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Den Strompreis verstehen, heißt die Strombörse verstehen

Die Erzeugung von Strom, die dahinter stehenden Technologien und deren Zuverlässigkeit sowie Ausbaubarkeit sind Themen, die unsere Gesellschaft noch für viele Jahre beschäftigen werden. Leider ist das für die meisten kaum durchschaubar. Etwas Transparenz lässt sich jedoch herstellen, wenn man sich mit der Preisbildung an den Strombörsen beschäftigt.
Das ist kein Blick auf den Gesamtmarkt, denn hier wird derzeit nur ca. ein Drittel des Stroms gehandelt. Dieses Drittel ist jedoch das wichtigste, denn es bestimmt die Preisentwicklung im gesamten Markt und es ist repräsentativ genug, um die dynamischen Verhältnisse in der Energieerzeugung zu zeigen. Deswegen ist dieses Segment auch wichtig, um die Systematik des Strommarkts zu verstehen und diese auch kritisch zu bewerten.
Ursprünglich wurde Strom vollständig über längerfristige direkte Verträge zwischen Produzenten und Abnehmern abgewickelt. Dabei entstehen aber Überschüsse und Defizite, weil in der Produktion manchmal mehr oder weniger erzeugt wird oder erzeugt werden kann, als diese Verträge gerade erfordern. Dazu wurde in Europa im Rahmen der „Liberalisierung“ der Märkte die Strombörse geschaffen. Hier „trafen“ sich also Produzenten, Händler und größere Abnehmer, um Überschüsse anzubieten und Defizite einzudecken. Es ist gesetzlich aber vollkommen frei gestellt, ob man Direktverträge macht oder über die Börse handelt. Daher ist der Anteil des Börsenhandels, der für viele Anbieter Vorteile bietet, stetig gestiegen, auf zuletzt ein Drittel.
Dieses Drittel ist deshalb preisbildend, weil auf Dauer niemand Strom günstiger verkauft, als er es über die Börse tun kann und niemand teurer einkauft, als es über die Börse möglich wäre. Wann auch immer also Direktverträge auslaufen und neu abgeschlossen werden, so orientieren sich diese am Preisniveau der Börse, welches daher mittelfristig alle Preise bestimmt.
Daher ist es wichtig, die Preisbildung an der Börse zu verstehen. Die funktioniert durch Auktionen, also eine typische Methodik für Börsen, wobei es sehr auf die Details ankommt. Hier ist nämlich eine Preisbildung zum Höchstpreis geregelt. Im Rahmen von Auktionen wird eine Strommenge angefragt, auf die Lieferpreise und Mengen so lange geboten werden, bis die Auktion erfüllt ist. Abgerechnet wird dann aber für alle zum höchsten gebotenen Preis. Das Ziel ist nicht, den Preis hoch zu treiben, sondern im Gegenteil Anbieter günstiger Mengen anzulocken, die Auktionen möglichst schnell zu erfüllen, um zum Zuge zu kommen und diese zugleich durch die Erwartung eines Preisaufschlags dafür zu belohnen.
Der Preiseffekt ist daher eine Preisbildung zu den Grenzkosten der Erzeuger. Da niemand unter seinen Grenzkosten anbieten wird, aufgrund des Wettbewerbs aber auch keiner seinen Strom unverkauft verfallen lassen möchte, erzeugen diese Auktionen eine Abfolge von Geboten beginnend mit dem günstig produzierten Strom in aufsteigender Reihenfolge, bis die angefragte Menge erfüllt ist. Die teuerste noch zur Erfüllung des Bedarfs erforderliche Strommenge bestimmt dabei den Preis.
Tatsächlich funktioniert die Strombörse viel komplexer, da es mehrere Auktionsformen gibt und zudem auch Händler/Finanzinvestoren handeln können, die weder Strom produzieren, noch abnehmen, sondern schlicht Rechte auf Bezug oder Abnahme erwerben, um damit zu handeln. Der beschriebene Effekt mit den Grenzkosten der Anbieter lässt sich aber als der maßgebliche Preisbildungsmechanismus nachweisen und daher genügt dieses Bild, um die Preisentwicklung im gesamten Strommarkt letztlich zu verstehen.
