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Ein (entspannter) ChatGPT-Kommentar mehr

Da ich seit mehr als 20 Jahren (auch) in der KI tätig bin, erlaube ich mir zu den Berichten über ChatGPT ein kleines Lächeln. Der Hype dazu ist sowohl berechtigt als auch komplett deplatziert dargestellt. Letztlich ist das für Laien ausgedrückt aus meiner Sicht ganz einfach zu erklären:
Die derzeit wirkungsvollste KI ist keine andere als die Google-Suchmaschine. Die kann man wahlweise sehr „bewusst“ nutzen, indem man etwas tut, was sich klassisch Recherche nennt. Man stellt also verschiedene Suchanfragen, nutzt die Treffer über mehrere Seiten und präzisiert damit den Raum der Ergebnisse, mit denen man sich mittels weiterer Suchabfragen befasst. Voraussetzung ist, dass man in der Lage ist, die Ergebnisse kritisch zu würdigen und die Arbeitsweise der Suchmaschine, insbesondere deren Nutzung von Daten des allgemeinen und des individuellen Suchverhaltens, zumindest konzeptuell zu verstehen. Kern ist dabei die Erkenntnis, dass man genau diese Suchtreffer in genau der Reihenfolge sieht, weil sehr viele Menschen und man selbst diese typischerweise bei ähnlichen Suchanfragen relevant findet. Es ist also so etwas wie eine enorm wertvolle und sinnvolle „Schwarmempfehlung“. So gesehen ist Google ein intelligentes Tool, dessen Erfindung ein Segen für die Menschheit ist.
Man kann auch einfach die ersten fünf Suchtreffer als fertige und objektive Recherche betrachten, um dann einen davon zu rezipieren, welcher die eigene Information abschließend definiert. Dann ist Google eine „künstliche Intelligenz“, die zur Verdummung der Menschheit führt 😉 ChatGPT ist zunächst mal nur die Fortsetzung davon, denn das System macht sogar stark verkürzt ausgedrückt strukturell nichts wesentlich anderes. Es zeigt keine Suchtreffer, sondern aggregiert daraus eine geschlossene Antwort in für Menschen nutzbarer Sprache. Ob das sinnvoll, nützlich, gar „gefährlich“ ist, hängt alleine davon ab, was die Menschen daraus machen. Wie bei der Google-Suchmaschine. Wie bei jedem Werkzeug.
IT-Systeme sind seit Ihrem Aufkommen nichts anderes als Maschinen, die reproduzierbare Prozesse reproduzieren, so einfach ist das zu verstehen. KI-Systeme sind bis heute auch nicht mehr. Die Art der Reproduktion wird zwar immer komplexer, wir verstehen das teilweise nur noch methodisch, aber nicht mehr fallbezogen. Das hat natürlich etwas „mythisches“ und das, was wir „Kontrolle“ nennen, geht immer mehr verloren. Die Wirkungsweise von KI-Systemen ist aber zunächst vor allem darauf begrenzt – oder eben unbegrenzt – was wir damit tun. Wie bei allen Werkzeugen.
Die böse Frage, ob daraus etwas entsteht, was wir im übertragenen Sinne künstliche „Intelligenz“ nennen, bis zu den Diskussionen, ob dabei so etwas möglich wird, was wir „Bewusstsein“ nennen oder welche Bedeutung dabei das hat, was wir als „Emotionen“ bezeichnen, ob also etwas „dem Menschen“ ähnlicher oder gar überlegenes resultiert, können wir heute gar nicht beantworten. Das liegt an einer für die Menschen sehr schwierig zu akzeptierenden Tatsache: Wir wissen nicht, wie all diese in Anführung geschriebenen Begriffe dieses kurzen Texts tatsächlich „funktionieren“. Wenn man Erkenntnisse der Biologie, Biochemie oder auch der Hirnforschung betrachtet, könnte man nämlich den bösen Verdacht haben, dass diese Begrifflichkeiten tatsächlich so etwas wie Funktionalitäten in einem biochemischen Apparat sind. Das mag sich dann tatsächlich in anders konstruierten Apparaten nachbilden lassen, vielleicht gar besser, überlegen oder was auch immer.
Aber wie ich schrieb: Wir wissen es nicht. Und das finde ich beruhigend. Daher beschäftige ich mich im Rahmen meiner KI-Arbeit viel mehr damit, was wir mit dem Zeug tun – und was wir besser lassen. Wie mit jedem Werkzeug.

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