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CoroNews 07.04.2020

Heute gibt es was zu beißen, hartes Brot – und ich meine nicht die Zahlen.

Gestern hatte ich meine Meinung zu einer öffentlichen Diskussion über Lockerungsmaßnahmen geäußert. Dazu gab es einige Kommentare und viele direkte Nachrichten, es ist auch in anderen Profilen heftig diskutiert worden. Das finde ich alles nachvollziehbar, meine Meinung habe ich nicht geändert.

Gerne weiter Widerspruch und gerne auch offen, ich kann das vertragen, es muss nicht per PM sein. Wenn der eine oder andere dadurch seine Argumente besser durchdenkt und vielleicht auch die Wortwahl etwas schleift – muss nicht schlecht sein 😉

Wie fürchterlich komplex das Thema ist, versuche ich durch einige Gedankenspiele darzustellen.

Wir haben auch heute noch eine Diskussion über Sterberaten, richtige Zahlen, Sterbeursachen etc. Sogar in den Medien – aber keine Sorge, ich lasse es heute mal … obwohl … auch heute … immer noch …

Nehmen wir aber für einen kleinen Moment mal an, es gebe tatsächlich ein Problem mit diesem Covid-19 und tun mal so, als stimmten diese komischen Exponentialkurven, die ich hier aus der ganzen Welt täglich zusammenfasse. Nehmen wir sogar an, Deutschland liege auf dem Planeten Erde, sei auch gar nicht so furchtbar abgeschieden und selbst „bei uns“ werde das so laufen.

Nun gehen wir aber vier Wochen zurück, erinnern uns an den Beginn in Italien, an die schon verdrängten Bilder aus Wuhan. Dann kommt einer daher und rechnet aus: Wenn wir jetzt einen Lockdown machen, bleiben wir unter 1.000 Toten, wenn wir zwei Wochen warten, werden es 10.000 und wenn wir gar einen Monat warten drohen uns sogar 100.000 und parallel 10 Millionen mit mehr oder weniger schwerer Erkrankung.

Davon sieht man aber vor vier Wochen nichts. Es ist jedoch höchste Eile geboten, sagt die Excel-Tabelle. Alle zwei Tage verdoppelt sich das Problem, in 10 Tagen ist es nicht zehn Mal schlimmer, sondern 32 Mal, in 20 Tagen 1.024 Mal und in 40 Tagen 1 Million Mal. Wenn wir also nur 10 Infizierte irgendwo im Land haben, sind das in 20 Tagen ohne Gegenmaßnahmen 10.000 und in gut einem Monat 10 Millionen. Eine Zahl, die Prof. Wieler mal nannte, als er gefragt wurde, ob man denn nicht warten könne, bis man genauer wisse und das Gesundheitssystem sei doch und die Statistik so unklar und erst ein paar Tote und so weiter und so traurig.

Das ist Exponentialrechnung, nicht nur für Schüler oder Studenten schwer. Sie stellt auch alle etablierten Denk- und Entscheidungsprozesse, Handlungsmuster, bestehende Organisationen und etablierte Mechanismen unter einen fürchterlichen Druck. Das merken wir alle, wir sitzen immer noch wie geschockt da und müssen das erst mal verarbeiten. Wir schauen nur vier Wochen zurück und kommen gar nicht hinterher, was passiert ist – unser gewohntes Leben ist mit einer Geschwindigkeit auf den Kopf gestellt, die wir seelisch und mental erst mal nachvollziehen müssen.

Die schwierige Frage ist also, ob wir bereit sind, zur Verhinderung einer unbekannten Gefahr von gewaltiger Größe, einen sehr hohen Preis zu zahlen. Was wiegt mehr: Die Größe der Gefahr oder die Ungenauigkeit der Prognose – wenn zugleich die Prognose sagt: Heute musst du entscheiden, nicht nächste Woche und gewiss nicht nächsten Monat.

Ich halte es für vollkommen ausgeschlossen, dass eine öffentliche Debatte oder ein demokratischer Meinungsbildungsprozess so etwas leisten oder auch nur begleiten kann. Nun ist das auch nicht so gekommen, denn wir delegieren solche Entscheidungen an unsere Regierungen und die sind weltweit inzwischen so gut wie alle auf dieselben Maßnahmen gekommen – was die Debatte bei uns übrigens immer noch nicht beendet.

Nun ist uns diese Entscheidung ja abgenommen worden.

Wirklich? Wenn jetzt über „Exit-Strategien“ diskutiert werden soll, müssen wir doch erkennen: Das ist genau dieselbe Entscheidung!

Machen wir mal einen ersten Versuch: Nehmen wir an, es gehe „nur“ darum, dass 95% von uns mit der Sache nichts zu tun haben und 5% gefährdet sind. Vorab möchte ich klarstellen, dass ich das für kompletten Unfug halte. Aber es wird bereits jetzt genau so diskutiert, die einen nennen es die medizinisch einzige Strategie der „Herdenimmunität“, die anderen sprechen von der Wirtschaft, die nächsten von unseren Grundrechten.

