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CoroNews 16.10.2020

Die aktuellen Infektionszahlen geben leider Anlass für einen etwas längeren Bericht. Kurz Zusammengefasst: Die Lage ist keineswegs wie im Frühjahr, Panikmeldungen sind einfach nur deplatziert, der Trend zeigt nun aber sehr kritische Signale. Wenn wir diese Entwicklung jetzt nicht sehr gezielt begrenzen, werden weit härtere und teurere Maßnahmen in nur wenigen Wochen immer wahrscheinlicher – schlimmstenfalls wieder flächendeckende Schließungen welcher Art auch immer. Je hektischer die erforderlich werden, desto schädlicher wird es kommen.

Aber zunächst zu den Infektionszahlen, die in Chart 1 dargestellt sind. Leider wird der Vergleich zum Frühjahr oft herangezogen, um Alarmstimmung zu verbreiten. Das ist nicht richtig und es ist auch nur Wasser auf die Mühlen derer, die zugleich auf die angeblich bisher ruhige Lage in den Krankenhäusern verweisen – was aber ebenfalls falsch ist.

Nimmt man nämlich diesen Vergleich, so lässt sich gemeinsam mit den aktuellen Krankenhausdaten jeder beliebige Unfug zusammenstricken: Von angeblich harmlosen Mutationen – zu denen es keinerlei Nachweis gibt – über doch bestehende Hintergrundimmunitäten, falsche PCR-Tests bis zu besseren Behandlungsmöglichkeiten wird alles Mögliche daraus abgeleitet. Wenn dann noch lineare Mathematikgenies mit Professortitel – in den Medien, keineswegs in der Wissenschaft – fabulieren, man solle die Infektionsdaten nicht überbewerten, ist das Desaster komplett: Dann laufen wir nämlich schlimmstenfalls in den nächsten Lockdown, weil diese Sorglosstimmung sich breit macht und zu viele sich wieder „Normalität“ in Zeiten einer Pandemie leben.

Tatsächlich kann man diese Daten so nicht nutzen, was aber keinesfalls heißt, man müsse sie nicht beachten oder dürfe sie nicht überbewerten. Wie ich seit März beschreibe: Doch, man kann diese Daten sehr wohl nutzen, man muss das sogar unbedingt tun, aber man sollte es halt richtig tun: Den Trend sehen!

Tatsächlich wissen wir inzwischen, dass diese Epidemie sich grob gesagt in zwei unterschiedlichen Phasen aufbaut. Anfangs wird das Virus vor allem von jüngeren und mobileren Kohorten aufgenommen. In dieser Phase steigen die Infektionszahlen exponentiell an, während die CFR (Fallsterblichkeit) aber sinkt (Chart 2), weil aus dieser Kohorte relativ wenige schwere Fälle entstehen. Diese sinkende CFR wird dann gerne wie oben beschrieben als Entwarnungssignal für alle möglichen Fehlinterpretationen herangezogen – dabei ist sie genau das Gegenteil, nämlich ein Indikator, dass sich eine gefährliche zweite Phase aufbaut!

Kommt es nämlich zur Diffusion des Virus in die Gesamtbevölkerung – was dann innerhalb der Sozialstrukturen vollkommen unvermeidlich und bisher auch überall auf der Welt weiterhin passiert -, so haben wir die zweite Phase und die bedeutet: Zunächst sickert das Virus eher unscheinbar innerhalb der Sozialstrukturen in andere Kohorten, was aber zwei mathematische Effekte zugleich auslöst: Weiterhin exponentielles Wachstum der Infizierten UND ein rascher Anstieg der Quote schwerer Fälle sowie der Sterbefälle.

Man kann das mit einer verstopften Ketchupflasche vergleichen: In Phase 1 kommt nichts heraus, dann schütteln wir sie durch und in Phase 2 kommt dann die Explosion in den Krankenhäusern.

Tatsächlich ist es nämlich dann so, dass die Hospitalisierungen sehr plötzlich noch schneller anwachsen, als die Infektionszahlen zu Beginn der ersten Phase. Überall auf der Welt, auch bei uns, sind im Frühjahr von den ersten bekannten Fällen in Krankenhäusern und den ersten Todesfällen bis zu vierstelligen Sterbefällen pro Tag nur wenige Wochen vergangen – und bekanntlich in vielen Ländern die Krankenhäuser kollabiert. Wir haben hier teilweise nicht mehr Verdopplungs- sondern Verdreifachungsraten in wenigen Tagen gesehen und daher ist es einfach nur verheerend gefährlicher Unfug, gerade diese Daten als Indikator zu nutzen.

