dirk specht beitragscover

CoroNews 04.04.2020

Momentan ist die Nachrichtenlage einigermaßen unerträglich. Heute Nachmittag musste ich leider meine Ex-Kollegen von der FAZ etwas „anfassen“ und ich dachte, heute empfehle ich gleich zwei Spiegel-Artikel, die es nun nur noch in die Kommentare schaffen. Denn gerade steht auf der Seite ganz oben wieder so ein vollkommen sinnfreier Wort- und Zahlensalat mit Verlinkung des Antes-Interviews. Ich bin mir sicher, dass dieses Interview einfach super Clickrates bringt, dann muss man das weiter pushen – die Ökonomie der Meinung und Orientierung schaffenden Branche lässt grüßen.

Dazu sage ich jetzt nichts mehr. Wer dieses hilf- und orientierungslose Gelaber im statistischen Nirvana noch braucht, dem kann ich hier auch nicht mehr dienen. Mir tun die Leute vom RKI nur noch leid, die müssen auf den Mist wohl irgendwie reagieren. Gestern dachte ich, es bessere sich …

Solche Beiträge und die von der Sorte „aber die Wirtschaft“ werden leider begleitet von einer erkennbaren Zunahme der Stressnachrichten aus den Krankenhäusern. In der Öffentlichkeit führt das zu einem Aufflammen der scharrenden Hufe, während parallel die Leute an der Front in Deckung gehen. Eine aberwitzige Lage – und draußen kommt der Frühling so ruhig daher.

Nein, nichts ist ruhig, leider. Wer die Stimmen der vielen Offiziellen, die monoton von der Ruhe vor dem Sturm sprechen, die betonen, das Schlimmste komme erst noch, wir hätten es keineswegs hinter uns, hört, sollte ein wenig auf die Kommunikationspolitik von Verantwortlichen achten: Die wissen meist, was sie sagen, wenn sie so was sagen.

Dabei sind die beiden Spiegel-Artikel, die ich unten in den Kommentaren anhänge, tatsächlich wertvoll. Sie werfen ein besseres Licht, auf das, was in den Krankenhäusern passiert und wo die Engpässe liegen. Vielleicht versteht man nach dem Studium dieser Beiträge und meiner weiteren Gedanken, weshalb ich heute so über den FAZ-Artikel hergefallen bin, der ausgerechnet zeitgleich kam. Das ist so ein schlechtes, dummes, überflüssiges Timing – ich verstehe die redaktionelle Steuerung an der Stelle nicht. Es ist ein Beitrag, der ohne Weiteres auch deutlich später möglich gewesen wäre, es gibt überhaupt keinen Grund, so etwas heute in diese angespannte Lage hinein zu posaunen.

Was ich eigentlich heute viel ausführlicher tun wollte, ist eine Zusammenfassung einiger Studien über den klinischen Verlauf von Covid-19, die ich sehr wichtig finde und die in den beiden Artikeln ein wenig klarer werden. Covid-19 ist nämlich auch in den nun klarer werdenden schweren Verläufen anders als Influenza. Wenn das Virus die Lunge befällt, es also zu einem schweren Verlauf kommt, sind sowohl die erforderlichen Behandlungen als auch die Belastung sowie die Folgerisiken der Patienten signifikant schwerer als bei eine Influenza.

Damit will ich auf folgenden Punkt hinweisen: In den Medien wird immer auf die Sterberate hingewiesen, eine Diskussion über Beatmungsgeräte geführt und die Forderung aufgestellt, davon solle man halt genug bereitstellen und dann sei alles prima. Das ist grober Unfug, denn es geht hier um folgende Dimensionen:

