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Kommentar zum Gesundheitswesen

Achtung: Schon wieder Polemik, geht leider nicht anders, es hat mal wieder ein Professor was gesagt und ein Medium ihn verbreitet. Dieses Mal wollte die FAZ die laufende und bereits sehr „wertvolle“ Debatte über „die Wirtschaft“ „bereichern“. Wie sage ich es, weniger ist halt manchmal mehr, in dieser Zeit ohnehin.

Da sich parallel die Berichte mehren, wie in den Krankenhäusern – auch beim Personal – gelitten, gekämpft und gestorben (auch beim Personal!) wird, halte ich das Timing der Verbreitung dieser professoralen Metaebene für, sagen wir mal eher wohl „interessant“, weniger hingegen „taktvoll“.

Was der Herr Professor im Detail über Vergütungssysteme aus seinen – mein neues Lieblingswort – Langzeitstatistiken in seinem Bielefelder-Irrlichterelfenbeinturm beispielsweise über Vergütungsstrukturen in Bereichen wie Physiotherapie, Pflege, Krankenhäuser sagt, ist mal wieder richtig, aber nicht zutreffend. Diese Vergütungen sind tatsächlich den „Langzeitstudien“ gemäß „evident“ (mein zweites Lieblingswort) gestiegen. Naja gut, bei den vorher schon gut vergüteten Mechatronikern, die an unseren 300-PS Verbrennern arbeiten, noch etwas mehr – aber bitte keine Neiddebatte, die liegt mir wirklich fern.

Außerdem gehören die nicht medizinischen Berufe auch nicht zum „Forschungsgebiet“ des Ententeichs dieses Professors. Aber noch mal, er hat Recht: Die Vergütungsstruktur in vielen Bereichen des Gesundheitswesens ist von „beschissen“ auf „mies“ verbessert worden. Das ist „evident“, da kann man ihm nicht widersprechen, wir sollten das glauben und ihn in die Liste der „Wirtschaftswaisen“ (absichtlicher Schreibfehler, weil Polemik!) aufnehmen, denen wir vertrauen. Die Bildzeitung bereitet diese Umfrage bestimmt schon vor, jeder muss an seinem Mehrwert zur „Beleuchtung“ dieser Krise schließlich arbeiten.

Nun ist es natürlich irgendwie so etwas wie Ackerbau, was ich da tue. Pfff, Vergütung von Gesundheitsleistungen, Bezahlung der Arbeit am Patienten und so. Feldbetrachtung, Grasnarbenniveau, nicht die Professorale Ebene: Es geht bei „der Wirtschaft“ natürlich um die großen Zahlen, die relevanten Dinge, die vielen vielen Milliarden, die beispielsweise der „freie Markt“ in die Forschung investiert. Auch dazu gibt es ganz tolle Statistiken, das wird immer mehr. Und auch das ist mal wieder: Richtig!

Nun will ich als Ökonom mangels Titel mit nicht professoralem Rat darauf hinweisen, dass beispielsweise die Entwicklung von Impfstoffen ein saumäßig beschissenes Geschäftsmodell ist. Teure Forschung, kurze Produktion, nimmt der Patient ein Mal und dann kann man nach einer Saison das Mittel in die Tonne treten. Gar nicht gut! Überhaupt, Heilung von Krankheiten? Gar nicht gut, grundsätzlich ein beschissenes Geschäft. Viel besser: Chronische Krankheiten, die nicht heilbar und auch nicht tödlich sind, jedenfalls nicht so furchtbar schnell, wie so ein für den „freien Markt“ leider blöde agierendes Virus. Hop oder top in ein paar Tagen, wirklich Mist, irgendwie halt doof für den Businessplan.

Kalkulatorisch wäre es viel besser, wenn Covid-19 im Schnitt 30 Jahre bis zum Exitus bräuchte und bis dahin durch Tagesgabe eines Virushemmers unter der Decke zu halten ist. Das wäre ganz große Klasse – und Nebenbemerkung: Besagter Exitus wäre in der Antes-Statistik Herzversagen oder so was. Man kann sich schnell einigen unter den langfristig denkenden. Hurra, Covid-19 spielt für die Volksgesundheit keine Rolle mehr, dank Pharma-Forschung ist das im Griff.

Ich oute mich zur allgemeinen Verwirrung nun als Freund des „freien Marktes“ und der „privatwirtschaftlichen Leistungsfähigkeit“. Aber es gibt halt Bereiche, in denen staatliche Eingriffe erforderlich sind und nach der Finanzkrise erleben wir nun einen weiteren Sektor, wo es mit a bisserl Regulation hier und da, a bisserl Wettbewerb und dergleichen halt nicht getan ist. Auch das professorale Fazit, das laut FAZ so ungefähr lautet, man müsse nach der Krise „gewiss“ über die Notvorräte von Wattebäuschen und Quietscheentchen (Polemik, ich weiß) mal nachdenken, teile ich “nicht so ganz”.

Neu ist daran gar nichts. Wer beispielsweise die Kritik der Gates-Stiftung an der Forschung – privat wie staatlich – mal recherchiert, sieht, dass genau diese von mir hier etwas unfein formulierten Gedanken schon seit Jahren existieren. Zudem möchte ich dem Eindruck widersprechen, es sei eine Sache der fehlenden Menschlichkeit bei den Großkonzernen: Die CEOs der Pharmaindustrie haben sich der Gates-Stiftung nämlich weitgehend angeschlossen und eine andere Refinanzierung der Forschung gefordert, weil „der Markt“ ansonsten nicht den Bedürfnissen der Allgemeinheit gerecht werde.

In Bielefeld scheint das nicht angekommen zu sein. Liegt vielleicht daran, dass Langzeitstatistiken dazu keine Aussage erlauben.

Eine Bitte: Nicht teilen, ohne meinen oder einen eigenen Kommentar, der Artikel ist keine Empfehlung. Wer gerade im Gesundheitssystem an der Front steht, dem möchte ich herzlich nahe legen: NICHT LESEN!

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/gesundheitsoekonom-greiner-eine-neue-wirtschaftsordnung-brauchen-wir-nicht-16708804.html?printPagedArticle=true&fbclid=IwAR3y9zGwFnk_DXRe8YOJW_L94XoA0lcb_G1sdLwUklEnpgXgcgEl1LUwjNw#pageIndex_2

 

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