Maßnahmen flankiert werden, die dafür sorgen, dass eine Nullinzidenz oder doch wenigstens eine Niedrig- oder Niedrigstinzidenz haltbar ist, trotz Eintragungen. Eintragungen wird es in einem Land wie Deutschland viele geben, schon alleine nur über die deutschen Außengrenzen. Aber der Erfolg Deutschlands dürfte für Nachbarstaaten ansteckend[49] sein. Die epidemiologischen Grenzen können sich verschieben. Sie können sich ausdehnen, wenn immer mehr Staaten eine NoCovid-Strategie einsetzen. Doch wie gesagt, Eintragungen wird es bis auf Weiteres stets geben. Epidemiologische Inzidenzgefälle bzw. -gradienten werden bis auf Weiteres nicht verschwinden. Inzidenzgradienten (sei es auf bestimmte Varianten bezogene Inzidenzgradienten) definieren epidemiologische Grenzen und sind Maßstab dafür, ob es – im äußersten Fall – sogar sinnvoll sein kann, Grenzen vorübergehend zu überwachen bzw. dafür, ob andere Maßnahmen in Bezug auf Grenzübertritte getroffen werden sollten. Dabei wird auf volle Erlaubnis „notwendiger Reisen“ gesetzt, die streng kontrollierten Beschränkungen unterliegen (z.B. Maskenpflicht, keine Einkäufe, Quarantänevorschriften, etc.).

Ein scharfes Schwert: Quellclustertracing (Source Cluster Tracing)

Entscheidend ist es, realistisch und pragmatisch zu bleiben und streng logisch danach zu streben, die Inzidenzminimierung – popperistisch/stoisch –, so gut wie nur irgendwie möglich, umzusetzen. Das Ziel, ausgehend von einem Zustand, in welchem das Virus weit gedeihen konnte, ist es, in einen Zustand zu gelangen, in welchem Gesundheitsämter in der Lage sind, schneller Infektionsketten zu durchbrechen als neue entstehen.

Solange Gesundheitsämter schneller Infektionsketten durchbrechen können als neue entstehen, praktiziert der Staat ganz explizit eine Eliminationsstrategie (der R-Wert wird unterhalb von 1 gehalten). Das schärfste Schwert zum Zweck der Kontaktnachverfolgung / Tracing dürfte das Quellclustertracing sein, wie es etwa in Südkorea oder Japan erfolgreich eingesetzt wird. Im Gegensatz zu der bisher praktizierten Kontaktnachverfolgung durch deutsche Gesundheitsämter, mit der vorrangig nach weiteren Infizierten gesucht wird, die sich an der entdeckten Person infiziert haben könnten, wird mittels Quellclustertracing vorrangig danach gesucht, bei wem sich die infizierte Person selbst angesteckt haben könnte. Wenn eine solche Infektionsquelle identifiziert ist, werden alle Kontaktpersonen dieser Quelle und alle weiteren Kontakt-Kontakte in Quarantäne genommen, auch wenn noch keine Person von ihnen Symptome hat. Dies trägt der Häufigkeit von Superspreading bei SARS-CoV-2 Rechnung. Während viele Infizierte ihre Infektion gar nicht weitergeben, lösen einige Wenige ganze Infektionsketten aus. Der Infizierte ist offenbar in der Vergangenheit auf eine infektiöse Person gestoßen. Jeder weitere Kontakt dieser Person um den Infektionszeitpunkt herum wird beim Quellclustertracing als potentiell infiziert und infektiös angesehen, ebenso deren Kontakte. Wenn wir die Infektionswege des Virus als Wegenetz betrachten, so sperren unsere Gesundheitsämter dem Virus nur ein paar Feldwege ab, während das Quellclustertracing dem Virus ganze Autobahnen versperrt. Quellcluster erlaubt mithin im optimalen Fall ein besonders großflächiges Nachverfolgen und Durchbrechen aller Infektionsketten.

Damit Quellclustertracing erfolgreich durchgeführt werden kann, braucht es zum einen eine niedrige Inzidenz und zum anderen die staatliche Möglichkeit, Quarantäne zu verordnen und durchzusetzen[50]. Zudem braucht es temporär gespeicherte und nur zweckgebunden verfügbare Daten, am besten von Handys. Ideal wäre es, eine Rechtslage über das Pandemiegesetz zu schaffen, die dafür sorgt, dass Mobilfunkbetreiber während des Notzustands der Pandemie die Daten an die Ämter liefern. Diese Daten werden dann wieder gelöscht.