Schon richtig, der Staat hat Minderheiten zu schützen, aber das muss er angemessen im Interesse aller tun. Die großen Denker schlagen dazu vor, halt die Gefährdeten unter Quarantäne zu stellen und den anderen ihre Freiheitsrechte wieder zu geben. Nach dem Motto: Die Lösung steht doch in der Verfassung, was soll die Diskussion.

Wir lernen in dieser Zeit einen gewaltigen Unterschied zwischen Menschen, die sich weiter gerne die große Flughöhe gönnen und solchen, die bereit sind, auch mal Bodenarbeit zu leisten, ganz unten, da wo es konkret wird, Mühe macht, die bösen Fragen der Umsetzung, der Machbarkeit lauern und wo das in unserer Gesellschaft allerschlimmste droht: Da kann man Fehler machen und die sind auch noch nachweisbar.

Eklig für große Denker, Ex-Verfassungsrichter und viele gehoben intellektuell Arbeitende, ja, auch für viele Politiker und Manager. Einige werden uns verlassen in dieser Krise, von denen hören wir plötzlich nichts mehr, das fängt schon an.

Was das mit Öffentlichkeit zu tun hat? Dort greift doch derselbe Mechanismus! Ich will das Problem eigentlich gar nicht haben, hier ist eine „politisch korrekte“ Lösung, die setzen wir nun um, nächstes Thema. Es muss nicht so weit kommen, wie in den faschistoiden Kreisen, die sich nicht mal Gedanken machen, ob man „die Alten“ schützen kann – sterben sollen sie, wenn sie zu schwach sind. Auch das wird mehr oder weniger offen kommuniziert. Wie soll Öffentlichkeit ein Problem lösen, bei dem es heißt, es gehe um 95 zu 5?

Was soll sie da tun, die Öffentlichkeit? Ich habe dazu eine klare Meinung: Sie wird sich selbst in die Tasche lügen. Das ist immer die öffentliche Lösung für solche Probleme. Bei der Rentenpolitik mag das noch gehen, da züchtet man halt von Jahr zu Jahr ein Problem heran, bis es platzt. Dann werden ein paar Schuldige gekreuzigt, es wird gejammert, dass das Problem früher viel kleiner war, hätte man doch und so weiter. Schließlich erkennt man, dass der Preis halt größer geworden ist und bezahlt ihn irgendwie. Nächstes Thema.

Aber bei Covid-19? Besser mal nicht, das würde die exponentielle Ausbreitung wieder los lassen und zwar auf einer vermutlich viel höheren Basis als vor vier Wochen. Bloß nicht, wir hätten vier Wochen später eine Welle, die viel höher ist, als das, was wir derzeit mit aller Kraft wieder einfangen.

Denn – und das macht es halt so kompliziert: Herdenimmunität, Schutz „der Alten“ – das ist in die Tasche lügen, aber es ist doch so ein süßes Gift, wie grandios wäre es, dem zuzustimmen. Ob das klappt, ob das geht, ob das Sinn macht – darauf lassen wir es mal ankommen. Wie bei der Rente. Aber bitte nicht bei Covid-19!

Ich finde es immer noch so unerträglich, dass über Sterberaten und die daraus abgeleitete Gefährlichkeit diskutiert wird. Als ob es darum gehe, die Krise „am Rande der Kapazität“ des Gesundheitssystems zu fahren, bis Herdenimmunität erreicht sei. Und dass man dabei „die Alten“ besonders schützen müsse, damit das Gesundheitssystem noch ein wenig mehr „Freiheit“ der 95% zulässt. Ja, wie will man denn einen biologischen Prozess dieser Dynamik „fahren“. Wir sollten doch vielleicht demütig akzeptieren, dass der eher uns fährt!

Die Gefahr von Covid-19 ist nicht die Tödlichkeit, sondern die Geschwindigkeit. Es geht daher um weit mehr als das Gesundheitssystem – und dort um weit mehr als die Frage der „Sauerstoffpumpen“ und wie viele „Alte“ man bei der Fahrt an der Kante „durchschleppen“ kann. Der Aufwand alleine im Gesundheitssystem ist gewaltig, es geht nicht nur um die Fälle, die sterben. Es geht um alle, die stationär behandelt werden müssen, um den damit verbundenen Aufwand, um Risiken für die Krankenhäuser etc. etc. Natürlich geht es auch um die, die zuhause krank liegen – für zwei oder mehr Wochen. Wenn wir bei einer Bevölkerung unserer Größe in einem Zeitrahmen von einem Quartal einen Krankenstand von mehr als 10 Millionen durchlaufen wollen, können wir die hübschen Quoten, dass es doch nur „die Alten“ trifft, gepflegt vergessen. Dann fallen so viele Mitarbeiter von Polizei, Feuerwehr, Versorgungswerken, Logistik etc. aus, dass wir froh sein können, wenn nicht alles zusammenbricht – und es werden absolut auch viele von denen sterben!

