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CoroNews 11.03.2020

Dieser Bericht wird in nahezu allen europäischen Medien gerade verbreitet. Meist, wie hier, weitgehend unreflektiert – und das ist leider eben auch ein Teil der Krise und es ist der Teil, der uns alle trifft: Als Individuum, als sozialer Mensch, als Werktätiger, als Unternehmer, als Anleger usw.

Wir sehen hier die Auswirkungen der beiden zentralen Unterschiede dieser neuen Infektion: Erstens kann sich niemand immunisieren, weder Risikopersonen, noch Mitarbeiter des Gesundheitswesens und daher ist sie zweitens sehr schnell. Nach ersten Schätzungen sind 60% der Bevölkerung potenzielle Wirte, die das Virus am Leben erhalten und weiter tragen. Oft wohl unerkannt, ohne Symptome und bereits bei geringem Kontakt.

Trifft das lokal auf ein dafür nicht vorbereitetes Gesundheitssystem (Personal, Schutzkleidung, Bettenzahl, Beatmungssysteme etc.), kommt es innerhalb weniger Tage zu solchen Zuständen und die haben unmittelbare Folgen: Es muss entschieden werden, wer überhaupt eine Behandlung erhält und umgekehrt eben, wer nicht. Das bedeutet unweigerlich mehr Schäden und Opfer – auch für Menschen, die aus anderen gesundheitlichen Gründen in Not sind.

Es gab hier in der Gegend vor zwei Jahren ein schweres Zugunglück mit einer unvorhergesehen hohen Zahl an Opfern, die unfallchirurgisch versorgt werden mussten. Für die ersten beiden Tage sah es in den umliegenden Krankenhäusern genauso aus – bis man die Verteilung der Patienten im Griff hatte. Warum das in Italien nicht klappt, denn selbst in den betroffenen Regionen ist die Gesamtkapazität der Krankenhäuser noch nicht überlastet, ist sicher eine der Fragen, die man nach der Krise hoffentlich gründlich aufarbeitet.

Denn so ganz der Tsunami ist die Sache nun nicht, davon könnte allenfalls China sprechen. Dass dort mit Notmaßnahmen Kapazitäten aus dem Boden gestampft werden mussten, sollte allen Behörden bekannt gewesen sein. Warum erst jetzt diskutiert wird, dass es keinen Sinn macht, wenn tatsächlich Infizierte und Verdachtsfälle in Arztpraxen oder Notfallaufnahmen in überfüllten Warteräumen zusammengepfercht werden, ist auch eine dieser Fragen. Ich habe mich jedenfalls bei jeder Influenzawelle gefragt, warum ausgerechnet das Gesundheitssystem alles tut, Kranke zuerst mal zusammenzubringen. Zumal wir wissen, dass es auch bei Corona oft dann zu gefährlichen Komplikationen kommt, wenn die betroffenen sich zusätzlich noch andere Infektionen einfangen.

Insofern werden wir erst nach der Krise lernen, welchen Anteil an diesen Zuständen die Krankheit hat und welchen wir als organisatorisches Versagen einstufen müssen. Letzteres wird jedes Land dieser Welt offensichtlich selbst lernen – auch das ist der Teil der Krise, der uns alle trifft.

Was aber stereotyp in alle seriösen Bericht gehört und nicht oft genug möglichst prominent zu nennen ist: Für >90% der Bevölkerung besteht das Risiko nicht in einer schweren Erkrankung, sondern in einer direkten oder indirekten Weitergabe der Krankheit an eine Risikoperson. Das scheinen leider die meisten irgendwie nicht zu kapieren oder falsch damit umzugehen. Es ist nämlich weder richtig, der Sache mit der Sorglosigkeit der eigenen Gesundheit zu begegnen, noch ist es richtig, Panik zu verbreiten und gar anderen lebensnotwendige Dinge wegzukaufen oder mit Halsschmerzen die Kliniken zu stürmen, um nach einem Test zu schreien.

Das berührt den wesentlichen Punkt der Krise, nämlich die Frage, ob wir sie gesellschaftlich gut meistern oder ob wir vermeidbare Kollateralschäden erzeugen.

Ist es denn so schwer, vermeidbare physische Kontakte eine Weile zu meiden? Insbesondere wenn Ältere dabei sind? Ist es so schwer, sich bei Erkältungsanzeichen sogar konsequent selbst eine Weile zu isolieren? Und können wir das alles vielleicht sogar mit guter Laune und ohne Untergangsfantasien tun? Ist es so schwer, zu akzeptieren, dass es nicht schlimm ist, wenn eine neue Krankheit entsteht, die vielleicht tatsächlich irgendwann 60% der Bevölkerung mal durchmachen müssen, damit wir als Menschheit mit dem Ding danach so umgehen können, wie mit einem Dutzend anderer Krankheiten? Und ist es vielleicht an der Zeit, darüber nachzudenken, dass Impfungen, Hygiene und persönliche Vorsorge (Sport, Ernährung, Umgang mit Kontakten) in der kalten Jahreszeit vielleicht mal Normalität werden sollten? Dass es vielleicht schlau wäre, den Karneval in den Sommer zu verlegen und im Winter den Besuch von Thermen- und Saunalandschaften viel mehr Menschen nahezulegen?

Die Menschheit wird Corona gewiss überleben, hoffentlich werden wir gesellschaftlich daran reifen und nicht weiter verarmen. Das könnte uns der Lösung ganz anderer Bedrohungen wie das Bevölkerungswachstum und unserem Umgang mit Ressourcen ein Stück näher bringen. Denn das sind in der Tat Herausforderungen, die wir nur als Kollektiv lösen können. Corona würde die Herde bei einem komplett unkollektiven Verhalten nur gering dezimieren – wenn wir den Planeten weiter auffressen, wird es nicht bei 0,5% bleiben.

https://www.spiegel.de/politik/ausland/coronavirus-in-italien-wie-ein-tsunami-a-634be2c3-3666-434e-be74-44c6452e3690?fbclid=IwAR0t0TWhYdNR3hoq9Jco450iRAm8y_AsuDUZJjrg53CSi5fUW84CCIQwtN8

 

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