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CoroNews 09.04.2020

9. April Morgens

Für die Freunde evidenter „Übersterblichkeit“ – endlich wird in Europa für diese Statistik genug gestorben. Aber nicht „bei uns“, ganz richtig. Das ist Zweck unserer Maßnahmen, klappt bisher gut. Für alle Freunde, des Loslassens: Diese Statistik wird fortgeschrieben. Wie das? Nun, wer den Unterscheid von Tag und Jahr nicht kennt, an den habe ich eine Bitte: Einfach tun, was die Regierung sagt, auch wenn es der Statistik-Experte aus der Kellerwohnung gegenüber oder ein „Wissenschafter“, den ein Freund kennt, anders sehen.

Und ganz besonders an „die Jüngeren“, die gerne fürsorglich genug Sauerstoffflaschen für „die Alten“ beschaffen wollen: Vorsicht, von euch sterben auch schon genug! Mein Tipp: Sogar statistisch mehr, weil „den Alten“ ja tatsächlich viele gesundheitliche Risiken drohen, bei euch aber nur eine. Gemein, oder? Ist Statistik, ist nicht gemein, wer sagt denn sowas.

Warum der Spiegel in diesem Beitrag schon wieder das Antes-Interview verlinkt, das genau diese aktuellen Zahlen bezweifelt – keine Ahnung, aber ich will nicht alles wissen.

https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-erhoeht-todesraten-in-mindestens-sieben-europaeischen-staaten-a-06dce7ce-a10c-4b2b-a4f2-9b92048698c4?fbclid=IwAR0DpTS-VK26zeY99KBCt-3JcMLkwg7FBh-siXOz3cYIpxQdndE23rkkLP4

 

9. April Abends

Morgens entwickle ich immer Ideen, was ich am Abend so schreiben möchte – und über Tag ist dann doch wieder alles anders.

Ich wollte heute über Südkorea schreiben, weil ich gestern in einigen Profilen gesehen hatte, dass meine Beiträge Angst auslösen. Ich kann leider nicht überall mit diskutieren, es ist zu viel geworden. Zur Angst besteht kein Grund, wir sind auf einem guten Weg. In Südkorea ist es zwar besser gelungen, die erste Welle einzufangen, in anderen Ländern Asiens hat man sie bisher im Wesentlichen verhindern können. Aber Südkorea musste das tun, was die Europäer mehr oder weniger spät auch getan haben, daher finde ich dieses Beispiel so hilfreich. Das Land hat auch eine große erste Welle eindämmen müssen und lebt nun gut mit der laufenden Epidemie. Dort können wir in ein paar Wochen auch sein – wir haben es selbst in der Hand!

Aber dann kam Heinsberg – und nun ist Südkorea wieder weit weg. Was ist da passiert mit dem „Heinsberg Protokoll“, aus dem hoffentlich mal die „Akte Heinsberg“ wird? Ich will das gleich richtig einordnen, was dort passiert ist, hat mit Skandal, Verschwörung oder Ähnlichem nichts zu tun. Es ist „nur“ unverantwortlich – jedoch in einer Zeit, in der es um Vertrauen und Orientierung geht. Mein Thema von gestern.

Ich hatte in den letzten Tagen diesen nutzlosen Streit der Wissenschaftler Drosten/Streeck de-eskaliert. Hier und in vielen Profilen. Man kann das gerne nachlesen. Insbesondere hatte ich erwähnt, dass es in Heinsberg eigentlich nur darum gehe, bereits aus anderen Studien abzuleitende Kenntnisse zu bestätigen, dass es in der Wissenschaft keinen großen Dissens dazu gebe. Das ist auch so. Ich will die ganzen Zahlen nicht wiederholen, ich hatte sie alle genannt: Sterblichkeitsraten, vermutete Durchseuchung, Infektion über Oberflächen etc.

Heute Mittag wiederholte sich das in einem anderen Profil, in dem wir genau diese Schätzdaten bereits jetzt mal austauschten und diskutierten, was man damit denn wohl anfangen könnte. Das Ergebnis lautete: Wohl nicht viel.

Dann kam die Pressekonferenz der Herren Laschet und Streeck. Wie ich so oft hier feststellen musste: Alles richtig formuliert, die Ergebnisse wurden genannt, es wurde darauf hingewiesen, dass die nicht auf Deutschland übertragbar seien und dass man nun schauen müsse, wie man es zur Abschwächung des Lockdown nutzen könne. Aber es gab natürlich viele qualitative Aussagen zwischen den Zeilen: Streeck wird zitiert mit: Weil die meisten Menschen “so aktiv und diszipliniert” mitmachten, sei es jetzt möglich, in eine “Phase zwei” einzutreten. Wichtig sei allerdings, dass hygienische Verhaltensweisen weiterhin eingehalten und Risikogruppen maximal geschützt werden. Laschet sprach von einem „flexiblen Einstieg“ und führte dazu detaillierte Überlegungen zu Läden und zur Automobilindustrie an.