Hinzu kommt, dass Strom ein aktuelles Produkt ist, welches bekanntlich nicht beliebig gespeichert werden kann. Wer Erneuerbare Energien erzeugt, kann die Menge gar nicht steuern, sie wird durch Wind und Sonne bestimmt. Wer Kraftwerke betreibt, kann diese zwar steuern, aber viel träger, als sich die nachgefragte Menge entwickelt. Auch Kraftwerke sind daher mit Vorlauf hoch und runter zu regeln. Wer dabei zu viel plant, produziert Überschüsse, die je nach Marktlage nicht mehr verkauft werden können oder er lässt seine teuren Kraftwerkskapazitäten zu gering laufen und verliert Absatzchancen.
Dadurch gibt es täglich eine sehr volatil schwankende Nachfrage, die auf ein ebenso volatiles Angebot trifft. Folge: Der Preis schwankt innerhalb eines Tages viel erheblicher, als man das von anderen Börsen kennt. An der Strombörse sind Preisschwankungen um 100% innerhalb eines Tages vollkommen normal, nicht selten ist es deutlich mehr. Aufgrund der beschriebenen Preisbildungseffekte ist aber klar, dass die Art der Produktion und der Verlauf der Nachfrage hier sichtbar werden. Und genau das passiert durch sehr klare Muster im Tagesverlauf, die in den beiden Charts erkennbar werden.
Man sieht an der Gesamtfläche unschwer, dass das gehandelte Volumen erhebliche Tagesschwankungen hat. Beginnend mit den frühen Morgenstunden steigt der Handel auf ein Peak um den Mittag, um dann stündlich wieder zu fallen, bis es nachts den tiefsten Punkt erreicht. Da natürlich zwischen Handel und tatsächlicher Lieferung ein Versatz besteht, ist das uhrzeitlich nicht unser Verbrauchsmuster, aber das sieht strukturell trotzdem genauso aus.
Die grüne Fläche zeigt den Anteil der Erneuerbaren Energien, die graue sind die konventionellen Kraftwerke inklusive Kernkraft. Hier wird nun erkennbar, wie volatil das Angebot der Erneuerbaren verläuft, zugleich aber auch deren Preiseffekt, der an der roten Linie zu erkennen ist: Der Strompreis erreicht nämlich stabil immer dann Höchstpreise, wenn besonders viele konventionelle Strommengen gehandelt werden. Leicht erkennbar, praktisch jedes Peak der grauen Fläche bedeutet auch eines der roten Linie.
Interessant ist auch der Verlauf der unteren Fläche, die Im- und Exporte zeigt. Hier ist erkennbar, dass Deutschland in der Tat mehr exportiert, als importiert und dass dies gerade umgekehrt zu den Preisen erfolgt. Weit überwiegend wird aus Deutschland exportiert und zwar am meisten, wenn die Preise ganz unten sind, sehr selten wird importiert und zwar stets dann, wenn die Preise ganz oben sind.
Es gilt nun, dieses System vollkommen undogmatisch so zu bewerten, wie es tatsächlich wirkt, denn darüber kann es kaum Zweifel geben. Die Erneuerbaren Energien wirken hier preissenkend, die konventionellen preissteigernd und der Imp/Export erfolgt zu den ungünstigsten Konditionen. Ursächlich dafür sind nicht die Durchschnittskosten, sondern die Grenzkosten in der Erzeugung sowie die Schwankungen im Verhältnis von Angebot und Nachfrage durch die parallele Volatilität von Erneuerbaren und tatsächlicher Nachfrage. Hinzu kommt, dass es in diesem System für den Betrieb von Stromspeichern kein stabiles Geschäftsmodell gibt, denn der maximal mögliche Ertrag würde sich an den Grenzkosten konventioneller Kraftwerke orientieren. Dafür kann kein Speicher betrieben werden.
Erneuerbare Energien werden dadurch nicht gefördert, sondern benachteiligt, weil sie bei guter Produktion sinkende Preise hinnehmen müssen und bei guten Preisen weniger liefern können. Die Vorhaltung konventioneller Kraftwerke mit geringen Grenzkosten und agiler Einsetzbarkeit wird hingegen maximal belohnt. Das war so durchaus gewollt, denn man muss ja ergänzen, dass die Erneuerbaren auf andere Wege direkt gefördert wurden. Die Strombörsen sollten vielmehr Anreize bieten, zu möglichst günstigen Kosten möglichst gut planbare weitere Kraftwerksquellen bereit zu stellen. An die Stromspeicherung hatte leider niemand gedacht, das ist bei dem Entwurf übersehen worden.
