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CoroNews 11.04.2020

Langer Tag wie immer, vielschichtige Debatten, dazu Medienbeobachtung und Zahlenstudium nebenher. Kurze Orientierung geht wieder nicht, Textlänge bleibt für jeden interessierten Leser leider eine Herausforderung.

Zuerst wieder eine Orientierung, welche Kanäle ich beobachte und wo man mir (leider) auch mal direkter begegnet. Twitter kann ich nur noch am Rande beobachten, Xing, LinkedIn, WhatsApp, PM, E-Mail etc. – kann ich nicht mehr beatmen. Mit einigen Ex-Kollegen aus den Medien habe ich direkten Kontakt und ich telefoniere täglich einige Kliniken ab.

Wer mir hier in Kommentaren begegnet und ein paar Texte gelesen hat, weiß, dass ich diverse Stilmittel nutze: Sachlichkeit, Freundlichkeit, Polemik, Zynismus, Provokation, Humor. Oft im laufenden Wechsel innerhalb eines Textes oder in einer laufenden Debatte. Das ist nicht immer richtig, aber ich weiß schon, was ich tue und achte darauf, wann ich es auch wieder lasse. Grundsätzlich jedenfalls. Es führt leider dazu, dass ich manchmal in der Eile daneben greife, dafür entschuldige ich mich: Wie ich in einigen Kommentare heute klarstellte, es gilt der Sache, nicht der Person. Grundsätzlich jedenfalls 😉

Zugleich tausche ich mich mit einigen mir noch verbundenen Leitungsebenen der Medien aus und „spüre“ so langsam ein Umdenken. Antworten zu Meinungsvielfalt und „unterschiedlichen journalistischen Konzepten“ nehmen ab, konkretere Diskussionen über die eine oder andere Schweinerei (Gebrauchsanteilung oben beachten) nehmen zu. Ich bin gespannt.

Damit zur Medienbeobachtung und zur Einordnung vieler Beiträge, denen ich immer wieder begegnet bin:

Zunächst wird wie gestern schon prognostiziert, parallel die Heinsberg-Studie durch´s Dorf getrieben und zugleich überbieten sich die Plattformen mit Horror-Meldungen aus aller Welt: Wer hat noch ein paar Tausend Tote zu melden, Satellitenbilder von Massengräbern, „Bestmarken“ von neuen „Rekordwerten“, „live“ Berichte, wer gerade in welcher Statistik vorne liegt. Widerlich.

Wirklich nur kurz: Passiert bei uns nicht und wenn wir nicht total bescheuert (Gebrauchsanleitung …) sind, bleibt das auch so! Ich hatte dazu heute an anderer Stelle von befürchteter Intelligenzimmunität gesprochen. Muss aber nicht sein, wir haben bei uns genug verantwortliche Leute – ich bin Optimist.

Die Heinsberg-Studie wird nun unnötig zerrissen. Ob damit ein junger ehrgeiziger Wissenschaftler seine Karriere gefährdet? Privatsache. Wie eine PR-Agentur arbeitet, darf man hingegen schon beobachten. Nette Kurzmeldungen hier uns da, immer noch funktionierende Placements in Interviews, sehr klare Sprachregelung von Kernbotschaften, gut gemacht: Wir lernen, dass sich in Gangelt niemand bei einem Frisör angesteckt hat und dass Einkaufen kein Problem mehr sein sollte. Ich persönlich finde es sehr bedauerlich, dass in Gangelt kein Weinladen existiert und ein schicker Italiener – ich meine jetzt keinen klapprigen, der prä-diagnostisch schon tot war – wäre für meine fehlenden Freiheitsgrundrechtsinteressen wünschenswert. (Gebrauchsanleitung …)

Soweit zum weniger wissenschaftlichen Heinsberg-Teil. Ansonsten wird die Studie sachlich diskutiert und möglicherweise an einigen Stellen auch methodisch korrigiert, sofern das nachträglich möglich ist – die leidige Statistik beispielsweise. Ob es gröbere Mängel gibt, ist nicht zu bewerten, die Studie liegt im wissenschaftlichen Sinne leider immer noch nicht vor. Die Ergebnisse sind aber eher plausibel – und halt im Wesentlichen nicht neu. Gestern noch hatte ich hier einen kleinen Austausch mit einem Leser, der die Daten mal zum Nachdenken genutzt hat, um beispielsweise aus der in Heinsberg ermittelten Todesrate auf tatsächliche Infektionszahlen in der Gesamtheit hochzurechnen. Das wiederum führt zur Annahme von etwas um 1% „Durchseuchung“ in unserer Bevölkerung. Nichts anderes hat eine schon vor Tagen herumgereichte „Göttingen-Studie“ gemacht – oder war es Göppingen, keine Ahnung, weil … ich sage mal: Unterkomplex. Ganz ähnlich arbeitet die „Österreich-Studie“ und die ist … nicht wirklich komplexer.