Die Pandemiebekämpfung unter Verwendung von Mobilitätsdaten müsste selbstverständlich unter Wahrung eines angemessenen Schutzes persönlicher Daten erfolgen. Die Nutzung persönlicher Daten (wie Standort-, Bewegungs- und Kontaktdaten aus der Mobiltelefonie) bedarf einer gesetzlichen Grundlage. Zugriffsberechtigung, Nutzungszweck, Speicherungsdauer usw. sind restriktiv zu regeln. Die gerichtliche Überprüfung der Rechtmäßigkeit der Datennutzung ist gesetzlich zu regeln. Der Schutz persönlicher Daten ist Bestandteil des innerstaatlichen Grundrechteschutzes. In Vertragsstaaten der Europäischen Menschenrechts-Konvention EMRK, zu denen alle EU-Länder gehören, können Fälle nach Erschöpfung des innerstaatlichen Instanzenzugs an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte EGMR in Straßburg[51] weitergezogen werden. Der Schutz individueller Daten genießt damit in Europa Garantien, wie sie kein anderer Kontinent kennt. Dies stellt eine unvergleichbare Chance für Europa dar, um den Weg für Quellclustertracing zu ebnen, da in Europa dem Schutz individueller Daten eine Garantie zugesprochen werden kann, wie sie anderswo nicht existiert.

Solange die angedachte Rechtslage in Deutschland nicht geschaffen werden kann, gibt es dennoch Wege. Apps wie die „LucaApp“ (in der NoCovid-Toolbox) können wesentliche Beiträge leisten. Evtl. kann man wenigstens über das Pandemiegesetz den Einsatz dieser App verpflichtend machen für Friseure, Hotel-, Restaurantbetreiber. So gibt es Daten auch ohne Kollektiveinsicht und ohne Basis für eine Anpassung der Rechtslage an die gesellschaftlichen Notwendigkeiten in der Pandemie.

Eine weitere Frage ist, wie es überhaupt möglich ist, die Inzidenz so weit senken zu können, dass schneller Infektionsketten durchbrochen werden können mittels TTI als neue entstehen. Lockdowns finden immer weniger gesellschaftliche Stütze. Eine Methode bestünde darin, die Lockdowns erträglicher zu machen, indem dem Konzept „Safe Circling“ eine entscheidende Rolle beigemessen wird. Dieses kann auch genutzt werden, um das heikle Thema der Schulen, Kindergärten und Kitas anzugehen.

Das System, das hauptsächlich nur die Abstufungen „Schule auf ohne Maskenpflicht“, „Schule auf mit Maskenpflicht“, „Schule auf mit Wechselunterricht“ und „Lockdown mit extremen Kontaktbeschränkungen und Home Schooling“ kennt, ist nicht feinziseliert genug, um mit Augenmaß die Inzidenz durch NPIs immer weiter runterdrücken zu können unter Berücksichtigung des Gesichtspunkts der psychischen Leistungsbereitschaft der Bevölkerung.

Vorgeschlagen wird hier beispielhaft ein inzidenzabhängiges Safe Circling. Es wird hier nur schematisch, vereinfacht erklärt. Eine Einteilung von Circles geht von Schulen und Kindergärten und Kitas aus (bei den Haushalten mit Kindern; für andere Haushalte braucht es weitere Konzepte, beispielsweise über nachbarschaftliche Regelungen). Bei hoher Inzidenz wird eine Klasse beispielsweise in eine bestimmte Anzahl von Circles eingeteilt, und es findet innerhalb der Circles Home Schooling statt, d.h. Fernunterricht mit elterlicher Betreuung. Innerhalb der Circles gibt es keine Kontaktbeschränkungen. Eltern können in einem Turnussystem abwechslungsweise das Home Schooling der Kinder im Circle begleiten. Bei niedrigerer Inzidenz kann der Circle größer werden, oder der Circle kann als Circle im Wechselunterricht an der Schule teilnehmen. Mit anderen Worten wird ein feiner auf die Inzidenz abgestimmtes System geschaffen, das erlaubt, Schulen länger nicht zu öffnen, aber Eltern mehr entlastet und Bildung fördert. Darüber hinaus wird in diesem Beitrag dafür plädiert, die Präsenzpflicht für Kinder in Risikogruppenhaushalten (besser: für alle, da jede Familie ihre Gesundheit schützen dürfen sollte) in Pandemiezeiten auszusetzen. Nicht nur, dass der staatliche Zwang ins Risiko moralisch verwerflich ist und gegen Grundrechte verstößt. Chronisch Infizierte sind auch eine epidemiologische Bedrohung für die Gesellschaft im Lichte der Überlegungen bezüglich des Evolutionsbeschleunigungsknopfs von SARS-CoV-2.

