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Dieses Kasino gehört abgeschafft

Die Preisexplosion an unseren Tankstellen ist nur die Spitze des Eisbergs. Nahezu alle Rohstoffpreise eskalieren derzeit und das betrifft nicht nur Energie, sondern auch Nahrungsmittel. Diese Preise entstehen in dieser Geschwindigkeit aufgrund von Finanzspekulationen. Sie haben nichts mit der tatsächlichen Versorgungslage zu tun. In einigen Einzelfällen sehen wir tatsächlich durch den – zudem immer noch unklaren – Ausfall von Russland oder der Ukraine einen Engpass, was steigende Preise grundsätzlich rechtfertigt. Zugleich gibt es aber auf den Weltmärkten genug Kapazitäten, diese Engpässe zu kompensieren. Regional, beispielsweise beim Gas, ist das logistisch schwierig. Hier sind also auch stärkere Preisschwankungen zu rechtfertigen.
Diese Exzesse sind aber alleine auf die Finanzspekulationen zurückzuführen. Tatsächlicher physischer Handel kann so etwas gar nicht auslösen. Rund um den Globus mehren sich sogenannte „Margin Calls“ an Spekulanten, die sich bei Termingeschäften gründlich verzockt haben. Das sind teilweise auch große Adressen und relevante Beträge. So etwas passiert gerade, weil Spekulanten auf teilweise vollkommen andere, oft sinkende Preise gewettet hatten und nun von ihren Zielen so weit entfernt sind, dass die entsprechenden Börsenplätze ihren Regeln entsprechend einfordern, diese Geschäfte zu schließen. In der Folge müssen die Spekulanten sich mit den Basiswerten eindecken, diese also zu jedem Preis kaufen. Andere wissen das und fordern diese Preise. Das führt binnen Stunden zu Bildern wie anbei beim Future auf den Weizenpreis.
Folge sind aber leider diese realen Preisexzesse, denn der physische Handel orientiert sich an diesen Preisen bzw. folgt ihnen. Was „die Märkte“ hergeben, wird verlangt und muss dann auch von denen bezahlt werden, die tatsächlich Öl, Kupfer, Nickel oder eben auch Weizen erwerben wollen. Die Finanzindustrie begründet diese vielen derivativen Produkte auf Rohstoffe, die letztlich die Basis für Finanzinvestoren sind, die nur auf Preisschwankungen von Rohstoffen wetten wollen, ohne selbst auch nur irgendein Interesse an deren tatsächlichem Bezug zu haben, damit, nur so könnten liquide Märkte für ökonomisch erforderliche Absicherungsgeschäfte sichergestellt werden.
Das ist in unsere digitalisierten Welt vollkommen absurd! Es ist richtig, dass Absicherungsgeschäfte ökonomisch wichtig sind. Ein Hersteller möchte seine Planung zu einem bestimmten Preis machen, wird den aber erst nach der Herstellung erfahren. Ein Abnehmer, der vielleicht selbst Hersteller ist, möchte ebenfalls frühzeitig mit einem Preis kalkulieren können. Terminmärkte mit vorher festgelegten Preisen wurden dafür erfunden und die gibt es ökonomisch in jedem Vertragswerk, also lange vor dem Börsenhandel. Daran ist nichts anrüchig oder verwerflich. Es stimmt auch, dass lange Zeit die börsengehandelten Termingeschäfte nur dann liquide, also jederzeit möglich waren, weil eben nicht nur Akteure mit tatsächlichen Interessen an den Rohstoffen sich beteiligten. Finanzinvestoren waren insofern rein finanzielle „Zwischenhändler“, falls sich keine „realen“ Geschäftspartner fanden.
Das hat aber mit der Zombifizierung des gesamten Finanzsektors dazu geführt, dass heute diese finanziellen „Zwischenhändler“ vom Volumen und von der Geschwindigkeit rein virtuell Geschäfte drehen, die sich von den realen Rohstoffbewegungen dahinter längst entkoppelt haben. Das ist nicht mehr notwendige Liquidität, sondern ein eigener virtueller Finanzmarkt geworden, bei dem der tatsächliche Bedarf und dessen Erfüllung, also die realen Kräfte von Angebot und Nachfrage, keine Rolle mehr spielen.
Mit den heutigen technologischen Möglichkeiten, ein Matching zwischen „echtem“ Angebot und „echter“ Nachfrage in Echtzeit und mit beliebig vielen Teilnehmern zu vermitteln, sind diese Formen von Termingeschäften nicht mehr erforderlich. Wenn eine Plattform wie eBay die Rohstoffmärkte abwickeln würde und zudem bei den Auktionen noch Geschäfte in der Zukunft einbauen würde, wäre der Welt wirklich gedient. Dieser zombifizierte Terminhandel gehört verboten und das passiert bis heute nicht, weil so viele so unglaublich gerne und oft auch so viel Geld damit verdienen. Aber selbst das ist letztlich ein ökonomisches Nullsummenspiel, denn da werden nur Gewinne und Verluste zwischen den Akteuren verschoben.
Natürlich werden sich die Exzesse auch wieder legen, denn jeder Freund dieser Märkte wird mir sofort entgegen halten, dass nun natürlich jede Menge Spekulation auf sinkende Preise einsetzt, die das sogar beschleunigen wird. Das macht es nicht besser, denn die realen Preise haben sich nun mal beim Weizen beispielsweise binnen weniger Tage vom Level um die 20 EUR auf nun über 70 EUR erhöht und das wird nun über Wochen oder Monate in irgendwelchen Höhen um das Doppelte oder Dreifache des alten Niveaus oszillieren. Das wird für lange Zeit diejenigen treffen, die wirklich Weizen kaufen müssen und es wird nichts geringeres als bittere Hungersnöte dort auslösen, wo diese Preise nicht bezahlt werden können. Parallel füllen sich vor allem diejenigen die Taschen, die Lagerbestände haben oder zu nahezu alten Kosten produzieren können. Das sind sogar die tatsächlichen Gewinner, während die Finanzinvestoren weiter Gewinne und Verluste untereinander verteilen.
Dieses Kasino gehört abgeschafft!

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