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Gibt es ihn, den „Treiber der Pandemie“?

Ist es denkbar, dass die Wissenschaft eine Antwort auf die Frage zu bieten hätte, welche Strategie im Umgang mit der laufenden SARS-CoV-2-Pandemie im Lichte einer Gesamtbetrachtung der Problematik – das heißt insbesondere unter Einbeziehung sämtlicher gesellschaftlicher Aspekte – vorteilhafter wäre als alle anderen – uns bisher bekannten – Strategien?

Ein unmittelbarer Einwand gegen eine Bejahung der soeben gestellten Frage wäre die folgende rhetorische Frage: Wenn die Wissenschaft diese Antwort liefern könnte, würde man nicht schon lange diese vorteilhafteste unter den Strategien umsetzen? Statt diese zweite Frage als rhetorische Frage hinzunehmen, wird sie hier als Entscheidungsfrage behandelt… und verneint!

Der Grund, weshalb wir gesellschaftlich nicht notwendigerweise so handeln würden, wie eine wissenschaftliche Gesamtbetrachtung es uns nahelegen würde, liegt in dem Wirken von etwas, was in diesem Text als der wahre „Treiber der Pandemie“ postuliert wird. Es handelt sich um ein gesellschaftliches und kulturelles Problem, das in pluralistischen/individualistischen Gesellschaften seine volle Wirkkraft entfaltet: Es ist in uns verankert, immer auf Sendung zu sein und kaum zuhören zu können. Diesen „Treiber der Pandemie“ kann man gewissermaßen als potentiellen – aber vielleicht nicht unüberwindbaren – Nachteil des gesellschaftlichen Pluralismus, wie er sich heute darstellt, bezeichnen.

Die unangenehmen Erfahrungen in der laufenden SARS-CoV-2-Pandemie lasten auf uns allen. Die Tatsache, dass wir einander kaum zuzuhören gelernt haben, führt in dieser Pandemie bei vielen Menschen zu Frustration aufgrund der entstehenden zwischenmenschlichen Missverständnisse, sei es im öffentlichen Diskurs, sei es im persönlichen Umfeld. Das zu wenig Zuhören hat in Kombination mit der Beschränktheit der individuellen Sicht auf die komplexe Problematik der Pandemie bereits viel gesellschaftliche Zerstrittenheit mit sich gebracht. Schade, denn gesellschaftliche Polarisierung, genährt von benebelnden Emotionen, welche die Sicht auf und das Verständnis für die Emotionen anderer verdecken, bringt uns nicht weiter. Sie trägt vor allem nicht dazu bei, das zu erreichen, was wir alle wollen: schnell die SARS-CoV-2 Pandemie überwinden. Das ist vielleicht der eine auf die Pandemie bezogene Punkt, bei dem sich im Wesentlichen alle einig sein dürften.

Gestritten wird über alles Mögliche. Emotional diskutiert werden etwa Fragen nach der „Verhältnismäßigkeit“ von bestimmten (oder sämtlichen) nicht-pharmazeutischen Interventionen (NPIs) oder nach dem „Treiber der Pandemie“ (insbesondere die Frage, ob Kinder die „Treiber der Pandemie“ seien). Oft sind solche Diskussionen durch Polemik vergiftet. Dieser Beitrag spricht sich unter anderem dafür aus, den Begriff der „Verhältnismäßigkeit“ im Zweifel den Juristen zu überlassen und – wichtiger – fortan auch davon die Finger zu lassen, einer Bevölkerungsgruppe den „Schwarzen Peter“ zuschieben zu wollen, indem man sie als den Treiber der Pandemie bezeichnet.

Den wahren „Treiber der Pandemie“ – so lautet die Kernthese dieses Beitrags – , den gibt es aber dennoch: Er fußt – wie vorstehend bereits postuliert – in der gesellschaftlichen bzw. kulturellen Verankerung der Gewohnheit, auf Sendung zu sein, aber kaum zuhören zu können.

Eine der Folgen dessen, dass zu viel gesendet und zu wenig zugehört wird, liegt in einer extremen Informationsflut. Wir werden mit Information bombardiert. Es ist herausfordernd, Brauchbares herauszufiltern, geschweige denn sich einen Überblick über alle wesentlichen Aspekte sogar einer Problemstellung und zugehöriger Lösungsmöglichkeiten zu verschaffen.