Alles wie immer: Kann man machen, richtig gerechnet und wenn ein Prof. unterschreibt, ist das relevant. In den Medien. Dagegen ist Heinsberg sicher eine Sache mit mehr Honig, warten wir es ab. Was sich aber nicht ändern wird, deshalb sind alle diese Studien leider überbewertet: Die große „Durchseuchung“ wird sich nicht ergeben, Herdenimmunität als Strategie trifft immer noch auf Intelligenzimmunität, damit zurück auf los. Wird schon, ich bleibe Optimist und dann wird´s uns auch im Sommer gut gehen – 2020 mit der einen oder anderen Spaßbremse, aber im Sommer 2021 wieder ohne. Dafür muss wie gestern erwähnt auch nicht statistisch “überrelevant” gestorben werden!

Es ist und bleibt nun mal mühsame, kleinteilige Puzzlearbeit. Die gehört in verantwortungsvolle Hände und sie ist nicht besser, wenn Wissenschaft um eine öffentlichen Debatte „bereichert“ wird. Dazu ein Beispiel aus dem besonderen journalistischen Format des Herrn Lanz: Dort war der Experte Lauterbach, vor dessen sozialpolitischen Ideen ich als Ökonom nicht so große Achtung habe, der sich aber durch sehr klare, nüchterne und aufrichtige Einschätzungen verdient macht. Er spricht in momentan seltener Form nämlich über Dinge, von denen er etwas versteht und er schweigt, wenn das nicht so ist.

Bei Lanz sprach er auch von einer geschätzten Immunität im Bereich von einem Prozent – und eben nicht 15%. Er machte zudem klar, dass auch 15% nichts bedeuten würden, die Epidemie sei halt erst am Anfang. Fand ich gut. Lanz fragte darauf, wie man sich angesichts dieser Erkenntnis den Sommerurlaub vorzustellen habe. Fand ich … überraschend. Lauterbach erkennbar auch: Der werde wohl anders verlaufen als wir das gewohnt seien. Lanz, investigativ, wollte das genauer wissen: „Strand an der Ostsee“ – „eher nein“. „An den Seen „ – „eher nein“. „Freibäder“ – „eher nein“. „Flugreise auf eine Insel“ – „kann ich mir nicht vorstellen“.

Lassen wir es, das war mal wieder ein großes Lanzlicht, aber immerhin durften wir aus Gangelt am Vortag hören, dass es mit dem Frisör bald wieder was wird, ein Pathologe klärte uns auf, dass wir an diesem oder jenem sowieso sterben werden. Mehr liefert diese Sendung nicht, Bewunderung für Lauterbachs Bierruhe sei aber erwähnt. Ich würde mir trotzdem endlich bei diesen „journalistischen“ Formaten jemanden wünschen, der dem geschätzten Moderator den Hinweis zukommen lässt, dass öffentlicher Diskurs über saudämliche Fragen keine Orientierung leistet – und das nicht nur dort.

Damit zurück zur Erde, denn heute Morgen habe ich mit einer Klinik in einer mittelgroßen Stadt gesprochen, die ich hier nicht nenne, weil es eine Heinsberg-Geschichte ist. Reger Austausch von Ausflugs- und Urlaubsverkehr mit Österreich, schnell noch zwei Stadtfeste vor dem Lockdown und jetzt ist die Klinik eigentlich platt. Fällt nicht auf, weil man Neuaufnahmen rechtzeitig umleitet. Glänzende Logistik, ich sprach gestern davon. Spricht sich aber in der Stadt zunehmend herum, wie ein Lauffeuer. Exakt dieselben Berichte, wie aus Italien, denn: Es hat auch eine ganze Reihe von Menschen erwischt, bei denen das „eigentlich“ nicht hätte sein sollen. Sportlich, jung, gesund. Einer ist gestern verstorben, weitere werden seit vier Tagen beatmet. In diesem Ort geht keiner mehr vor die Tür, Debatten über Grippe, Grundrechte, Lockerung werden nicht geführt. Es ist den Menschen dort egal, was man in Berlin beschließt und dort muss auch kein Frisör mehr auf großes Geschäfts hoffen, falls ihm das wieder gestattet würde. Der Arzt meinte, niemand wisse, ob der Lockdown rechtzeitig war oder ob es noch ein bis zwei Wochen so weiter gehe. Man schaut täglich gespannt, wer sich für Neuaufnahmen meldet. Heute niemand, aber er meinte, wenn das morgen zehn sind, würde es ihn nicht wundern.

