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CoroNews 23.08.2020

Im Spätsommer, passend vor dem Beginn des Herbstes, steigen die Infektionszahlen von Covid-19 wieder. Über die Bewertung wird unverändert heftig gestritten. Ich versuche eine Einordnung, die zunächst ins Frühjahr zurückkehrt, um die aktuellen Zahlen besser bewerten zu können.

Ein unverändert heftiger Streitpunkt ist die Frage, wie genau die Tests den tatsächlichen Stand der Epidemie wiedergeben. Im Frühjahr wurde zunächst moniert, es gebe zu wenige Tests, die Dunkelziffer sei zu hoch, man könne die Lage nicht einschätzen. Das war teilweise richtig, denn die Lage war zwar tatsächlich diffus, aber es gab genug Daten über Verläufe in anderen Ländern, um die Dynamik der Pandemie zu erkennen. Dennoch ist es richtig, dass die Testinfrastruktur letztlich auch in Deutschland in die Knie gegangen ist und nur noch die Spitze der Vorfälle überhaupt getestet werden konnte.

Um nun also die aktuellen Zahlen besser einzuordnen, ist es zunächst wichtig, den tatsächlichen Verlauf im Frühjahr besser einzuschätzen. Das ist ein sehr komplexer Vorgang, der erst durch mehrjährige Forschung abschließend möglich sein wird.

Erste Reihentestungen im Feld existieren bereits, bieten aber eine viel zu geringe Datenbasis, um Hochrechnungen auf die Gesamtsituation zu erlauben. Erst weitere klinische Daten in anderen Größenordnungen sowie mehr Erkenntnisse über die Krankheitsverläufe werden eine seriöse Bewertung zulassen.

Ich kann daher nicht mehr leisten, als eine sehr grobe und einfache Methode zu verwenden: Die Hochrechnung der tatsächlichen Infektionsbasis anhand der Letalität. Das ist aus folgenden Gründen nur sehr eingeschränkt möglich: Die Letalität selbst ist bisher ein nur unsicher ermittelter Wert, der für Deutschland im Konsensbereich von 0,5% der tatsächlich Infizierten geschätzt wird. Zudem ist der Wert selbst ein Durchschnitt, man kann ihn also für Tagesdaten nur ungenau einsetzen. Schließlich ist der Zeitraum zwischen Infektions- und Sterbedatum sehr unterschiedlich. Manche Opfer sind in wenigen Tagen verstorben, andere erst nach Wochen unter der Beatmung.

Ich habe mich daher für eine statistische Glättung über 21 Tage entschieden, was sich von dem tatsächlichen Verlauf natürlich noch mehr entfernt, zugleich aber Fehler und Ausreißer in den Daten besser ausgleicht.

Die unten folgende Darstellung ist also ausdrücklich nicht als Berechnung, sondern als Illustration des Verlaufs anzusehen. Der Charakter des tatsächlichen Infektionsgeschehens dürfte recht gut dargestellt sein, die absoluten Zahlen, die resultieren, sind allenfalls sehr grobe Schätzwerte – nicht mehr, nicht weniger.

Das erste Chart im Anhang zeigt den Verlauf. Die absoluten Zahlen sind – mit den genannten Vorbehalten – sehr eindrucksvoll: Demnach haben sich in Deutschland bisher mehr als 1,8 Mio Menschen mit dem Virus infiziert, davon mehr als 1 Mio in nur vier Wochen des besonders steilen Anstiegs und es könnten in der Spitze um die 40.000 pro Tag gewesen sein. Die Dunkelziffer der Epidemie dürfte sich demnach in der heftigsten Phase um den Faktor 30 bewegt haben!

Diese Daten sind wie gesagt mit Vorbehalt zu sehen, aber insbesondere die Gesamtzahl bewegt sich durchaus im Rahmen der bisherigen Schätzungen aus den ersten Feldstudien. Meine Illustration ist also keine präzise Analyse, aber es sind auch keine Mondzahlen.