Soweit ich es beurteilen kann, gibt es bei Covid-19 nur die asiatische Strategie: Eindämmung der Kontakte in der Gesellschaft, um die Epidemie in einem Minimalzustand zu halten, bis ein Impfstoff zu erwarten ist. Mit so einer Naturgewalt Spiele zu machen, kann niemand ernsthaft verantworten. In Asien denkt wirklich niemand über mehr Sauerstoffpumpen und die Bettenzahl nach. Diese Länder gehen sehr konsequent so vor, dass die Ausbreitungsraten beherrschbar bleiben und sie reagieren sofort – wie heute Japan – wenn es irgendwo zu sehr aufflammt.

Im Ergebnis bedeutet das Fallzahlen, die sogar weit unter den Möglichkeiten des Gesundheitssystems liegen. Aber darum geht es gar nicht, das ist nicht deren Zielgröße. Es geht um die Frage, was beherrschbar ist und was nicht.

Ich hätte gerade wegen der letzten Wochen große Bedenken vor einer zu breiten öffentlichen Diskussion. Was ich wahrnehme, orientiert sich bereits heute mehrheitlich an der Bettenzahl. Das ist nicht nur unter humanitären Gesichtspunkten fraglich, es ist auch jenseits des Kontrollierbaren.

Auch wenn ich mich mit meinen Thesen unbeliebt mache, aber ich finde derzeit großen Wert in unserer Form der repräsentativen Demokratie: Wir wählen eine Regierung und die entscheidet für uns.

Wenn die uns nun Masken auferlegt, Kinos verbietet und in den Biergärten Tische mit zwei Meter Abstand vorschreibt, dann werde ich dem folgen und froh sein, dass ich solche Entscheidungen nicht treffen muss. Zudem habe ich Vertrauen, dass es wie von der Bundesregierung bereits kommuniziert darum geht, die Ausbreitungsrate in beherrschbaren Grenzen zu halten. In Asien sehen wir, dass man damit sehr gut leben kann – wir sollten das nicht mehr als Horror und Freiheitsberaubung sehen, sondern als Weg, mit einem guten und sicheren Leben zu überleben.

Heute folgende Zahlen, nur Steno: Wir haben derzeit ca. 10.000 Patienten in den Kliniken. Das klingt gut, sagt aber nichts. Die wurden zu einer Phase infiziert, als die Epidemie noch mit Verdopplungsraten unterwegs war. Wir werden also noch mehrfache Verdopplungen der Zahlen sehen und das ist der Grund, weshalb es da draußen so scheinbar ruhig ist, während diejenigen, die endlich kapiert haben, was kommt, wirklich jeden Tag gebannt die Aufnahmezahlen beobachten.

Ich verlinke unten eine Seite, in der man für die Öffentlichkeit nach einem Ampelsystem die Belegungen ablesen kann. Es sind aber nicht alle Kliniken angeschlossen. Wir sehen bereits heute, dass die Epidemie natürlich regional unterschiedlich läuft. Daher – das hatte ich gestern geschrieben – kann ich wenig beitragen. Wir müssen schlicht schauen, wie schnell und oft sich die heutigen Zahlen noch verdoppeln – für ca. zwei Wochen. Die Kanzlerin hat diesen Termin nicht gewürfelt!!

Dasselbe gilt in Frankreich. Dort entspannt sich die Lage im Elsass, während es in Paris nun leider anzieht. Daher wird es in dem Land auch nicht so schnell lockerer werden. Ich bin gespannt, wie sie es steuern wollen, denn die Regionen laufen sehr verschieden. Das erwarte ich übrigens auch bei uns!

Auf Ebene der Länderdaten in Europa keine andere Aussage als gestern: Italien und Spanien haben die erste Welle gesehen, die anderen Länder nicht. In den USA läuft gerade der „Höhepunkt“ auf New York zu und für die „Fans“ der Übersterblichkeit: In New York sind bereits jetzt 13% mehr Menschen über ALLE Todesarten gestorben als in der Vergleichsperiode der Vorjahre – und die Epidemie läuft immer noch mit steigenden Opferzahlen. Auf Landesebene der USA ebenfalls kein Trendwechsel, dort baut sich insgesamt immer noch die erste Welle auf, selbst die Infiziertenraten zeigen keinen Trendwechsel. Russland, Brasilien, Indien, Türkei – genauso. Europa steht bereits nicht mehr im Fokus, die USA bekommen zunehmend „Partner“.

Bitte wie immer richtig einordnen: Wir haben bald den Kamm hinter uns und dann wird es besser. Ich freue mich auf den Frühling und bin sehr sicher: Da geht was!

 

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