Erstens das Personal: Aus Wuhan, Italien, Spanien und Frankreich werden viele Sterbefälle unter Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern gemeldet. Wie hoch die Quote ist, wird sehr strittig diskutiert, dass sie sehr klar über der Sterblichkeit der Vergleichsgruppe (Alter, Vorerkrankung etc.) liegt, ist unstrittig. Christoph Koch hat heute eine traurige Liste aus Italien veröffentlicht, die weder vollständig, noch abgeschlossen ist. Es gibt zur Ursache bisher keine validen Erkenntnisse, aber es verdichtet sich, dass es mit der Art der Infektion zu tun hat. Ich hatte es vor einigen Tagen bereits geschrieben: Bildet sich die Infektion nicht im Rachen, sondern direkt in der Lunge, ist das für jeden Patienten lebensgefährlich. Man vermutet nun, dass die Arbeit in einer zu hoch belasteten Luft dieses Risiko erhöht.

Jaja, das ist alles mal wieder nicht evident und so. Dass diese Mitarbeiter in den Krankenhäusern aber nicht an Herzversagen gestorben sind, darf man auch als evidenzbasiert Denkender einfach mal annehmen und sie sind auch nicht die Treppe runter gefallen. Das ist ein Grund, weshalb weltweit nun so ein Kampf um Atemmasken und Schutzkleidung entbrannt ist – und weshalb die verdammt noch mal in die Kliniken gehören!!

Aus Spanien berichten Studien, dass man mit Notlazarretten in besonders großen, fensterlosen alten Fabrikhallen bei einem Bettenabstand von fünf Meter weniger „Komplikationen“ beim Personal habe. Schutzkleidung ist in Spanien kaum noch vorhanden, in den Krankenhäusern arbeiten Tausende ohne.

Wenn ich zeitgleich in Foren lese, die Ärzte und Schwestern sollten sich doch bitte nicht so anstellen, das verlaufe bei denen schließlich harmlos und mit leichten Halsschmerzen könne man seine Arbeit fortsetzen, könnte ich einfach nur noch ko…

Die hässlichen Fratzen, die unsere Gesellschaft teilweise offenbart, lassen mich in Sachen Schutzmasken an gänzlich andere Gestaltungen denken. Vielleicht verzeiht man mir jetzt meinen Ausbruch in Sachen FAZ – es ist nicht leicht, das alles parallel zu lesen.

Wenn dann auch noch in ungehemmter Arroganz Top-Journalisten palavern, die paar Beatmungsgeräte solle unsere Deutsche Industrie doch mal schnell über den Zaun werfen, bekomme ich spitze Zähne. Es handelt sich bei diesen Geräten nicht um Frischluftpumpen, die man an einen Menschen anschließt, damit der seinen Luftkuraufenthalt genießt.

Diese intensivmedizinische Behandlung ist aufwendig, sie muss von erfahrenen Leuten gemacht werden, alleine die regelmäßige richtige Druckkalibrierung oder die Einleitung anderer Maßnahmen entscheidet über Leben und Tod – innerhalb von Minuten.

Das müssen die Mitarbeiter mit FFP2-Masken und Schutzanzügen tun – ich hatte so was vor vielen Jahren mal testweise auf, für fünf Minuten, dann habe ich es nicht mehr ausgehalten. Wer sehen will, wie eine Krankenschwester nach einigen Stunden Dienst in so einer Ausrüstung aussieht, kann im Internet sehr einfach Bilder finden. Richtig, aus Wuhan, Italien und Spanien – also nicht „bei uns“. Noch nicht.

Was die Patienten betrifft: Das ist ein Martyrium! Diese Menschen kämpfen tagelang gegen einen dauerhaft laufenden Erstickungstod. Sie tragen erhebliche Schäden davon, wenn sie das überleben – vielleicht für Monate, Jahre oder immer. Da gibt es noch keine Evidenz.

