dirk specht beitragscover

CoroNews 14.04.2020

Heute war mal Vorlesung, daher nur Steno möglich. Viele wird´s freuen, ich weiß – mich nicht, ich labere so gerne.

Putze gelegentlich mein Profil, der eine oder andere Bot stellt Kreditangebote oder sonstigen Unrat drauf, aber keine Sorge, früher oder später räume ich die weg – und den Bot gleich mit. Sage ich, weil ich mein Netzwerk hier inzwischen einfach nur großartig finde. Danke!!!

Es ist ein wenig mühsam, durch das Profil zu scrollen, lohnt aber. Es stehen oft dieselben Beiträge mehrfach hintereinander, weil die geteilten auch auftauchen – aber es geht mir um die Kommentare und die Vielfalt der Netzwerke, die sich unter den geteilten Beiträgen bilden. Lohnt immer wieder auch ein paar Tage zurück zu gehen – was ich dort an qualitativ hochwertigen Debatten sehe und auch an wirklich interessanten Quellen, freut mich sehr. Ich nutze es inzwischen selbst täglich als Überblick – und der wird immer wertvoller.

Klar, da findet sich auch viel Meinung, Spekulation, manche Quellen kann man so oder so sehen. Aber es ist nach meinem Eindruck keine „Echokammer“, ich würde es als Spektrum der Mitte bezeichnen. Es bildet nicht nur mein Netzwerk ab, sondern alle, die meine Beiträge teilen oder selbst weiter entwickeln – auch dafür mein besonderer Dank! Bisher habe ich nichts gelöscht oder verborgen, möchte das weiter vermeiden. Also insofern: Leseempfehlung meinerseits, werde auch gezielt darauf hinweisen.

Mein Eindruck heute war, dass die PR-Maschine Heinsberg/Düsseldorf immer noch stark wirkt. Ich dachte schon vorgestern, es müsse doch nichts mehr gesagt werden. Sieht aber nicht so aus. Empfehle daher die Kommentare unter meinem Beitrag von gestern und die zu dem Spiegel-Artikel, den ich am 9. April kommentiert habe – wie gesagt, unbedingt auch die geteilten Artikel in andere Profilen bzw. die Kommentare anschauen. Lesenswert!

Dort findet sich auch die Leopoldina-Studie, zu der ich gestern nicht mehr gekommen bin. Muss auch nicht sein, ihr habt das erledigt. Gute Diskussion, weitere Quellen dazu, Fazit ungefähr: Bessere Studie, vor allem etwas verantwortungsvoller, aber ebenfalls kaum konkret nutzbar. Vor allem die Frage der Schulen wird kritisch diskutiert und ich kann mich nur anschließen: Vollkommen berechtigte und nicht wenige Fragen, bevor die nicht geklärt sind, sollte keiner von Schulöffnungen reden – erst recht nicht Professoral von oben herab. Punkt.

Leider hatte ich keine Zeit, mir die zitierte Helmholtz-Studie genauer anzuschauen. Dank an Michael Wanhoff, mit dem ich schnell einig wurde: Es geht nun darum, die Verbreitungswege der Epidemie zu erforschen, Frühwarnsysteme zu entwickeln, Licht in die Regionen zu bringen. Das sind zentrale Fragen, die in den medial gehypten Studien nicht oder kaum betrachtet werden. Morgen vielleicht mehr dazu.

Viele Nachrichten habe ich zu Asien bekommen und gelesen, ebenfalls in den Kommentare zu finden. Klare Leseempfehlung von mir für asiatische Medien und gute Berichte dazu – nicht Bloomberg und die immer noch kursierenden Fragen der „Re-Infektionen“ versus der Testfehler. Nein, es geht um die Strategie: Die fahren alle „R<1“, also Ausbreitungsgeschwindigkeit runter, Epidemie unterm Teppich halten und zwar nachhaltig – bis ein Impfstoff oder zumindest Therapeutika vorhanden sind. Zeitgewinn lohnt übrigens doppelt, weil Mediziner weltweit lernen, Behandlungen besser werden, auch dazu Quellen in den Kommentaren.

Herdenimmunität, Aussteuerung entlang der Kapazitäten an „Sauerstoffpumpen“ (Zynismus, ich weiß) oder auf Basis „akzeptabler“ Sterbefallzahlen (ich bitte um Definition von „akzeptabel“) werden weiter vertreten, der „Exit“ verlangt oder ein „Weg in die Normalität“, rasch, rasch, rasch: Scheitert bereits an der Steuerbarkeit und das ist gut so, denn die Debatte dazu ist bei Lichte betrachtet zunehmend ekelhaft und widerlich. Ich bin gutgläubig, manche verstehen immer noch nicht, was sie tatsächlich reden – und die, die es doch tun, werden irgendwann sehr laut. Das hilft beim Sortieren.