Anders ausgedrückt kommt es zur Informationsverschmutzung: das bezogen auf die Gesamtinformation prozentual Wenige an wesentlicher Information geht in einer Unmenge an unwesentlicher Information, an verzerrten Darstellungen von Sachverhalten oder sogar in Falsch- und/oder gezielter Desinformation unter. Viele Informationskanäle mit anderen Worten mit „Desinformationsmikroplastik“ verschmutzt.

In der Pandemie führt die Informationsüberflutung zu einem nunmehr als „Infodemic“[1] bezeichneten Phänomen: eine Unmenge an Information, teilweise irrelevant, teilweise Falsch- bzw. Desinformation zu Themen, die für die Pandemie besonders relevant sind. Die resultierende Informationsüberflutung überfordert wiederum den Bürger. Hinzu kommt, dass – infolge der Machenschaften des „Treibers der Pandemie“ – ohnehin bereits wenig Information überhaupt zur Kenntnis genommen wird (da ja Senden beliebter ist als Empfangen). Wenn die relevante Information also schon durch Informationsverschmutzung ausgedünnt wird, bevor sie den Bürger erreicht, und dann auch bei Bürgern (verdünnt/verfälscht) ankommt, die darin geübter sind, selbst Informationen zu verbreiten, als darin, Information aufzunehmen, geschweige denn Informationsquellen vor der Berücksichtigung mit äußerster Sorgfalt auszuwählen, dann kommt logischerweise am Ende besonders wenig relevante Information an. So stellt sich denn ein an der Richtschnur des im Lichte der vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse Möglichen gemessen extrem niedriger Grad an Informiertheit ein. Normalerweise mag all dies manchmal oder sogar regelmäßig unbemerkt bleiben. In der Pandemie wirkt sich all dies jedoch relativ störend aus, wie man an dieser Stelle konstatieren darf.

Das Befolgen dieser Regel würde die Qualität der sozialen Medien (hoffentlich!) stark positiv beeinflussen. Diese geäußerte Hoffnung darf als Optimismus verstanden werden, den wir unserer Gesellschaft gerne entgegenbringen möchten. Idealerweise würde das Befolgen der Regel dazu führen, dass die meisten Veröffentlichungen unterbleiben würden. Dann wäre Raum auf existierenden Plattformen vorhanden, den die zu den jeweiligen Themen Informiertesten dazu nutzen könnten, andere effizient zu informieren.

Man höre in der Pandemie also beispielsweise empirischen Wissenschaftlern in der Form von Virologen, Epidemiologen und Immunologen (oder anderen Informierten) zu. Man versuche, eine Sicht auf die herrschende Meinung zu gewinnen, um insbesondere Querschläger herauszufiltern. Man mache außerdem einen großen Bogen um Personen, die sich in Polemik üben. Polemik ist fast nie sachdienlich und ganz einfach kontraproduktiv. Eventuell hilft etwas Instinkt dabei, herauszufinden, wieviel Tiefgang Botschaften unterschiedlicher Individuen haben könnten, besonders wenn die Brille der eigenen Emotionen ab und zu unter lauwarmes Seifenwasser gehalten wird und man sich davon löst, nicht selektiv nur das zu hören, was man hören möchte, sondern sich nach dem Streben nach Erkenntnis auszurichten.

So wie sich die Situation hingegen heute darstellt, braucht es viel Zeit, Disziplin, einen moralischen Kompass und ein vertrauenswürdiges Netzwerk an Bezugspersonen, um auf dem Meer an Information und Desinformation Wesentliches herauszudestillieren. In dieser Situation ist das Irren vielleicht ganz besonders menschlich[2].

Das Problem des genannten „Treibers der Pandemie“ haben autoritär geführte Gesellschaften, also etwa solche mit einem totalitären Staatsregime oder mit einer technokratischen Demokratie, oder allgemein einfach weniger individualistische Gesellschaften weniger oder gegebenenfalls gar nicht. Aus der Ferne kann man versucht sein, feststellen, dass der Kontinent Asien insgesamt wesentlich besser mit der Pandemie umgeht als etwa Europa oder die Amerikas. Es gibt es auch geographische Vorteile, die sich durch weise Führung – d.h. vor allem durch sehr klare, unmissverständliche, eindeutige und zeitlich invariable Kommunikation[3] – in epidemiologische Vorteile ummünzen lassen. Der Australische Kontinent meistert die Pandemie bisher vergleichsweise glänzend. Sich die Strategie abschauen passt hingegen schlecht zu dem genannten „Treiber der Pandemie“.