Das ist mikroskopisch genau die Nachricht, die ich vor einigen Tagen hier hatte: Wenn es irgendwo nah und spürbar zuschlägt, reagiert die Bevölkerung ohne staatliche Maßnahmen. Aber das ist für nichts gut, es löst Panik aus, es ist eine Überreaktion und die ist (siehe da) für die Wirtschaft das schlimmste, was passieren kann. Schon klar, Einzelbeobachtung, auch dort werden die Menschen bei schönem Wetter, mit etwas Abstand, mit einsetzendem Vergessen wieder zum Leben zurück kehren. Keine Wissenschaft, keine Studie, nur eine Geschichte von heute Morgen. Wie der Frisör von Heinsberg, keine evidente Übertragbarkeit. Oder vielleicht doch?

Wie man mit Sterblichkeitsdaten umgeht, wie die einzuordnen sind, was Übersterblichkeit bedeutet und wie wir die Horror-Bilder besser einordnen können, wollte ich heute zum Thema machen. Markus Breuer hat es mir abgenommen, sachlich, klar und präzise. Ich hänge seinen Beitrag von heute unten an die Kommentare – aus meiner persönlichen Sicht mehr Honig als in den meisten journalistischen Beiträgen zum selben Thema.

Wir sind also immer noch nicht in Südkorea. Aber wer den Podcast von Christian Drosten verfolgt, kann Leuten folgen, die daran arbeiten, statt zu reden und tolle Plakate in die Welt zu setzen. Ich habe heute oft Drosten zitieren können, der bereits zu Beginn des Lockdowns klar gesagt hat, dass wir da so schnell wie möglich wieder raus müssen. Es gibt überhaupt keinen Streit zu dieser Frage, aber ich hatte gestern halt auch darauf hingewiesen, wie verdammt heikel das ist. Wir dürfen nicht denen folgen, die uns mit einfachen Forderungen und pauschalen Ideen nur ins Unglück reiten.

Das sollte eigentlich heute mein Thema sein: Gesellschaftliche Einigung mal anders. Es ist keine Herausforderung von außen, die führt mehr oder weniger spät immer zu einer Einigung. Es ist ein Kampf gegen einen Gegner, der mitten unter uns ist, in uns ist. Und der ist schnell! Westliche Debattenkultur, ich schätze sie sehr, medial begleitete politische Prozesse, ich finde sie unterhaltsam, Streit mit Wortgefechten auf hohem sprachlichen Niveau, ich liebe es. Aber bitte nicht bei Covid-19. Das können wir nur lösen, wenn wir einen Konsens finden. Schnell. Nicht im Streit, nicht als langer Ringkampf der Debatten. Und keineswegs so, wie das bei komplizierten Fragen irgendwann ist: Dann hat die Mehrheit keine Lust mehr auf das Thema und folgt der anfänglichen Bauchmeinung, dann reduziert sich eine Entscheidung von nationaler Bedeutung auf einen gesellschaftlichen Reflex. So wird ein Trump Präsident und so stolpert eine Nation aus der EU. Aber bitte nicht bei Covid-19. Demnächst mehr dazu, heute hat es mal wieder nicht gereicht. Nur so viel: Das hat sehr viel mit Südkorea zu tun!