Niemand wäre so dumm, den Inhalt einer Ketchupflasche zu ignorieren und die einfach mal senkrecht über dem Teller wild zu schütteln, um dann zu schauen, ob die richtige Menge raus kommt. So dosiert niemand seinen Ketchup und eine dermaßen aggressiv exponentiell reagierende Pandemie „dosiert“ man ohnehin nicht, mit den Krankenhausdaten schon gar nicht!

Die Infektionsdaten aus Chart 1 lassen sich aber aus zwei Gründen nicht durchgehend mit dem Frühjahr vergleichen: Erstens ist die jetzige Phase des Aufbaus der Epidemie in jüngeren Kohorten im Frühjahr gar nicht gemessen worden. Wir müssten die Daten aus Januar und Februar haben, denn genau diese Monate dürften den aktuellen entsprechen. Bekanntlich wurde Covid-19 in der Zeit außerhalb von China, Südkorea und anderen asiatischen Industrieländern aber geflissentlich ignoriert. Die Politiker in der Lombardei erklärten ihren Ski-Tourismus als sicher, der Österreichische Kanzler sah das genau so und der US-Präsident sprach zuerst von einem Corona-freien Land und dann beim ersten Sterbefall in New York von einem älteren vorerkrankten Chinesen.

Die zitierten Herrschaften erzählen – wie nicht wenige hierzulande auch – genau genommen denselben Mist wieder. Lernfähigkeit sieht anders aus!

Der zweite Grund für die fehlende Vergleichbarkeit ist die erhebliche Dunkelziffer der Daten vom Frühjahr, denn als die Ketchupflasche uns im März um die Ohren flog, sind unsere Testkapazitäten nahezu zusammengebrochen. Zur Erinnerung: Im Fall Webasto galt als Teststrategie noch, dass an drei aufeinanderfolgenden Tagen drei PCR-Tests zu machen seien, bevor jemand valide als negativ einzustufen und aus der Quarantäne zu entlassen sei. Drei Tests pro Person! Denn natürlich waren schon da die biomathematischen Eigenschaften des PCR-Verfahrens, das nebenbei in der allgemein eher indifferenten medizinischen Diagnostik schon fast zu den Präzisionsinstrumenten zu zählen ist, natürlich bekannt und dem wurde auch Rechnung getragen. Liest man heute Verschwörungsmüll und PCR-Schwurbeleien, so erinnert das sehr an die Debatte aus dem Frühjahr, als viele behaupteten, man könne aus den ersten erhobenen Daten kaum etwas ableiten und müsse zuerst mal längerfristig „evidente“ Statistiken erheben – diese Quellen aus der Ecke „evidenzbasierte Medizin“ verbreiten auch heute noch ähnlichen Mist, es wurde Dank Lockdown in letzter Minute je doch nicht genug gestorben, um die langfristigen Sterblichkeitsvergleiche auffällig nach oben zu treiben. So wird also gerne die schwerste Grippesaison ohne Lockdown mit Covid-19 unter Lockdown verglichen, schlimmstenfalls nicht mal periodisch abgegrenzt.

Ebenso wird seit Frühjahr hartnäckig behauptet, alleine die steigende Testmenge erzeuge steigende Infektionszahlen, was ich hier oft genug widerlegt hatte und was alleine schon wegen der begrenzten Inkubations- und Krankheitsdauer ohnehin vollkommen unlogischer Quatsch ist: Wenn man durch mehr Tests mehr Infizierte findet, müssen die ja irgendwo her kommen und da die sich nicht bei Friedrich dem Großen angesteckt haben, kann man allenfalls um den Testzeitpunkt herum die tatsächliche Infektion ein paar Tage hin oder her schieben – was in den besseren statistischen Verfahren ohnehin passiert. Findet man also mehr Fälle durch mehr Tests, so kann das den Anstieg kurzfristig sehr wohl erklären, aber eben nicht über eine längere Dauer – wenn der 7-Tage Durchschnitt exponentiell wächst, ist das durch Testmengenanstiege nicht mehr erklärbar. Hinzu kommt, dass die Testmengen zwei Mal um je ca. 50% gesteigert werden konnten – während sich die Fallzahlen um einige 1.000% veränderten.

