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Willkommen in 2022!

Das letzte Jahr war für viele wohl nur noch zu verabschieden. Das neue verspricht zumindest an der Corona-Front Besserung. Während vor einem Jahr noch unklar war, ob die Gesundheitsversorgung die Last tragen kann, gehen aktuell die Zahlen in den Krankenhäusern zurück. Nun beginnt Omicron wie erwartet mit einer neuen Welle, die aber unter anderen Voraussetzungen kommt. Insofern sind wir für das neue Jahr anders und besser aufgestellt. Eines aber hat sich nicht geändert: Es gilt, die Sache nüchtern, realistisch und ehrlich zu betrachten. Wir haben inzwischen sehr viel Wissen und gute Mittel, wir sollten sie nun nutzen, um 2022 ganz anders zu erleben als das letzte Jahr. Das kann gelingen, wenn wir gemeinsam mit den Tatsachen umgehen und aufhören, um diese einen sinnlosen Streit zu führen.
Zu Omicron liegt nun erstmals eine seriöse und auf breiterer Datenbasis erhobene Studie aus Südafrika vor: https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3996320
Man darf nun die „Diskussion“ über singuläre Fallstudien oder Einzelmeinungen von Medizinern mit einer Handvoll Patienten zur Seite legen. Die Daten sind stabil und bestätigen, dass Omicron in Südafrika gut handhabbar ist. Das Virus breitet sich demnach bis zu vier Mal schneller als das ebenfalls bereits sehr infektiöse Delta aus. Das erzeugt die enorm schnellen neuen Höchstwerte, die wir bereits in vielen Ländern (siehe Chart 1) sehen, die das im Unterschied zu Deutschland auch über die Feiertage weiter beobachtet haben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Entwicklung auch bei uns bereits begonnen hat.
Den hohen Zahlen stehen aber weitaus geringere Krankheitsfolgen gegenüber. Die Studie kommt zu 50% bis 70% geringerer Hospitalisierungsrate sowie innerhalb der Krankenhäuser zu nochmals 70% geringerer Quote an schweren Verläufen. Daher sinken unter Omicron die Belastungen in den Krankenhäusern. Die Behandlung schwerer Fälle wird nicht mehr als Engpass gesehen, die allgemeine Krankenhausbehandlung sieht momentan handhabbar aus. Südafrika wird daher nun schrittweise Maßnahmen lockern.
Solche – in der Tat positiven! – Meldungen werden aber leider zu einseitig in den Medien weiter gegeben, was zu fast schon euphorischer Meinungsbildung führt, die Pandemie gehe mit einem harmlosen Erkältungsvirus namens Omicron nun zu Ende. Das läuft auf die eingangs erwähnten Fehler hinaus, denn an dieser Meinung ist präzise ausgedrückt genau gar nichts richtig.
Zunächst muss man feststellen, dass in Südafrika, das geht auch aus dieser Studie hervor, die Hospitalisierungsquoten mit jeder Welle gesunken sind. Dafür hat das Land (siehe Chart 2) einen hohen Preis gezahlt, denn mit jeder Welle ist die Übersterblichkeit auf Werte gestiegen, die nur von wenigen Ländern auf dem Planeten übertroffen werden. Tatsächlich ist davon auszugehen, dass in Südafrika neben den wenigen Geimpften fast alle in der Bevölkerung einen Immunschutz gegen das Virus aufgebaut haben. Viele sind mehrfach infiziert worden, Omicron erzeugt dort nicht wenige Re-Re-Infektionen. Wenn nun in unseren Medien diese positiven Meldungen aus Südafrika genannt werden, sollte man auch dazu sagen, welcher Preis dafür zu zahlen war. Ebenso wichtig ist es, darauf hinzuweisen, was die Autoren dieser Studie selbst sagen: Eben wegen dieser teuer erkauften Immunität sowie der relativ jungen Bevölkerung formulieren die Autoren bereits in der Zusammenfassung, dass diese Ergebnisse nicht auf Populationen mit anderer Altersstruktur oder geringerer Resistenz übertragbar sind. Wer das also zitiert, sollte es vollständig tun – mindestens in seriösen Medien wäre das zu erwarten.
Wie sich Omicron in unseren europäischen Populationen verhält, ist immer noch nicht abschließend zu bewerten. Erste Studien aus UK sowie die bisherigen klinischen Verläufe aus DK legen nah, dass es zu ähnlichen Verhältnissen kommen kann. Auch das darf als positiver Ausblick durchaus abgeleitet werden, ist aber ebenfalls entsprechend einzuordnen. Dabei sind nämlich möglicherweise signifikante Unterschiede zu beachten. Eine Studie aus UK kommt beispielsweise zu dem Ergebnis, dass dort ähnlich wie in Südafrika 95% der Bevölkerung Antikörper gegen Sars-Cov-2 besitzen: https://www.ons.gov.uk/…/coronaviruscovid19l…/antibodies
In UK sind dafür mehr Impfungen als in Südafrika, aber für europäische Verhältnisse bekanntlich leider auch sehr viele, ebenfalls teuer bezahlte Vorinfektionen der Grund. Dass diese Resistenzen sehr gut helfen, vor allem das klinische Geschehen zu dämpfen, wurde in UK ebenfalls untersucht: https://www.nature.com/articles/d41586-021-03846-z
Hier bestätigen die Autoren nochmals bisherige Ergebnisse spezifisch zu Omicron: Vorinfektion und Doppelimpfung helfen wenig gegen Infektion, erleichtern aber den klinischen Verlauf. Booster wirken wesentlich besser, können durchaus bereits die Infektion abwehren, mildern nochmals besser den klinischen Verlauf.
