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Wir können nicht mehr auf Sicht fahren

Die Pandemie macht deutlich, dass Verständnis von und Umgang mit exponentiellen Prozessen für den Menschen zur Überlebensfrage werden.
Wir denken linear, adaptieren unser Handeln immer erst nachträglich und leben doch in einer Umwelt, die sich exponentiell verändert. Das betrifft die natürlichen Prozesse wie die Klimaveränderung oder auch so gut wie alle biologischen, wozu unser eigenes Wachstum zählt. Es sind aber auch die von uns selbst geschaffenen Veränderungen: Die Leistung von Prozessoren verdoppelt sich alle paar Jahre, der Preis halbiert sich, der Einfluss von IT in unserem Leben wächst entsprechend, das vorhandene Fachwissen in den Wissenschaftszweigen verdoppelt sich regelmäßig, die täglich verfügbaren Informationen ebenso.
Lern- und Ausbildungsprozesse sind schon lange kein einmaliger Erwerb von Kenntnissen, sondern ein lebenslanges Hinterherlaufen. Unser ganzes Leben wird bestimmt durch den Einfluss exponentieller Veränderungen und Mehrungen. Einiges könnten wir umkehren, einiges nur verlangsamen, einiges nur hinnehmen.
Wenn wir weiter linear denken und erst auf wachsenden Schmerzpegel reagieren, werden wir von den natürlichen und den selbst geschaffenen Entwicklungen immer häufiger und immer kurzfristiger überrollt.
Dabei bietet unser Gehirn immer noch die leistungsfähigste existierende Informationsverarbeitung und es ist noch nicht mal an der Grenze seiner Fähigkeiten. Wir sollten rasch beginnen, es einzusetzen und nicht überwiegend mit Bewahrung und Perpetuierung des Status quo beschäftigen.
Angeblich ist es menschlich, Veränderungen zu scheuen und Stagnation als Bequemlichkeit anzustreben. Nomaden waren klüger, die haben Veränderung und Bewegung als Normalität gesehen. Tatsächlich sehe ich die Menschen in ständigem Widerspruch zwischen dynamischem Veränderungs/Verbesserungs- und ängstlichem Bewahrungsdenken.
Wir sollten diesen Widerspruch auflösen. Dazu ist es vor allem notwendig, ein anderes Risikobewusstsein und neue Entscheidungsräume zu entwickeln. Es zählt nicht mehr das, was wir nachweislich bereits sehen, sondern das, was wir unter Nutzung unserer geistigen Fähigkeiten an Erwartungsraum aufspannen können. Darin müssen wir uns bewegen – Irrtümer und Korrekturbedarf ausdrücklich inkludiert.
Wir sollten unser perspektivisches Handeln nicht mit den Augen, sondern mit dem Geist bestimmen. Der kann exponentielle Prozesse definitiv erfassen.

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