Es war für mich recht klar, dass der – geringe – Neuigkeitswert dieser Studie, die Zahlen, die Methodik und die Frage der Übertragbarkeit auf das Bundesgebiet in der PK allenfalls als Grundrauschen wahrgenommen wurden und dass diese “Ankündigungen” rasch die Runde machen dürften. Dazu habe ich einen kleinen Beitrag abgesetzt, den ich hier nicht wiederholen muss. Gerne nachlesen und vor allem erkennen, wie schnell sich genau diese Prognose der großen Medienwelle bewahrheitete. Und die fängt gerade erst an.

Herr Laschet trifft nächsten Mittwoch auf seine Amtskollegen und die Kanzlerin zur weiteren Abstimmung. Die wissen nun über eine Pressekonferenz, was er mitbringt. Herr Streeck hat als Wissenschaftler seine Ergebnisse ebenfalls bisher nur hier „publiziert“. Parallel nehme ich in den mir verfügbaren Kanälen der Wissenschaft ein Rätselraten wahr, was Streeck da nun im Detail wirklich rausgefunden hat, wie es methodisch gemacht wurde und wie es einzuordnen ist.

Es ist ganz und gar unwissenschaftlich, so zu kommunizieren und öffentlich solche Aussagen zu treffen, ohne die Validität und Anwendbarkeit der Ergebnisse überhaupt mal sauber dokumentiert zu haben, geschweige denn einem Diskurs zuzuführen. Was der zweite Teilnehmer der Pressekonferenz, Herr Laschet macht, ist politisch unverantwortlich. Er hat die Aufgabe, den Menschen Vertrauen und Orientierung zu geben. Mit einer solchen vergleichsweise kleinen Studie auf so dünnem Eis ohne Abstimmung mit seinen Amtskollegen geht das gar nicht.

Ich möchte hier darauf hinweisen, dass die Epidemie in den Bundesländern sehr unterschiedlich verläuft. Das ist weltweit so und natürlich bei uns nicht anders. Insbesondere in Bayern und Baden Württemberg sieht es derzeit nach einer deutlich höheren Dynamik aus. Ob es überhaupt eine bundesweite Regelung geben kann und wie man damit umgeht, wäre zuerst mal INTERN zu diskutieren, bevor man sich mit irgendeinem kaum untermauerten Material ausgerechnet an die Presse wendet.

Nun ist das alles nichts neues oder einmaliges, denn mit diesem Stil wird halt Politik gemacht. Man setzt seine Gegner unter Druck, positioniert sich in der Öffentlichkeit mit gerne gehörten Thesen etc. Da ist Laschet nicht besser oder schlechter als alle anderen.

Aber es ist eine andere Zeit, es ist Krise, die Menschen sitzen Zuhause, haben Angst, sind verunsichert. Das geht so nicht, und es ist leider schlimmer: Kurz nach der PK tauchte der Bericht einer PR-Agentur auf, der deutlich macht, dass von den ersten Auftritten Streecks, den vorher kaum jemand kannte, bis zur PK zur Veröffentlichung der Studie alles inszeniert war. Wir erleben seit Wochen nichts anderes als ein Skript, eine Show!

Ich hatte dazu selbst einige vorsichtige Andeutungen gemacht, kann man gerne nachlesen. Der Grund: Ich wurde von einigen Ex-Kollegen aus den Medien informiert, dass man da „jemanden aus NRW“ offensichtlich als „Gegen-Drosten“ aufbauen wolle. Mir war das zu sehr auf der Ebene von Gerüchten, aber angesichts der ersten Auftritte Streecks wurde ich misstrauisch und heute ärgere ich mich, dass ich nicht deutlicher geworden bin. Hätte natürlich auch nichts geändert, aber meiner Hygiene wäre es dienlicher gewesen. Wer Details zu der Sache lesen möchte, findet es mit sehr vielen Kommentaren auf meinem Profil und bei Markus Breuer.

Nun versuche ich mal wieder dem ganzen etwas Orientierung zu geben: Die Studie von Streeck ist vermutlich in Ordnung. Ich habe Stimmen gesehen, die gerne die eine oder andere methodische Frage klären würden, dies mangels Unterlagen aber nicht tun können – außer der PK gibt es ja nichts. Es ist tatsächlich erstmals so – und das bei einer angeblich so wichtigen Studie – dass Wissenschaftler über einem mündlichen Vortrag eines Kollegen in den Medien sitzen und sich fragen, wie dieser oder jener Satz genau zu interpretieren sei.