Die reine Charakteristik des Verlaufs ist wie gesagt mit Sicherheit sehr gut dargestellt, egal, wie die absoluten Zahlen nun aussehen mögen. Erneut sieht man den exponentiellen Verlauf sehr eindrucksvoll und man erkennt, dass mit Beginn Mitte März einiges auf uns zu rollte. Die bisherigen Daten über die Quelle der Epidemie sind unvollständig. Klar ist, dass die Importe aus den Urlaubsgebieten in Italien Österreich die wesentliche Ursache darstellten.

Ob diese starke Vermehrung aber in den Urlaubsländern oder – wie man von Heinsberg konkret weiß – durch Cluster-Ereignisse (hier Karneval) in Deutschland stattfand, ist noch unklar. Vermutlich ist wohl beides passiert. Mit Blick auf die aktuelle, teilweise ja parallele Situation nach dem Sommerurlaub sollten wir das sogar hoffen.

Das nächste Chart im Angang, nun wieder Berechnungen der Universität Oxford, belegt, dass die Charakteristik richtig erfasst ist. Hier sind die Wachstumsraten der Sterbefälle berechnet, im Abstand von zwei Wochen. Man sieht, dass wir in der Spitze ein Wachstum von 7.000% innerhalb von zwei Wochen hatten!!

Wie gesagt liegen zwischen Infektions- und Sterbezeitpunkt sehr unterschiedliche Zeiträume, so dass es sich auch hier nur um einen Näherungswert handelt, aber der ist hoch genug, um alle Fragen nach der „Verfälschung“ des Infektionswachstums durch steigende Testmengen ad absurdum zu führen.

Ganz im Gegenteil sieht man am darauf folgenden Chart, dass die Testmenge in der ersten Phase der Epidemie nur sehr maßvoll gesteigert werden konnte, es waren in der Spitze ca. 50% denen 7.000% Wachstum bei den Opferzahlen gegenüber steht.

Dies leitet nun unmittelbar zur Bewertung der aktuellen Situation über, denn man sieht, dass die Testmenge nun nochmals um mehr als 50% gesteigert werden konnte. Zugleich sind die Opferzahlen in den Bereich unter 10 pro Tag gefallen, was zunehmend gut mit den tatsächlich gemeldeten Infektionszahlen korrespondiert.

Nun sind die Sterbefälle derzeit kein geeigneter Indikator zur Ableitung der tatsächlichen Epidemie. Die Fallzahl ist ohnehin zu klein für so eine grobe Umrechnung und wir wissen ferner, dass sich in den letzten Wochen zunächst primär Jüngere infiziert haben. Schließlich ist zur aktuellen Bewertung die Sicht auf die mit Wochen Verzögerung laufenden Sterbefälle ohnehin ungeeignet.

Nimmt man nun noch die CFR hinzu (nächstes Chart), also die Quote der Sterbefälle bezogen auf die positiv getesteten, so erkennt man einen starken Anstieg im April, der ebenfalls belegt, dass damals hinterher getestet wurde und man sieht eine Stabilisierung um die 4,5% ab Mai, was darauf hinweist, dass die Tests das aktuelle Geschehen besser abbildeten. Das weitere Absinken der CFR ab Juni hat zwei Gründe: Erstens eine weiter verbesserte Testinfrastruktur, zweitens aber auch die Verjüngung der Infizierten: Es wird als – leider vorübergehend – weniger gestorben.

Als Fazit aus diesen Testdaten lässt sich schließen, dass die Erweiterung der Testmenge nun dazu geführt hat, die Dunkelziffer weiter zu verringern. Da die Sterbefälle aus den aktuellen Infektionen noch nicht messbar sind, lässt sich die derzeitige Dunkelziffer nur ausgesprochen grob schätzen. Der CFR zufolge könnte sie immer noch im Bereich 9 liegen, das ist aber bei der Basis der Sterbefallzahlen und aufgrund von deren Latenz kaum angemessen. Nimmt man alle Indikatoren zusammen, auch die stark gesunkene Positivquote mag die Dunkelziffer derzeit eher im Bereich 3 bis 4 anzusiedeln sein.