Tatsächlich ist im Frühjahr die Pandemie über uns gerollt und die Teststrategie musste entsprechend mehrfach geändert werden. Von drei Tests pro Person war ohnehin schnell keine Rede mehr, dann wurden die präventiven Tests bei reinen Verdachtsfällen eingestellt und schließlich nur noch Menschen mit klarer Symptomatik getestet – sofern die Zuhause zurecht kamen, nicht mal die. Die Tests liefen also hinterher, die Dunkelziffer stieg an, sie ist bis heute unbekannt.

Im Frühjahr war die Spitze der Dummheit in der Debatte aus manchen Echokammern übrigens der Hinweis, mit Daten einer solchen Dunkelziffer sei man ja blind, auf deren Basis könne man nichts entscheiden. Frei nach dem Motto, wir wissen doch gar nicht wie viele mehr Infizierte wir haben, daher sollten wir die Sache mal etwas weiter laufen lassen, bis wir das vielleicht irgendwann bei den Sterbezahlen in den Krankenhäusern herausfinden. Wenn diese Krise vorbei ist, mache ich vielleicht mal einen Sammelband mit Corona-Schwachsinn.

Das ist in der Tat alles grober Unfug, denn wir wissen bereits seit dem Frühjahr, dass wir diese Daten sehr wohl nutzen können, um den Trend zu bewerten und die Metrik der Epidemie zu erkennen. Dazu gehören zwei wichtige Indikatoren, auf die ich weiter unten zurückkomme: Die Wachstumsrate der Zahlen sowie die Quote der positiv getesteten.

Wir sehen in Chart 1 für das Frühjahr eine Wachstumsrate mit Verdopplungszyklen alle zwei Tage in der Spitze und wir sehen, dass parallel dazu die Positivquote (an der Färbung der Kurve abzulesen) sehr schnell anstieg. Die Wachstumsrate zeigt schlicht die Geschwindigkeit und die Positivquote signalisiert, dass die Tests nicht mehr hinterher kommen, die Dunkelziffer also steigt. Was im Frühjahr wirklich passiert ist, wird gerade erforscht. Das lässt sich nur durch Modellrechnungen u.A. aus den Hospitalisierungen hochrechnen.

Chart 3 zeigt die Aggregation verschiedener Modelle, die sich daran versuchen. Dabei sind die aus UK stammenden eher für Deutschland ungeeignet, weil sie für unsere Situation mit zu hohen Sterbefallquoten arbeiten. Die höheren Kurven sind vermutlich treffender und die kommen zu einem Peak von ca. 60.000 Infektionen pro Tag bei der ersten Welle. Diese Modelle werden laufend kalibriert und sie nähern sich immer mehr an. Wir sehen hier in der Tat ein inzwischen sehr realistisches Bild – und leider reagieren diese Modelle bereits auf die aktuelle Situation, obwohl sie erst sehr spät einen Trend zeigen, das ist gar nicht gut!

Die Dunkelziffer war also ganz erheblich und das ist seit dem Sommer mit stark zurück gekommenen Fallzahlen bei erneut verbesserter Testkapazität anders. Daher können die aktuellen in der Spitze ca. 7.000 Infektionen pro Tag sowie der 7-Tage-Wert, der sich 5.000 nähert, nicht mit den Testdaten aus dem Frühjahr verglichen werden. Es gibt sicher auch heute eine Dunkelziffer, aber die ist zweifellos deutlich geringer. Wir liegen aktuell vermutlich irgendwo bei einem Zehntel bis einem Achtel des Peaks vom Frühjahr, weshalb diese dummen Alarmmeldungen in den Medien, die von Zahlen „fast schon wie im Frühjahr“ fantasieren, halt nicht nur grob falsch, sondern sehr gefährlich sind: Denn es ist nachvollziehbar, dass viele Menschen, die sich mit den Daten nicht auskennen, daher allzu gerne der Sichtweise folgen, dass die Pandemie ja wohl offensichtlich irgendwie harmloser geworden sein muss, wenn parallel in den Krankenhäusern (relativ) wenig los ist.