In europäischen Gesellschaften spielt die Kollektiveinsicht eine entscheidende Rolle. Die politischen und staatlichen Strukturen dieser Gesellschaften erzwingen, dass politisches Handeln ausreichend von der Gesellschaft getragen wird[4]. Andernfalls ist es nicht haltbar. Daher sind Vorwürfe an die Politiker oft nicht fair, jedenfalls aber nicht hilfreich. Der gesellschaftliche Pluralismus entpuppt sich mithin zur Schwäche, wenn Kollektiveinsicht für alle grundlegenden Erkenntnisse unserer hochspezialisierten Gesellschaft, die für eine sinnvolle Strategie in der Pandemie relevant sind, nicht bei einem zum Mittragen der Maßnahmen ausreichend hohen Anteil der Bevölkerung vorhanden ist, und wenn der genannte „Treiber der Pandemie“ verhindert, dass sich eine ausreichende Kollektiveinsicht einstellen kann. Der Vollständigkeit halber ist aber auch zu erwähnen, dass auch die Politiker nicht vor der Gefahr gefeit sind, dass sich die entscheidenden Einsichten nicht einstellen könnten. Es wäre nicht schwierig, hier mit Beispielen die Aussage zu veranschaulichen. Das wollen wir hier aber nicht tun, da der Beitrag sich auf das Konstruktive richten will.

Wie würde sich denn Kollektiveinsicht einstellen? Wohl dann, wenn beispielsweise die Wissenschaft (gemeint sind sämtliche für die Problemstellung relevanten Disziplinen) ein ausreichendes Sprachrohr besäße, dass nicht durch die Informationsverschmutzung übertönt wird. Und dann müsste durch Politiker klar und geradlinig kommuniziert werden, ohne Furcht vor schwindender Wählerschaft. Ohne eine ausreichende Kollektiveinsicht utopisch.

Zusammenfassend vertritt dieser Text also die These, dass der „Treiber der Pandemie“ – das identifizierte gesellschaftliche und kulturelle Problem, das wir fast immer auf Sendung sind, aber kaum zuhören – durchaus verhindern kann, dass eine aus einer wissenschaftlichen Gesamtbetrachtung heraus optimierte Strategie – wenn es sie denn gibt – auch umgesetzt wird. Die Schlussfolgerung dieses Beitrags lautet daher: die angesprochene, aus einer wissenschaftlichen Gesamtbetrachtung heraus optimierte Strategie könnte durchaus existieren.

Der parallele Blogbeitrag mit dem Titel „Erkenntnisse zur Evolution von SARS-CoV-2 als Argument für eine Eliminationsstrategie“ äußert sich zur Ansicht des Autors hinsichtlich der Frage nach einem herausstechenden Kandidaten für eine vorteilhafte und im Lichte einer wissenschaftlichen Gesamtbetrachtung entwickelten (bzw. sich noch entwickelnden, situativ adaptierten Strategie) für den Umgang mit der laufenden Pandemie.

Thomas Wyder hat an der Universität Bern Physik, Mathematik und Biologie studiert und an der Universität Leuven promoviert (Bereich theoretische Physik – Stringtheorie/Quantengravitation Schwarzer Löcher). Heute ist er als Partner in einer Münchner Patent- und Rechtsanwaltskanzlei tätig. Zudem ist er Mitglied der Organisation Endcoronavirus (ECV).

  1. https://en.wikipedia.org/wiki/Infodemic
  2. Insofern ist sich der Autor, der es sich erlaubt, in diesem Text Meinungen wiederzugeben, der keine Ausnahmen machenden Gefahr bewusst, dem Dunning-Kruger-Effekt aufzusitzen zu können.
  3. https://www.theguardian.com/world/2021/feb/26/words-matter-how-new-zealands-clear-messaging-helped-beat-covid
  4. https://www.faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/wie-gross-der-einfluss-von-kulturellen-normen-auf-die-corona-zahlen-ist-17194423.html

 

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