Nun ist dieses System, wie das Chart von 2022 zeigt, ordentlich in Schieflage geraten. Die direkte Förderung Erneuerbarer soll nun zurück gefahren werden, wofür es gut Gründe gibt, aber dann funktionieren die Anreize dieses Preisbildungssystems überhaupt nicht mehr. Zugleich hat diese Systematik vor allem Gaskraftwerke hervor gebracht, die inzwischen in der Spitzenlastproduktion in der Stromversorgung Mitteleuropas gar nicht so schnell ersetzbar sind. Da deren Grenzkosten durch die Preisentwicklung an den Gasmärkten leider explodiert sind, führt das auch noch zu einer Strompreisentwicklung, die inzwischen volkswirtschaftliche Schäden zu erzeugen droht. Das 22er Chart zeigt nämlich dieselben Strukturen wie das 21er, jedoch ein Niveau des Strompreises, das sich mehr als verdoppelt hat.
Das liegt halt an den Grenzkosten beim Gas und hat nichts mit den eigentlichen Produktionskosten in der Breite zu tun. Ergebnis ist, dass derzeit alle Produzenten, die ohne Gas arbeiten und die freie Kapazitäten ohne Vertragsbindung haben, unerhörte Margen erzielen. Das sind teilweise durchaus auch Erneuerbare, aber vor allem die Betreiber konventioneller Kraftwerke, die nach wie vor die Preise am besten nutzen können.
Es ist nun wenig zielführend, darüber zu streiten, ob diese Energiepolitik rückwirkend richtig war. Dabei ist ohnehin jede simple Erklärung verkürzt. Wir sehen in ganz Europa sehr ähnliche Probleme, egal, wie der Mix der Produktion aussieht. Die Lage kann weder durch den Anteil an Kernkraftwerken, noch durch den von Erneuerbaren erklärt werden. Ebenso ist es vollkommen falsch, der einen oder anderen Technologie die Preisentwicklung zuzuschreiben. Die war ohnehin in keinem Land transparent oder auch nur vergleichbar. Dazu sind die Steuern, Subventionen und nationalen Energiegesetze zu unterschiedlich. Tendenziell hat in vielen Ländern Europas der Steuerzahler mehr getragen, während es in Deutschland der Verbraucher war und auch die Industrie ist unterschiedlich be- oder entlastet worden.
Es ist auch kaum angemessen, hier von einer „Liberalisierung“ der Strommärkte zu sprechen. In jedem Land spielen die Energiegesetze, die letztlich insbesondere die Tarifbedingungen für Endverbraucher regeln, immer noch eine herausragende Rolle. Hinzu kommt ein Dschungel an Steuern und Abgaben einerseits und Förderungen andererseits. Auf diese alles andere als einen freien Markt zu nennende Systematik wurden die Strombörsen sozusagen drauf gesetzt und dann mit diesen Grenzkostenpreisen reguliert. Das hat mit einem Markt, auf dem alle Anbieter allen Nachfragern zu frei verhandelbaren Preisen etwas anbieten, rein gar nichts zu tun.
Weshalb auch immer, ist letztlich überall der Ausbau Erneuerbarer und damit der einzigen preissicheren Energie für Europa unter den Möglichkeiten geblieben und der Anteil der Gaskraftwerke wegen deren technologischer Besonderheiten und natürlich wegen des scheinbar günstigen Gaspreises gestiegen. Dadurch hat Europa heute zu wenig eigene Energieproduktion, immer noch zu viele fossile Kraftwerke und darunter auch noch besonders viele von den jetzt exorbitant teuren Gaskraftwerken. Das ganze auch noch mit einem Preismechanismus, der ausgerechnet von letzteren bestimmt wird.
Wie auch immer das System also rückwirkend bewertet werden mag, es ist für die aktuelle Situation sachgerecht formuliert kompletter Schwachsinn. Der Börsenpreismechanismus ist reines Gift für Ökonomie und Gesellschaft, eine Liberalisierung hat es nie gegeben, die Technologie entspricht nicht dem Machbaren und die tatsächliche Produktion hat in jedem Land ihre eigenen Defizite. Immerhin besteht Hoffnung, dass diese unübersehbare Systemkrise bei den Energieministern Europas nun endlich dazu führt, dass sie ihre Hausaufgaben machen und sich nicht mehr von Lobbyismus, theoretischem Pseudoliberalismus und sehr viel (parteipolitischem) Dogmatismus leiten lassen.

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