Fazit

SARS-CoV-2 ist gefährlich. Aufgrund der chronischen Infektionen evoluiert SARS-CoV-2 beschleunigt. Impfungen können uns schützen. Allerdings müssen die Impfungen durch Inzidenzminimierung / eine Eliminationsstrategie geschützt werden. Es gibt für Europa taugliche, pragmatische, realistische Vorschläge, insbesondere zusammengefasst in der Form der NoCovid-Strategie. Diese braucht mehr Stütze in der Gesellschaft. Weiterhin ist es entscheidend, in eine Situation zu kommen, in welcher die Gesundheitsämter Quellclustertracing ausführen können, um sicherzustellen, dass – trotz Eintragungen von außen – Infektionsketten schneller durchbrochen werden als neue entstehen. Dazu braucht es unter Wahrung von Datenschutz temporär gespeicherte Handydaten, die nur zweckgebunden für die rückwärtsgerichtete Kontaktnachverfolgung verfügbar sind.

Der Zeitfaktor ist kritisch. Daher gilt es, Leute, die verstehen können und wollen, dafür zu gewinnen. Dazu dient u.a. strategisches Influencing („targeted influencing“). Jeder Beitrag zählt. Wer gerne Anschluss finden möchte an eine in Deutschland aktive Gruppe von Personen, die sich für NoCovid einsetzt, kann gerne Kontakt aufnehmen über https://wellenbrecher.jetzt oder https://www.endcoronavirus.org/ oder eine Email schicken an „info AT wellenbrecher.jetzt“ oder an den Autor dieses Beitrags „thomas.wyder AT gmail.com“.

Eine Frage, mit der sich Leser am Ende dieses Beitrags konfrontiert sehen könnten, ist, wie es denn überhaupt möglich wäre, dass die Wissenschaft im Rahmen von „NoCovid“ eine vorteilhafte und gleichzeitig auch realistische, umsetzbare Strategie für den Umgang mit der Pandemie anzubieten hätte, diese aber nicht bereits angewendet wird. Zur Begründung, weshalb das durchaus der Fall sein kann und sogar wahrscheinlich erscheint, finden sich Ansichten des Autors im parallelen Blogbeitrag mit Titel: Gibt es ihn, den „Treiber der Pandemie“?

Thomas Wyder hat an der Universität Bern Physik, Mathematik und Biologie studiert und an der Universität Leuven promoviert (Bereich theoretische Physik – Stringtheorie/Quantengravitation Schwarzer Löcher). Heute ist er als Partner in einer Münchner Patent- und Rechtsanwaltskanzlei tätig. Zudem ist er Mitglied der Organisation Endcoronavirus (ECV).