Damit aber zur durchaus möglichen Bewertung dieser Daten: Wie sieht der aktuelle Trend aus, welche Signale sind erkennbar?

Wie gesagt ist das Wachstum der Infektionszahlen der wichtigste Trend überhaupt, um die aktuelle Situation sowie die Entwicklung über die nächsten Wochen zu erkennen. Hier haben wir in der kurzfristigeren Betrachtung seit dem niedrigsten Stand im Sommer einige lehrreiche Entwicklungen gesehen: Zunächst gab es einen Wachstumstrend mit Verdopplungszyklen in ca. 15 Tagen, der nicht nur, aber maßgeblich durch die Reiserückkehrer ausgelöst wurde.

Wir erinnern uns, dass als Gegenmaßnahme Massentests und Quarantäne durchgeführt wurden. Wie erinnern uns ebenfalls, dass es trotzdem zu Verstößen und dann im Rahmen von privaten Feierlichkeiten bei uns zu singulären Ausbrüchen kam. Es sieht aber so aus, dass die Maßnahmen insgesamt gegriffen haben, denn wir konnten den Trend brechen, die Pandemie war – leider nur für kurze Zeit – rückläufig. Was man ebenfalls erkennen kann, das war auch bei dem Lockdown so, ist die Tatsache, dass so ein rückläufiger Trend ebenfalls exponentiell verläuft – und zwar in die fallende Richtung.

Gegenmaßnahmen sind also möglich, sie sind attraktiv und sie wirken schnell, daher sind sie umso kürzer und effektiver, je konsequenter und früher sie ergriffen werden. Was da mit den Rückkehrern passierte, war in Summe richtig und gut, der Trend konnte gebrochen werden.

Leider ist danach die Nachlässigkeit in unserem Alltag zum Tragen gekommen. Wenn man die RKI-Berichte aufmerksam liest, spielt unser Freizeitleben dabei die größte Rolle. Es sind nicht Betriebsstätten, es ist nicht unser Arbeitsleben, es sind wohl auch nicht die Geschäfte, nein, es sind überwiegend private Feierlichkeiten – sei es im eigenen Umfeld oder im Kneipen/Gastroumfeld. Primär dadurch haben wir nämlich leider einen erneuten Trendwechsel in die andere Richtung erlebt, der anfangs mit einem Verdopplungszyklus von 15 Tagen lief. Dieser Trend ist Grundlage für die Warnung der Kanzlerin, es sei gegen Jahresende mit täglichen Neuinfektionen von bis zu 20.000 zu rechnen. Das ist ausgehend von bald um die 5.000 Infektionen beim 7-Tage-Wert mit zwei Verdopplungszyklen erreicht, so dass die Zahl alles andere als aus der Luft gegriffen ist und die Mahnung geht schließlich in die vollkommen korrekte Richtung: Wir müssen den Trend brechen, JETZT!

Nun sehen wir aber seit einigen Tagen leider genau das Gegenteil eines Trendwechsels: Wir sind nun in einen Verdopplungszyklus von 10 Tagen eingetreten, wir haben parallel einen Anstieg der testpositiven Quote und wir haben weiter eine absinkende CFR. Das sind alles Indikatoren für eine weitere Beschleunigung der Epidemie, weshalb ich den erst kurz erkennbaren Zyklus von 10 Tagen leider schon jetzt ernst nehmen muss und das würde bedeuten: Die 20.000 pro Tag haben wir eher noch im November und dann wären wir leider bereits um den Jahreswechsel eben doch wieder in der Situation des Frühjahrs – das geschätzte Zehntel ist bei einem exponentiellen Prozess nun mal in kurzer Zeit aufgeholt.

Wie stark die Epidemie zurück kehrt, ist global in Chart 4 dargestellt: Hier sind die Positivquoten farblich auf der Weltkarte verzeichnet. Wie sehen erneut, dass es in Deutschland weit besser läuft, als bei den Nachbarn oder den größten Krisenherden – aber die Trends sind bei uns dieselben, auch wenn das Niveau weit niedriger ist. Daher sagt die reine Mathematik leider: So kommen wir nicht durch Herbst und Winter!

