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CoroNews 26.03.2020

Wir alle sollten uns bewusst machen, dass die Diskussion über die “richtige” Zahl der Infizierten gerade in die Opferzahlen übergeht. Parallel wird es aus den Krankenhäusern Bilder und Berichte geben, die uns schockieren. Das wissen wir bereits jetzt – wer meinen Empfehlungen zu Primärquellen hier gefolgt ist, weiß das schon seit zwei Wochen.

Es ist wichtig, dass wir in der Öffentlichkeit die Erkenntnisse endlich frühzeitig und richtig nutzen, um der Krise – medial und damit bezüglich unserer Wahrnehmung – nicht dauernd hinterher zu laufen. Denn das RKI macht das von absolut nachvollziehbaren Fehleinschätzungen in der Anfangsphase nach meinem Eindruck sehr gut und sie sind das Denkzentrum hinter der Politik. Wir sollten auch anerkennen, dass wir damit gut aufgestellt sind. Richtig, viele asiatische Nationen sind besser aufgestellt, Orientierungspunkt sollten immer die sein, von denen man lernen kann. In der Krise ist es aber erlaubt, sich auch mit denen zu vergleichen, die das Glück eines guten Krisenmanagements nicht oder erst spät haben. Es geht um die Balance aus Zustimmung und – für den Zeitpunkt – gebotenen konstruktiven Kritik.

Meine Bewertung in Sachen Öffentlichkeit ist eine andere. Gerne täusche ich mich, denn man wird derzeit mit so vielen Meldungen aus den Medien und in kaum konsumierbarer Form in den sozialen Netzen konfrontiert, dass man allenfalls Stichproben machen kann. Dabei sehe ich wenige erste Tendenzen zur Besserung – es könnte sein, dass der Spiegel, die FAZ und die SZ zu einer seriöseren Berichterstattung finden. In der Breite wird es aber eher noch schlimmer, das Beispiel n-tv ist wieder so eines, das bitte nicht ohne meinen Kommentar geteilt wird – dann besser gar nicht teilen!

Das ist in allen, aber auch wirklich allen Dimensionen, ein verachtenswertes Stück journalistisch/verlegerischer Verantwortungslosigkeit. Fachlich, inhaltlich (statistisch invalide Sterbequoten nur als Beispiel), Wortwahl, Teaserbildung, Rundumschlag auf alles und jedes. Mehr sage ich dazu nicht, das wäre nur eine unangemessene Würdigung dieses Pamphlets.

Viel wichtiger ist, was in der Öffentlichkeit nun passieren könnte: Ich beobachte, dass Drosten und das RKI in der Kommunikation etwas schwenken und über die Resistenz des Deutschen Systems sprechen. Das ist gut so, denn die Indikatoren, die ich vom EU-Meldeverfahren nehme, sehen heute erstmals ganz gut aus – für uns, nicht für den Planeten, überhaupt nicht!

Ich kann daraus noch keinen Trendwechsel bei uns ablesen, aber das RKI ist gewiss mit der Einschätzung besser und schneller. Ich interpretiere dieses erste Signal in meinen Daten und die Reaktion des RKI mal als Indikator der Entspannung auf hohem Stress-Niveau.

Leider ist dem RKI aber in keiner Phase ein größerer Einfluss auf die mediale Welle der gemeldeten Zahlen gelungen, in den sozialen Netzen soweit ich das sehen kann, schon gar nicht. Wenn das nun schief geht, kann es passieren, dass Drosten und Wieler die Maßnahmen loben und dem Gesundheitssystem zwar Stress, aber keinen Zusammenbruch attestieren – während in den Medien Horrormeldungen über ein Massensterben die Welle machen. Und das dann an einem Punkt, an dem die Bundesregierung über eine Lockerung der Maßnahmen nachdenkt. Deshalb schreibe ich das hier, denn wir dürfen keinesfalls in eine Asymmetrie aus Wahrnehmung, tatsächlicher Entwicklung und verantwortbaren nächsten Schritten kommen!