Damit nun zur Bewertung der aktuellen Situation: Wir sehen an dem letzten Chart unten, dass wir nun im geglätteten Durchschnitt über sieben Tage die 1.000 Fälle pro Tag wieder überschritten haben. Ferner sehen wir eine Verdopplungsphase von ca. 20 Tagen, recht stabil seitdem die Kurve leider wieder angestiegen ist.

Das sieht auf den ersten Blick gar nicht gut aus – und das ist es auch nicht! Aber es ist richtig einzuordnen, denn wie oben erläutert, kann man diese aktuellen Zahlen der letzten Wochen nicht mit denen der ersten Wochen im Frühjahr vergleichen.

Tatsächlich mag die Kurve im Frühjahr wie oben erwähnt die 40.000 überschritten haben und derzeit liegen wir vielleicht real bei 2.000 bis 4.000 – also bei einer Quote zwischen einem Zwanzigstel und einem Zehntel. Die Testkapazitäten sind einfach signifikant besser, das Bild ist viel realistischer geworden, als im Frühjahr. Ebenfalls sehen wir eine Verdopplungsphase, die deutlich langsamer ist, die Steilheit der Kurve unterscheidet sich zum Frühjahr signifikant.

Ein erster Wahnsignal ist jedoch der Übergang der testpositiven Quote auf jetzt über 2%. Die Quoten sind der Färbung der Kurven zu entnehmen, auch hier sieht man, was im Frühjahr passiert ist: Wenn ich nur noch die Spitze in den Praxen und Krankenhäusern testen kann, finde ich mehr Infizierte pro Test.

Ein zweites Warnsignal ist natürlich die Parallelität der Ereignisse zum Frühjahr. Erneut haben wir Importe von Infektionen durch Urlaubsrückkehrer und erneut wird von Cluster-Ereignissen aus dieses Mal privaten Feierlichkeiten berichtet. Was das konkret bedeutet, werden wir in den nächsten Wochen erst sehen.

Bisher ist aber klar, dass sich das aktuelle Geschehen quantitativ (absolute Zahl der Infizierten) und qualitativ (Geschwindigkeit) signifikant vom Frühjahr unterscheidet. Es gibt also keinen Grund, einen solchen Anstieg nun unmittelbar zu erwarten.

Gut ist diese Entwicklung trotzdem nicht, denn sie ist weitgehend überflüssig. Ein Vergleich zum Frühjahr darf nicht vergessen werden: Diese Wucht der Epidemie kann erschreckend sein. Niemand wusste so genau, was da kommt, niemand konnte ausschließen, dass die Krankenhäuser Stand halten. Diese Verdopplungsraten zeigen, dass ein Monat mehr Zögern – wie in Italien, Spanien, UK und den USA – uns viele Millionen Infizierte mit entsprechenden Folgen eingebracht hätte. Ja, auch in Deutschland, ja, auch hier!

Eine solche Entwicklung ist insbesondere für den Herbst/Winter mit mehr Leben in geschlossenen Räumen keineswegs ausgeschlossen. Im Gegenteil ist sie sogar zu erwarten, wenn wir nichts unternehmen. Das wäre umso einfacher, wenn wir mit einer deutlich geringeren Infektionsbasis bereits heute unterwegs wären.

Ich halte also eine Debatte über erforderliche Gegenmaßnahmen für deutlich angemessener als die laufende über weitere Öffnungen. Wir dürfen nicht müde werden, sonst haben wir ganz schnell eine noch größere Herausforderung als im Frühjahr, denn Herbst und Winter werden sehr lang.

Dass wir da (noch) nicht sind, sollte also Ermunterung sein, weiter wachsam zu bleiben – und keinesfalls das Gegenteil bedeuten. Denn der Sommer und das Leben im Außenbereich haben uns offensichtlich so weit geholfen, dass unsere Fehler keine dramatischen Folgen haben. Leider muss man die gute Nachricht genau so lesen – und keinen Millimeter anders.

PS: Leider hat Facebook die Notizen-Funktion entfernt. Daher muss dieser Text als normaler Artikel erscheinen. Ich werde mir einen eigenen Blog bauen, wenn das so bleibt. Sorry für die schlechte Lesbarkeit, so lassen sich keine Charts integrieren.

 

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