Den Statistik-Freunden, die gerne wissen wollen, wie viele Menschen daran sterben, um rechnen zu können, ob es nun so oder so weiter gehe, sei damit gesagt: Jedem Toten stehen fünf bis zehn gegenüber, die eine sehr „ressourcenintensive“ Behandlung benötigen. Covid-19 ist komplizierter zu „berechnen“, als viele das tun. Es ist keine Grippe. Es ist eine gänzlich andere Belastung für die Kliniken, 100 Covid-19 Patienten verursachen dort eine komplett andere Situation als 100 Influenza-Kranke – und das hat mit weit mehr zu tun, als mit Beatmungsgeräten.

Diese Krankheit erzeugt nicht nur zu schnell zu viele Infizierte, sie erzeugt auch zu viele schwere Verläufe, die ein Gesundheitssystem nicht mehr auffangen kann. Wer das auf Sterberaten und Verfügbarkeiten von Atemgeräten reduziert, hat die Größe des Eisbergs nicht gesehen und sollte in der Öffentlichkeit – egal, ob Medien oder soziale Netze – besser schweigen und lernen.

Ich sage das hier mit Demut, denn ich könnte es auch nicht “besser” rechnen, ich kann nur beurteilen, wie perfide und die Situation verachtend sich hier viel zu viele äußern. Wir brauchen ganz dringend eine Umkehr der “Beweislast”. Wenn aus bequemen Sesseln herablassend Beweise für die Gefährlichkeit dieser Krankheit gefordert werden, so muss das mit Blick auf die Bilder aus aller Welt endlich aufhören. Wer glaubt, Covid-19 sei harmlos, überschätzt oder sonst was, soll das beweisen – und bitte nie mehr mit dem Hinweis, bisher sei ja nichts passiert. Das ist mit Blick auf den Planeten einfach nicht mehr haltbar und diese “aber bei uns” Argumente werden es leider sehr bald auch nicht mehr sein – dumm waren sie gestern schon, bald werden sie peinlich sein.

Schon wieder so viel Text, ich weiß. Zu den Daten heute also wirklich nur kurz: Schweden hat heute seinen Sonderkurs beerdigt, eine sinnlose Debatte weniger. Das war in den Oxford-Verläufen schon am Montag erkennbar, ich hatte es geschrieben. Heute daher wieder die traurigen Opferverläufe mit kaum anderer Bewertung zu gestern:

Italien hat die erste Welle überwunden, ich sehe es für Spanien inzwischen auch so. Eine wirklich schlechte Nachricht ist für mich Frankreich, denn dort ist immer noch nichts erkennbar, eher das Gegenteil. Die Maßnahmen wirken, bitte nicht mit den Infiziertenzahlen verwechseln. Auch in Frankreich ist der Trendwechsel sichtbar, die Ausbreitung wird langsamer, aber das Ende der ersten Welle ist nicht absehbar. Das ist auch bei uns nicht anders als gestern: Ob der Deich hält, wissen wir nicht. Ich muss leider wiederholen: Ich fürchte, er wird lokal nicht halten, auch wir werden Kliniken sehen, die keine Patienten mehr aufnehmen können. Ob das dann national aufgefangen werden kann? Ich weiß es nicht, aber ich halte es inzwischen für kaum machbar, die klinische Dynamik dieser Krankheit ist teilweise genau so schnell, wie ihre Ausbreitung.

In Europa sieht es ansonsten überwiegend auch nicht gut aus. Die Kurven in UK, NL und jetzt halt auch Schweden laufen ohne erkennbaren Trendwechsel. Das Ende der ersten Welle ist in Europa noch nicht in Sicht. Dasselbe gilt für die USA, was auch kaum erstaunt, denn wie ich vorgestern geschrieben hatte, laufen die wahrscheinlich nicht hinterher, sondern parallel zu Europa – sie wissen es jetzt erst oder sie lassen dieses Wissen nun zu, wie auch immer man das bewerten mag.

Die beiden Spiegel-Artikel unten im Kommentar. Ich hätte gerne frühlingshafter geschrieben, aber ich bleibe Realist.

 

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