Sollte sich das Ergebnis trotzdem ungefähr so ergeben, käme in der Substanz raus, dass in Gangelt (wir sprechen ja nicht mal von Heinsberg) ca. 15% der Menschen die Krankheit durchlaufen haben. Da auch dort recht schnell durchgegriffen wurde, ist die festgestellte Sterberate laut Streeck vermutlich etwas zu niedrig, so dass es wohl auf die 0,5% hinaus läuft, mit der Drosten schon seit Monaten rechnet. Das ist die wirklich gute Nachricht, denn Hopkins und Oxford waren von bis zu 2,5% ausgegangen. Auch dieses Detail wird in der Presse falsch gefeiert, denn es ist für die Wissenschaft in Deutschland nicht neu, aber eine klinische Bestätigung.

Was das ansonsten für die von Laschet versprochene Gestaltung einer Auflockerung des Lockdown bedeuten könnte, löst in Fachkreisen nur Staunen hervor. Es bedeutet nämlich nichts bis wenig. Dass Oberflächen ein geringes Risiko bedeuten, war vorher schon die Annahme, nun ist das bestätigt. Die Pflicht zu Handschuhen hatte aber ohnehin niemand erwogen, die laufenden Überlegungen berührt das gar nicht. Zur Übertragung durch die Luft sagt die Studie nichts, das war auch nicht ihr Gegenstand. Tja – und die heiß erwartete Durchseuchung? Jetzt muss zuerst mal sehr gut überlegt werden, ob man daraus etwas für das ganze Land hochrechnen kann. Erste Stellungsnahmen des RKI besagen, dass man es ohne die bereits geplanten Feldtests in München und Berlin nicht tun kann. Mehr sollte man dazu dann auch nicht mehr sagen.

Es ist wirklich sehr bedauerlich, dass diese zweifellos gute Arbeit so für unverantwortliche mediale Zwecke missbraucht und damit aus meiner Sicht sogar beschädigt wird. Trotzdem wird das in den nächsten Tagen gewaltig die Welle machen, denn es ist geschickt gewählt vom Timing: Bis nächsten Mittwoch soll nichts passieren, da kann das Thema schön „gären“. Zur Arbeit einer PR-Agentur gehört auch das Timing, nur Optimisten können glauben, die Studie sie gestern fertig geworden, weil man die Ergebnisse wissenschaftlich sorgfältig ermittelt hat. Der Termin stand schon länger fest!

Falls das also die Welle macht, hier meine Empfehlung: Weg hören, abwarten, was aus diesem „Heinsberg Protokoll“ in den nächsten Wochen gemacht wird, was aufkocht, wird auch wieder kalt. Bis dahin alleine ein Thema für Fachleute.

Sehr kurz heute zu den Zahlen: Die Belegungsquote der Betten in Deutschland ist stabil. Es scheint tatsächlich ein sehr flexibles System zu sein, es kommen ständig neue Kapazitäten hinzu. Die Auslastung schwankt um die 70%. Es sieht so aus, dass bereits jetzt Betten sehr rasch dazu genommen werden – innerhalb der bestehenden Kliniken. Jeder Tag, den wir solche Zahlen sehen, entfernt uns von den Infiziertenverläufen vor zwei bis drei Wochen und macht Hoffnung, dass wir mit einem blauen Auge davon kommen. Wir sollten aber bitte beachten, dass das gesamte Gesundheitssystem Covid-19 weitgehend untergeordnet wurde. Operationen werden seit Wochen abgesagt, Intensivbetten aufgestockt und reserviert. Das kann kein Dauerzustand sein. Leider sehe ich aber jetzt schon Stimmungen, denen noch nicht genug gestorben wird und die dieses „blaue Auge“ als Strategie sehen. Die Heinsberg-Studie wird das befeuern, denn es sterben ja insgesamt doch viel weniger als befürchtet und so weiter.

Für Entspannung ist es ohnehin zu früh, das blaue Auge müssen die Mitarbeiter in den Krankenhäusern mit ihrem Dauerstress für uns erst mal erreichen, sicher ist das noch nicht. Ebenso ist es unklar, wie hoch der Infiziertenstand nach Ostern sein wird. Daran werden die Wissenschaftler weiter arbeiten und das ist sehr wichtig, für die Lockerung: Wenn die Basis der immer noch Infizierten zu hoch ist, kann durch eine zu frühe Lockerung eine zweite Welle ausbrechen, die viel größer als die erste ist. Wir wollen ja nach Südkorea und nicht in die USA.

Dass es zu einer Lockerung kommt, ist unstrittig. Aber wann der richtige Zeitpunkt ist und wie sie gestaltet wird, ist eine Frage, die hoffentlich nicht in NRW beantwortet wird. Da fehlt mir das Vertrauen und denen vielleicht die Orientierung?

Zu den internationalen Zahlen nichts neues: Europa mit Ausnahme von UK und Schweden in der Nähe des Kippens der ersten Welle, USA keine Bestätigung eines Trendwechsels, Russland, Brasilien, Türkei weiter ungebremste Verdopplungsraten bei den Todesfällen.

Vielleicht morgen Südkorea und Asien, da läuft es weiter in beherrschbarem Tempo – wäre ein schöneres Thema zu Ostern.

 

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