Dass die grundsätzliche Metrik und auch das oben erwähnte Bild der Ketchupflasche immer noch Gültigkeit haben, sehen wir in Chart 5: Hier sind die Sterbezahlen aufgeführt, bei der wir keine große Dunkelziffer und vor allem keine in den Phasen unterschiedliche vermuten müssen. Diese Daten sind also vergleichbar und wir sehen in der Tat, dass auch bei uns die Sterbezahlen wieder anziehen und wir sehen erneut eher Verdreifachungszyklen mit Latenz zur Infiziertenzahl. Wer nun auf diesen Kurven die inzwischen wieder fast 20 Sterbefälle pro Tag bagatellisieren möchte, möge bitte auf die Kurve im Frühjahr achten und sehen, wie schnell die in der Tat mit Verdreifachungszyklen zu den letztlich fast 10.000 Opfern trotz Lockdown geführt hat.

Der Verdreifachungstrend wird ebenfalls durch die Belegung der Intensivbetten belegt (Chart 6): Zu beachten ist die Latenz dieser Daten zur Infektionskurve (Meldewesen, Inkubationszeit, Krankheitsverlauf von Hospitalisierung bis zur Intensivstation). Wir sehen hier also die Folge von Infektionsverläufen von vor drei bis vier Wochen und es ist erschreckend, wie das Uhrwerk tickt: Der Verdopplung von Infektionen folgt eine viel schnellere Verdreifachung der Intensivbelegungen. Das wird leider nun genau so weiter gehen und wir sehen regional bereits Auslastungen von 40%, in einzelnen Krankenhäusern auch mehr. Die bundesweiten Gesamtkapazitäten, die Dank der im Frühjahr aufgebauten Logistik recht gut nutzbar sind, haben noch genug Reserve. Wir stehen also nicht vor einer Überlastung des Gesundheitssystems, aber wir müssen erkennen, dass es bei den Krankenhäusern noch viel schneller steigt, als bei den Infiziertenzahlen und dass wir hier einen Prozess wieder losgelassen haben, der die proportionalen Kapazitäten an Betten sowie insbesondere Personal in ein bis zwei Wochen schlicht ausradieren kann!

Wenn wir auch nur in die Nähe dieser Situation kommen, wird der Politik nichts anderes übrig bleiben, als wieder mit dem Holzhammer zu reagieren – bei unseren Nachbarn ist das lokal bereits passiert. Von einem einzelnen Ort in Österreich über Großstädte in Frankreich bis zu sehr umfassenden Maßnahmen in Tschechien. Wollen wir das bei uns auch oder nutzen wir unser Wissen aus dem Frühjahr endlich?

Gehen wir von dem aktuellen 10tägigen Verdopplungszyklus aus – und der kann sich mit dem kälteren Wetter eher beschleunigen, als abschwächen, das zeigen die Daten der Nachbarn glasklar – so sehen wir Ende Oktober 10.000, Ende November 40.000 und im Laufe des Dezembers bereits den Stand vom Frühjahr – und damit eine Größenordnung, die bei noch weiterem Zögern den Tippingpoint unserer Krankenhäuser herausfordert und zwar sehr schnell. Zudem sind wir dann bereits Ende November in der Situation, dass das komplette Gesundheitswesen wieder auf Covid-19 ausgerichtet werden muss – mit entsprechenden Kollateralschäden für alle anderen Belange.

Das kann es nicht sein – oder wollen wir dann doch nach Schweden schauen und Älteren eiskalt die Behandlung verweigern, diese Zuhause oder in Heimen isolieren und mit Morphinen versorgt zugrunde gehen lassen. Wollen wir das??

Oder wollen wir unser Wissen endlich nutzen?! Die Kenntnisse von Aerosolen, die Bedeutung von Cluster-Infektionen, die wesentlichen Ansteckungsorte und Gelegenheiten? Vor allem aber: Die Notwendigkeit, rasch und konsequent zu reagieren, exponentielle Trends so schnell wie möglich zu brechen, dem Prozess das Wachstum zu nehmen!

Wir haben, wie vor nun vier Wochen schon geschrieben hatte, ein sich schließendes Fenster, um mit moderaten Kontaktbegrenzungen zu reagieren. Die Option zu regionalen Maßnahmen ist leider dahin, die Ausbreitung in der Fläche wurde – und das ist ganz klar eine Konsequenz des föderalen Wahnsinns mit überflüssigen Öffnungen von Massentourismus und privater „Normalität“ – zugelassen.