Das droht aber, denn Tote sind ein gewaltiges emotionales Signal. Da wir nun aber bereits wissen, dass wir über einen längeren Zeitraum sehr kurze Verdopplungen der Infizierten hatten, wird das mit derselben Rate bei den Opfern passieren. Das ist leider so, wir sollten aber medial darüber nachdenken, BEVOR diese Welle kommt: Aus 100 Opfern werden 200, dann 400, 800, 1.600 usw – vermutlich über eine Phase alle zwei Tage, bis wir in die nachlaufende Entwicklung des Shutdowns kommen. Da wir auch hier wieder über das „Meldewesen“ fast schon verschwörungstheoretische Debatten befürchten müssen, sei auch dazu bereits vorab festgestellt: Diese Zahlen werden mit Sicherheit stoßweise kommen, wie wir es – leider – auch bei den Infizierten hatten.

Es wird also mal etwas weniger gemeldet, dann aber einen Tag später umso mehr. Mit ausreichendem Abstand wird man diese Daten statistisch glätten und wir wissen leider bereits jetzt, was das letztlich bedeutet: Es läuft für eine Phase auf eine mehrfache und sehr schnelle Verdopplung von Todeszahlen hinaus und es wird auch immer wieder „Tages-adhoc-eil-besonders-wichtig-wir sterben alle-Schockmeldungen“ geben – und die Zahlen dahinter werden uns tatsächlich schockieren, jeden.

Das wissen wir aber jetzt schon und es ist wichtig, dass wir uns klar machen: Es ist die Folge einer Infektionsrate aus der Vergangenheit. Was wir da sehen werden, ist fürchterlich, es passiert auch hier und heute, aber so schwer es sein wird, das zu verarbeiten: Es ist NICHT die Situation, in der die Krankheit zu dem Zeitpunkt verläuft. Wir müssen es schaffen, unsere Wahrnehmung auf das zu richten, was kommen wird – und das sieht wie gesagt erstmals etwas besser aus.

Wir wissen auch noch nicht, wo das endet. Vielleicht ist das RKI weiter, ich werde wie immer die qualitativen Zwischenbemerkungen von Wieler beachten und nicht die Zahlen, die er – zu Recht! – lustlos abliest. Es verdichtet sich zunehmend, dass das Virus vermutlich schon im Dezember begonnen hat, pandemisch zu werden. Epidemisch war es im Süden Europas bereits im Januar. Ob auch wir trotz vergleichsweise guter Testquote eine sehr hohe Dunkelziffer vor uns herschieben, wird sich nun an den tatsächlichen Zahlen in den Krankenhäusern zeigen. Wie gesagt, vielleicht weiß das RKI mehr und es kommt keine große Welle oder „nur“ regional – umso besser.

Aber wir werden definitiv dieselbe Geschwindigkeit bei den Opferzahlen zu verarbeiten haben, wie es sich aus den Anfangs harmlos klingenden ersten 100 Infizierten bundesweit innerhalb weniger Tage auf vier und fünfstellige Werte aufgeschaukelt hat. Das darf keinesfalls so eskalieren und so gedankenlos durch die Medien sowie sozialen Netze getragen werden, wie die emotional viel distanzierteren Infektionszahlen.

Leider fängt aber genau das Gegenteil schon an. “So viele Opfer in so kurzer Zeit, noch nie sind so viele” usw. usw. Wenn das so weiter geht, haben wir in den Medien Horrormeldungen, während die Krankheit in der Fläche schon längst gebremst ist.

Wir alle sollten dazu beitragen, das zu verhindern – beispielsweise durch maßvollen Protest in Kommentaren. Das ist momentan meine Hauptbeschäftigung, es ist aus meiner Sicht Bürgerpflicht, das zu tun.

 

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