Insgesamt könnte das trotz der anderen Altersstruktur für UK zu ähnlichen Ergebnissen wie in Südafrika führen. Aber auch das bleibt abzuwarten, die kommenden zwei Wochen werden in den Krankenhäusern die tatsächlichen Daten liefern. Die Strategie in UK ist aber klar und die gilt für ganz Europa: Impfen, impfen, impfen. Die Relevanz der Impfungen wird durch die beigefügten Charts aus Infektionsdaten und Übersterblichkeiten sehr gut belegt. Der Weg Südafrikas sollte, nein darf! nicht unserer sein.
Zumal es bisher vollkommen unklar ist, wie Omicron sich in der spezifischen Situation Deutschlands verhält. Wir sind bisher vergleichsweise sogar noch glimpflich durch diese Pandemie gegangen, haben aber eine niedrige Impfquote sowie eine sehr schlechte Verteilung. Besondere Sorgen bereiten die relativ vielen Ungeimpften und auch nicht Vorinfizierten Ü50. Mit Omicron wird eine Vermeidungsstrategie immer sinnloser. Es ist vermutlich sehr schwierig, den Kontakt mit diesem Virus über die kommenden Monate komplett zu vermeiden. Wer das mit einem für Sars-Cov-2 naiven Immunsystem freiwillig riskiert, ist wohl wirklich naiv zu nennen. Denn selbst in Südafrika wurden immer noch knapp 5% Hospitalisierungen festgestellt, in einer jungen und weitgehend „trainierten“ Gesellschaft. Das ist alles andere als ein Erkältungsvirus!!
Wir müssen daher für Deutschland leider damit rechnen, dass wir hier eine höhere klinische Belastung aus der Omicron-Welle erleben werden als beispielsweise UK. Pluspunkt bei uns sind die vergleichsweise gut vorankommenden Booster-Impfungen, Minuspunkt die hohe Verweigerungsquote gegen jegliche Impfung. Da unser klinische Situation sich gerade zwar zurück entwickelt, aber immer noch über dem Peak der ersten Welle liegt, kann und darf es für Deutschland keine Entwarnung geben. Das wäre fahrlässig!
Richtig ist vielmehr, der Impfkampagne weiter jede Aufmerksamkeit zu widmen. Das gilt für den Staat, der das Angebot möglichst gut verfügbar machen muss, aber vor allem für die Gesellschaft, die es wahrzunehmen hat. Wir alle kommen aus diesen Wellen von Krisenszenarien nur heraus, wenn geimpft wird. Dabei zeichnet es sich bereits ab, dass auch eine vierte Impfung erforderlich wird, vorzugsweise mit einem an Omicron adaptierten Impfstoff. In Israel beginnt das bereits mit den vorhandenen Wirkstoffen für bestimmte Gruppen – Risikopatienten sowie Personal in sensiblen Einrichtungen. Es darf kein Tabu sein, von mehrfachen, ggf. auch für einige Jahre regelmäßigen Auffrischungen zu sprechen. Wer das als Versagen der Impfstoffe bezeichnet oder als Unzumutbarkeit, hat eine andere Agenda, denn diese Entwicklung ist für Corona-Viren nicht überraschend.
Bereits jetzt weisen Experten darauf hin, dass auch Omicron keineswegs Endstation der Evolution von Sars-Cov-2 im Menschen ist. Auch Südafrika kann nicht sicher sein, ob weitere Wellen mit unklarer klinischer Belastung kommen werden. Es ist im Gegenteil wahrscheinlich, dass dies passiert. Ob und wann dabei tatsächlich ein harmloses Erkältungsvirus resultiert, gegen das kein Schutz mehr erforderlich wird, ist vollkommen unklar. Es muss auch nicht zwingend dazu kommen. Wie lange wir dagegen Impfungen in hoher Quote aufzufrischen haben, ist insofern schlicht offen. An der Lage hat sich insofern strukturell nichts geändert. Es gilt anzuerkennen, dass wir hier in die Evolution eines für den Menschen neuen Virus mit bis auf weiteres regelmäßigen Impfungen einzugreifen haben und dass diese aufgrund der Infektiösität nur in sehr hoher Quote Krisenzustände verhindern können.
Geimpfte, insbesondere Geboosterte können 2022 und Omicron nun persönlich gelassener angehen, das ist die gute Nachricht. Die Gesellschaft als Ganzes kann erst entspannen, wenn wir einen Weg gefunden haben, das einzige ethisch vertretbare Gegenmittel, die Impfungen, kollektiv einzusetzen, statt darüber zu streiten. Ob das durch eine Impfpflicht oder vielleicht doch noch durch eine entstehende gemeinsame Sicht auf die Tatsachen zu erreichen ist, wird nun leider eine übel missbrauchte politische Debatte, die 2022 vermutlich anfangs sehr belasten dürfte.
Omicron selbst zeigt übrigens bereits erste Mutationstendenzen. Das Virus streitet nicht, es geht seinen Weg. Es wird sich unter den Naiven und leider auch unter durch Impfungen nicht ausreichend schützbaren, das ist die große Ungerechtigkeit an der Sache, zahlreiche Opfer suchen. Zu befürchten für 2022 ist, dass dies weiter durch einen Streit über Sterbeursachen, Impfwirkungen und Notwendigkeiten begleitet wird.
Es könnte insofern 2022 einfacher laufen. Das galt schon für 2021. Trotzdem haben wir nun sehr viele in der Gesellschaft, die wenigstens für sich selbst und ihre Familie sagen können: Pandemie ist da draußen, die findet ohne uns statt. Als Gesellschaft brauchen wir dafür noch etwas länger – so meine Erwartung für das neue Jahr.

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