Daher sind Beherbergungsverbote nun vollkommen zurecht zurück gewiesen worden, dafür gibt es keine ausreichende Begründung.

Es ist auch real lächerlich, weiter auf diese Grenzwerte von jetzt 35 Infizierten pro 100.000 versus 50 zu schauen, die sind bald in den meisten Regionen ohnehin erreicht. Niemand weiß so genau, wo diese Werte entstanden sind, es gibt keine wissenschaftliche Grundlage dafür, das sind politische Zahlen und Covid-19 wird sich kaum daran orientieren.

Die gestern in der MP-Konferenz vorgelegten Ideen sind grundsätzlich richtig, wir brauchen keinen Holzhammer, wir können einen Lockdown verhindern, wir wissen inzwischen, dass viele Schließungen gar nicht erforderlich sind. Mit guten Hygienekonzepten, Raumlüftung, Personenbegrenzung etc. sind Geschäfte kein erkennbares Risiko. Selbst Veranstaltungen sind möglich. Auch Hotelbetrieb und Gastronomie bergen – richtig gemacht – kein grundsätzliches Risiko.

Aber wie finden wir die schwarzen Schafe heraus, die Gastwirte, die sich um Raumluft und Ausdünnung von Tischen nicht scheren, die Gäste, die in solchen Stuben munter stundenlang feiern, miteinander auf engstem Raum quatschen, oft mit einem Dutzend um einen großen Tisch?

Wir kommen nicht umhin, Ordnungsämter und Gesundheitsämter ggf. mit weiterem Personal auszustatten, um solche Problemzonen pro-aktiv zu erkennen. Wir sollten nicht nur Getesteten und Infizierten hinter her rennen, uns um individuelle Quarantäne und Eindämmung von Kontakten kümmern, dafür ist es zu spät, das ist bei den Zahlen ein stumpfes Schwert. Es müssen viel klarere Regeln für Hygienekonzepte, Begrenzungen von Kontakten, Abstandsregelungen, Raumgrößen definiert werden – und das muss leider auch durchgesetzt werden. Wir können nicht auf Ausbrüche in Kneipen und Restaurants warten, um zu reagieren. Die Gefahrenherde müssen vorher erkannt und abgestellt werden, sonst leiden letztlich die vielen ehrlichen Betriebe unter den schwarzen Schafen.

Vor allem: Wie beenden wir endlich die Diskussion über die zugleich effektivste und billigste Maßnahme, nämlich die Masken? Wenn das nicht aufhört, muss die Maske zur Pflicht im öffentlichen Raum werden, egal wo, egal wie. Selbsternannte Antipanik-Wissenschaftler, die in Talkshows herumnörgeln, im Freien seien Masken nicht sinnvoll, sollten wir den Unterschied zwischen einem gesellschaftlichen Diskurs in ruhigen Zeiten versus der endlich konsequenten Umsetzung von Maßnahmen in einer Pandemie erklären. Natürlich weiß auch der französische Präsident, dass Masken im Freien keinen Mehrwert haben – aber er will die Diskussion darüber beenden und alle Grauzonen des individuellen Verweigerers schließen. Wenn das der Weg ist, diese Dinger endlich auf alle Münder und Nasen zu bringen, dann muss das eben sein!

Es ist nicht die Zeit für Grundsatzdebatten, ob die Pandemie überhaupt existiert, ob wir sie überhaupt stoppen können, ob wir das Sterben verhindern können, ob die Sache wirklich gefährlich ist, ob Masken oder was auch immer angemessen sind!

Wir wissen, wie das Virus sich verbreitet und wir wissen, wie man das begrenzen kann. Wir müssen handeln. Jetzt. Schnell. Konsequent. Die Zeit der Diskussionen ist vorbei!

Sonst bleibt letztlich nur der Hammer, denn die Mehrheit unserer Bevölkerung akzeptiert den Weg Schwedens nicht. Das weiß die Politik und daher bleibt mein Szenario unverändert: Worst Case erleben wir eine doppelt so lange und damit doppelt so opferreiche Epidemie wie im Frühjahr und kommen ohne breiten Lockdown nicht durch.

Das würde bedeuten: Wir haben versagt und es sollte uns nicht trösten, dass es bei unseren Nachbarn noch schlechter läuft.

 

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