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Gleichnis_vom_Senfkorn
  2. Herrschende Meinung ist es, dass es keine Kreuzimmunität mit den vier endemischen Erkältungscoronaviren (HCoV-NL63, HCoV-OC43, HCoV-229E und Hcov-HKU1) gibt.
  3. Insbesondere keine CD4-Zellen (T-Helferzellen) und keine CD8-Zellen. Siehe auch: https://www.ndr.de/nachrichten/info/Was-koennen-T-Zellen-gegen-Coronavirus-leisten,corona4718.html
  4. Lediglich der Vollständigkeit halber sei zu erwähnen – obwohl spekulativ, da es an Daten mangelt –, dass neuere Studien aus dem Jahr 2021 suggerieren, dass ca. 88% der in europäischen Staaten als „an“ SARS-CoV-2 Verstorbenen der Viruserkrankung selbst erlegen sind, während der Rest womöglich streng genommen eher als an Folgen anderer Erkrankungen verstorben zu bezeichnen wären. Zudem gibt es auch Studien, die suggerieren, dass ein Anteil von aus Krankenhäusern nach zunächst erfolgreicher Behandlung Entlassener innerhalb von mehreren Monaten re-hospitalisiert werden muss und wiederum ein Anteil (ca. 40%) an Langzeitfolgen der Erkrankung verstirbt. Mit anderen Worten gibt es reichlich Diskussionsstoff, um die Sterblichkeit als höher oder niedriger einzustufen als was Seroprävalenzstudien suggerieren.
  5. Zum Vergleich: bei saisonaler Influenza dürfte diese Zahl in einem Bereich von 0,02%-0,05% liegen.
  6. https://www.imperial.ac.uk/media/imperial-college/medicine/mrc-gida/2020-10-29-COVID19-Report-34.pdf; https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.07.23.20160895v7 (die Seroprävalenz untersucht, wieviele Personen im Blutserum Antikörper aufweisen und m.a.W. serokonvertiert sind).
  7. Würde man also die Ausbreitung von SARS-CoV-2 nicht sehr stark eindämmen und würden die Gesundheitssystem stark überlastet, würde die Infektionssterblichkeit sich rasch vervielfachen. Triage würde darüber entscheiden, wer direkt stirbt.
  8. https://www.quarks.de/gesundheit/medizin/langzeitschaeden-von-covid-19-was-wir-wissen-und-was-nicht/
  9. Die Begrifflichkeiten befinden sich in der Entwicklung.
  10. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32753756/
  11. https://www.news-medical.net/news/20210120/How-does-SARS-CoV-2-infect-brain-cells.aspx
  12. https://www.thenationalnews.com/world/europe/covid-19-could-damage-people-s-iq-by-8-5-points-1.1100740
  13. Seien wir mal großzügig und nennen es für den Rahmen dieses Beitrags eine Faktensammlung.
  14. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28882454/
  15. https://de.wikipedia.org/wiki/Ribonukleins%C3%A4ure
  16. Nicht-synonyme Mutationen führen zu einem Aminosäurenaustausch in einem Protein, synonyme Mutationen hingegen nicht.
  17. Als Erregerpersistenz bezeichnet man in der Infektiologie das Überdauern von Krankheitserregern in bestimmten Rückzugsräumen im Körper des Wirts durch Immunevasion.
  18. Diese Aussage fällt unter veranschaulichendes Anthropomorphisieren.
  19. https://de.wikipedia.org/wiki/Antigendrift
  20. https://de.wikipedia.org/wiki/Fluchtmutation
  21. Das Oberflächenprotein, das an den humanen ACE2-Rezeptor anbindet, um in Zellen einzudringen.
  22. „Furin Cleavage Site“ zwischen dem S1- und dem S2-Proteinen, die durch das menschliche Furinenzym gespalten wird, wenn SARS-CoV-2 aus einer Zelle austritt. https://www.nature.com/articles/s41598-020-74101-0
  23. https://www.nature.com/articles/s41467-021-21118-2.pdf
  24. E484 ist eine Abkürzung dafür, auszudrücken, dass an 484. Stelle im Spikeprotein die Aminosäure Glutaminsäure (E) durch Lysin (K) ausgetauscht wurde.
  25. https://www.the-scientist.com/tag/b-1-525
  26. https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.02.23.21252259v1
  27. https://www.newsweek.com/what-we-know-california-covid-variant-b-1-427-b-1-429-1571605
  28. https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2020.11.04.355842v1.full.pdf
  29. https://www.medscape.com/viewarticle/945315
  30. https://crofsblogs.typepad.com/h5n1/2021/02/finland-finds-new-covid-19-variant-that-may-not-show-up-in-pcr-test.html
  31. https://virological.org/t/b-1-258-a-sars-cov-2-variant-with-h69-v70-in-the-spike-protein-circulating-in-the-czech-republic-and-slovakia/613
  32. https://twitter.com/trvrb/status/1356997080976289794
  33. https://flexikon.doccheck.com/de/Neutralisationstest
  34. https://de.wikipedia.org/wiki/Emergenz
  35. https://de.wikipedia.org/wiki/Quart%C3%A4rstruktur
  36. https://de.wikipedia.org/wiki/Prim%C3%A4rstruktur
  37. https://de.wikipedia.org/wiki/Sekund%C3%A4rstruktur
  38. https://de.wikipedia.org/wiki/Terti%C3%A4rstruktur
  39. Es wird auf das Serum einer mit dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer Bezug genommen.
  40. Weiterführend: https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2020.12.17.423313v1
  41. Es wird verzichtet, in diesem Beitrag auf das massive globale Verteilungsproblem hinsichtlich Impfstoff und zahlreicher damit verbundener moralischer Fragen einzugehen.
  42. https://www.labiotech.eu/trends-news/emergex-covid-19-vaccine/
  43. https://immunology.sciencemag.org/content/6/57/eabg6461
  44. freundlicherweise von Cornelius Römer zur Verfügung gestellt
  45. https://de.wikipedia.org/wiki/Perkolationstheorie
  46. Hier ist die Aminosäureaustauschrate gemeint.
  47. Dies suggeriert zumindest der Vergleich der Anzahl Aminosäureaustausche im Spikeprotein von 2,9/Jahr in den Basisvarianten und von 8-10/Jahr bei den „VOCs“.
  48. Weiterführend bezüglich potentieller Evolutionsrichtung: https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2021.01.06.425392v3
  49. Hier: ausnahmsweise mit positiver Konnotation.
  50. Über das Abschreckungspotential von spürbaren Geldstrafen.
  51. Zu datenschutzrechtlichen Themen besteht eine umfangreiche Rechtsprechung des EGMR. Beispiele: https://www.echr.coe.int/Documents/FS_Data_ENG.pdf. Weitere Hinweise: https://www.edoeb.admin.ch/edoeb/de/home/aktuell/aktuell_news.html#-990152656
    https://www.edoeb.admin.ch/edoeb/de/home/aktuell/aktuell_news.html#1848566086

 

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