Meine Meinung hat sich nicht geändert: R<1 ist die einzig vertretbare Strategie, lasse mich gerne belehren, ist bisher niemandem gelungen, auch keiner Studie. Dauert ein Jahr, ermöglicht sehr viel mehr Leben als wir derzeit leben (siehe Asien), aber „Normalität“ werden wir erst wieder haben können, wenn wir Covid-19 im Griff haben und nicht umgekehrt. Nicht falsch verstehen: Ich bin definitiv für eine Exit-Strategie, aber für eine nachhaltige, Laufzeit ein Jahr. Wenn es länger dauert, die zu finden, bleiben wir besser noch ein wenig in Deckung. Auch, weil das billiger ist – aber nicht nur.

Zu den Zahlen: Die Auslastung der Intensivbetten ist weiter zwischen 60% und 70% – aber durch ständiges Hochfahren, nicht durch Entspannung der Patientenzahlen. Die haben sich in den letzten ca. vier Tagen verdoppelt und das wird nach meiner Einschätzung noch bis zu zwei Mal erfolgen, bevor der Peak durch ist. Es sieht aber zunehmend so aus, dass parallel Betten auch wieder frei werden (viele leider durch Sterbefälle) und neue hinzu kommen. Einschätzungen, dass es in Deutschland nicht zu Triage kommen muss, häufen sich. Natürlich ist das regional sehr unterschiedlich, aber die breite Nutzung und das schnelle Hochfahren der Kapazitäten funktioniert, das ist eine Meisterleistung!

Die erzeugt aber hinter den Kulissen einen wahnsinnigen Stress einerseits und teilweise auch Leere andererseits. Es macht mich sehr wütend, dass sich nun schon wieder Leute aus Kliniken in sozialen Medien oder teilweise auch in der Lokalpresse mit „ist doch gar nichts los“ profilieren. Oder diese widerlichen Reflexe, es sei doch offensichtlich eines der besten Gesundheitssysteme, dann könne man doch mal wieder ins Kino gehen.

Zugleich bekomme ich so viele Zuschriften, erfahre es auch bei meinen Telefonaten: Es ist richtig übler Stress im Feld, die Verläufe sind hart, die Todesfälle sind zahlreich, das geht auch den Menschen, die es hilflos begleiten müssen an die Nieren. Es ist etwas anderes, ob Menschen an dutzenden lange bekannten Krankheiten sterben oder so viele so schnell so elend an einer komplett neuen. Auch bei uns!

Es ist für mich schon schwer, das vom heimischen Schreibtisch aus als Nachrichten und Zuschriften zu „erleben“, parallel in Debatten unterwegs mit hoch arroganten Zahlendrehern oder professoral/akademisch geprägten Freiheitsargumenten. Wenn ich von 30jährigen belehrt werde, diese Rechte seien mit „Blut“ erkämpft worden und dürften nun nicht so schnell aufgegeben werden, bekomme ich somatische Beschwerden. Liebe Leute: Meine Familie stammt aus einem Frontgebiet zweier Weltkriege, zwei leben noch, sie sitzen isoliert zuhause, das sind die, die diese Rechte erkämpft haben und die in eure statistischen Überlegungen und Freiheitsgedanken in einer Art einfließen, die ich hoffentlich jetzt nicht genauer erläutern muss!

Aber ich war ja bei den Zahlen: In Italien, Spanien und Frankreich ist R<1 nicht erreicht und deshalb wurden dort alle Maßnahmen verlängert. Das ist m.E. richtig und ich habe Zweifel, ob wir daran jetzt zu viel machen sollten. Es sieht nicht schlecht aus, aber wenn wir jetzt die Ausbreitung wieder beschleunigen, verschenken wir in wenigen Tagen, was wir erreicht haben. Die Logik der Sache bleibt gleich: Was vorne falsch läuft, wird hinten um ein Vielfaches teurer.

Um das zu verdeutlichen, will ich heute mal etwas tun, was ich bisher nicht gemacht habe, nämlich etwas weiter spekulieren. Man mag mir das gerne in ein paar Monaten um die Ohren hauen, wenn ich mich hier vergriffen habe, denn valide Aussagen sind das nicht, aber beim Spiel mit Zahlen bin ich nicht ohne Talent. Ich schätze nun mal für den Sommer, also ca. Juli – und ich gehe davon aus, dass die meisten Länder inzwischen sogar wissen, dass es um R<1 geht.

Spanien, Italien und Frankreich werden die jetzigen Zahlen nochmals mehr als verdoppeln, heißt jeweils bis zu 40.000 Opfer. In UK wird das länger dauern, hier fürchte ich bis zu drei Verdopplungen, das sind >60.000 Opfer. Ich bin für diese Länder deshalb so pessimistisch, weil es so langsam bis zur vollständigen Abflachung der Kurve kommt und weil zugleich die Basis der Epidemie so breit gestreut ist.

Bei uns ist es möglich, deutlich unter 10.000 zu bleiben. Kleinere Länder in Europa sehen teilweise fürchterlich aus, Belgien, Schweden, gemessen an der Bevölkerung die Niederlande. Die Europakarte ist in Summe schrecklich und vielleicht sollten wir hier demütig die Kraft dieser Epidemie erkennen. Der Unterschied ist auch, aber bei weitem nicht nur das Gesundheitssystem.

Mit Covid-19 spielt man nicht, das steuert man nicht.

 

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