Ebenso wollte ich heute endlich mal was zur „Wirtschaft“ schreiben. Auch zu spät, vielleicht übermorgen. Nur kurz zum Nachdenken: Es wird überall vom BIP geschrieben. Das bildet so halbwegs unsere inländische Wirtschaft ab. In den – unterkomplexen – öffentlich kursierenden Studien wird aber die Außenwirtschaft weitgehend ausgelassen. Ebenso der Anteil unseres BIP, der mit einer Leistungserbringung im Ausland verbunden ist – Fernreisen beispielsweise. Worauf ich hinaus will: Es gibt erste vorsichtig formulierte Studien, die sich dem schwierigen Thema widmen, welche Wirtschaftsleistungen kausal überhaupt von unserem Lockdown und welche von der Lage auf den Weltmärkten abhängen. Es gibt bei uns beispielsweise keinen Produktionsstopp – wie in Italien. Viele Betriebe stehen derzeit still, weil Logistikketten hängen, Lieferketten nicht funktionieren, Exportwege versperrt sind – das hat mit unserem Lockdown nichts zu tun. Alleine deshalb sind die allermeisten Argumente, wir müssen ganz schnell dieses und jenes tun, damit die Wirtschaft usw. usw. nur halbgares Zeug. Es macht gar keinen Sinn, bei uns unnötige Risiken einzugehen, solange für unsere Industrie die meisten Absatzmärkte still stehen. Die Kausalitäten und Wirkungsketten sind kompliziert, es ist wie in der Virologie: Es geht um intelligente und funktionierende Lösungen – und es geht um Leute, die in der Krise an Lösungen arbeiten, statt schnelle Plakate über den Zaun zu werfen. Später mehr.

Damit zu den Zahlen: Ich hatte gestern erläutert, wie man diese logarithmischen Segmente lesen kann. Dazu ein paar beklemmende Kurven: Beispielsweise sieht man, dass das kleine Belgien schon jetzt keine Chance mehr hat, die Schwelle von 10.000 Opfern zu unterschreiten. Man sieht, dass es bei uns weiterhin gelingen kann, die Woche nach Ostern wird möglicherweise die schwerste, vielleicht auch die danach – ich hatte gestern über die wachsende Latenz zwischen den Verläufen berichtet. Man sieht, dass in UK die 10.000 bereits durchlaufen wird, mit derselben Geschwindigkeit wie von 100 auf 1.000 und dann von 1.000 auf 10.000. Danach kommt aber gleich 100.000 – so ist das leider mit der Geschwindigkeit dieses Prozesses. Da die Infektionszahlen in UK immer noch keinen klaren Trendwechsel zeigen, geht es in der Tat darum, ob man diese Marke von 100.000 vermeiden kann. Wenn es nicht in der kommenden Woche zu einem deutlichen Abknicken der Infektionsverläufe kommt, wird das schwer. Ich rechne damit, weil es nach dem verspäteten Lockdown wohl bald abknicken müsste – der hat hoffentlich funktioniert!

Wem das immer noch nicht reicht und wer meint, bei uns laufe das doch so klasse, da könne man mal die Zügel loslassen, dem muss ich nun die USA vorhalten. Dort ist mit ungebremster Dynamik die Schwelle der 10.000 bereits überschritten und der Weg auf 100.000 nicht mehr aufzuhalten. Die Bevölkerung wird auf 250.000 Opfer vorbereitet. Das ist aber bereits ein Hoffnungswert, der voraussetzt, dass die ebenfalls viel zu spät ergriffenen Maßnahmen ebenfalls in der kommenden Woche einen Trendwechsel der Infektionsverläufe zeigt. Wenn das nicht gelingt, ist die nächste Marke die Million – das ist so!

Sofern der geniale Herr im Weißen Haus, der gerade von der schwierigsten Entscheidung seines Lebens spricht, diese genauso falsch trifft, wie die zweitschwierigste vor einigen Wochen, wird diese Million nicht mehr zu vermeiden sein. Das wissen die Fachleute in den USA natürlich und sie versuchen alles, Trump zu einer Fortsetzung, ggf. sogar weiteren Verschärfung zu bewegen.Namentlich die aus der Wirtschaft !!

Diese Diskussion sollten alle mit unveränderter Nabelschau in Deutschland herum laufenden endlich zur Kenntnis nehmen: Seid glücklich, hier zu leben und lasst uns in Ruhe mit dem Geplärre, wir müssten uns wegen ökonomischer Falschrechnungen auch noch auf ein biologisches Massenexperiment einlassen. Ich bin auch für eine „Lockerung“, aber ich möchte eine nach dem Muster Südkorea, bei den USA schaue ich lieber zu – und mache mir wegen deren Entwicklung viel mehr Sorgen um unsere Wirtschaft als bei der Frage, was wir hier bald wieder tun können oder eben auch nicht.

Soweit an diesem Abend, langer Text und trotzdem weitgehend unvollständig geblieben. Der Link zu Markus im Kommentar, hier die traurigen Zahlen aus aller Welt, die bei uns so viel besser sind!

 

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