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CoroNews 17.04.2020

Bedauerlicherweise muss ich heute wieder primär Zahlen behandeln – zwecks Orientierung. Die Debatten von gestern und heute lassen es immer noch nicht zu, eigentlich wichtigere Themen zu behandeln. Ich vermute dahinter den verständlichen und dringenden Wunsch, besser zu verstehen, was da draußen passiert. Ich kann es nachvollziehen, denn ein Sturm von wirtschaftlicher und gesundheitlicher Not bestimmt unsere Nachrichten, aber im eignen Garten herrscht stiller Frühling. Es bleibt schwierig, das mental zusammen zu bringen.

Zu den vielen Kommentaren rund um die jetzt 20-30 Netzwerke, die sich hier zusammengefunden haben erneut meine Leseempfehlung: Es findet sich von Fachleuten aus allen Richtungen bis zu dem einen oder anderen Extremdenker ein breites Spektrum. Es lohnt sich, den Auseinandersetzungen zu folgen und auch den einen oder anderen Debattanten in dessen Netzwerk zu begleiten. Ich fand Facebook noch nie so wertvoll.

Zu meinen Beiträgen gab es den Wunsch, ich möge meine Tippfehler und den teilweise mangelnden Duktus doch korrigieren. Ich verspreche: Noch bevor im Rentenalter die Briefmarkensammlung dran kommt, werde ich das säubern. Bis dahin tippe ich hier inklusive Kommentaren einige Schreibmaschinenseiten in eigentlich nicht vertretbarem Tempo runter – und räume ein, dass es für angemessene Qualität allenfalls zu einer Rohfassung führt. Aber den „Schuldbetrieb“ von vorgestern, der erkennbar den Schulen galt – der bleibt, den habe ich lieb gewonnen. Ebenso gab es die Bitte, ich möge im Text zitieren und nicht in Kommentaren. Ich weiß, dass es schwerer nutzbar ist, aber die Kommentare bieten die Gelegenheit zur selektiven Diskussion und die ist mehr wert, als mein Text, mit dem ich oft nur kurz erwähne. Ansonsten gerne weiter Kritik am Vorgehen – zum Inhalt sowieso.

Zur Datenlage hat sich gestern die Kanzlerin mit einer exzellenten Erklärung der Covid-19-Exponentialrechnung hervor getan. Man konnte ihren naturwissenschaftlichen Background erkennen, sie wusste, was sie sagte – ganz ohne PR-Agentur. Übersetzt war das ungefähr meine Botschaft seit Wochen: Winzig kleiner Fehler vorne, großes Problem hinten. Was mir nicht gefallen hat, war ihre Problembewertung auf Basis der Kapazitäten des Gesundheitssystems. Und so ganz konsequent war denn die Umsetzung auch nicht – der verkündete „Konsens“ schon gar nicht. Das mag aber nicht an ihr liegen, es ist wohl so einer Mischung aus Angst vor Föderalismuskonkurs und dem Fahrplan des Wahljahres 2021 geschuldet. Ganz schlecht, wie ich meine.

So erkennen wir also heute einen frisch gesundeten Gesundheitsminister, dem die Hochrechnungen wohl Zuversicht geben, dass seine Strategie, das Gesundheitssystem in Gänze bis zum Bersten gegen Covid-19 zu stellen, aufgehen dürfte. Genug Sauerstoffpumpen – ich bleibe bei dem bösen Wort. Alles gut also, sagt er, spricht von „Kontrollierbarkeit“. Aha – mit der Mathematik der Chefin hat das nicht so viel zu tun und eine Begründung habe ich nicht gehört. Was mich mit Blick auf meinen alten Job immer wieder traurig macht: Gefragt hat ihn auch keiner.

Momentan darf einfach jeder alles sagen, Hauptsache es klingt irgendwie „steil“. Mein Wunsch an Spahn wäre, dass er sein Versprechen, das Gesundheitssystem selbst wieder zu normalisieren, nun „kontrolliert“ umsetzt. Denn seine eignen Aussagen könnten dazu beitragen, dass er es noch länger mit hohen Covid-19 Fallzahlen zu tun bekommt – und das breitet sich im Gesundheitssystem selbst und in angrenzenden sensiblen Bereichen immer noch rasend schnell überproportional aus. Wenn er also seinen eigenen Bereich kontrolliert, wäre das schon mal ganz „nett“. Hinterher darf er das dann gerne auch behaupten. Wir brauchen Leute, die liefern und dann berichten. Gilt auch für ihn.

Was wir tatsächlich – auch gestern hier um die Profile herum – erleben ist eine grundsätzlich unveränderte Debatte um die „Herdenimmunität“. Deren Befürworter haben allenfalls ihr Narrativ gewechselt. Manche auch nicht, das konnte man gestern gut verfolgen. Dazu der Reihe nach die bevorzugt genutzten Ansatzpunkte:

Schweden. Immer wieder Schweden. Die machen alles so gut. Die Regierung hat sich nun jederzeitige Sondermaßnahmen genehmigen lassen, man kann nun stündlich alles Mögliche schließen oder verbieten. Sieht so aus, als wollten sie es noch viel besser machen als bisher. Ich hatte das kurz erläutert, gerne nachlesen, wer sich damit noch ernsthaft beschäftigt: Die bereits bestehende Sterblichkeit pro Einwohner nähert sich den Werten von Italien, Schweden ist in den Pandemiekurven, die ich veröffentliche in einem Bereich, wo das Land qua Größe keinesfalls sein darf. Schlimmer ist die Tatsache, dass es bei den Infektionsverläufen genau so ist – es wird also frühestens in zwei bis vier Wochen besser. Weitere sehr konkrete und gute Vergleiche können in den Kommentaren der letzten beiden Tage nachgelesen werden – ich mag jetzt nicht mehr über Schweden reden. Selbst der Spiegel hat heute dazu was gemacht – wenn die es kapiert haben, naja, wird schon …

Ein weiteres beliebtes Thema der herdenimmunisierenden Fraktion ist der Schutz von Risikogruppen, ich nenne das bewusst zynisch die Idee des Einschweißens von ein paar Alten oder besser gleich ganzen Altenheimen. Dazu gibt es verschiedene Studien, von wem und welcher Zahl wir hier reden. Lassen wir die unterkomplexen aus der Szene großer Denker hier mal weg, die ich zu ihrem eigenen Schutz unter Quarantäne stelle – das sind natürlich Daten aus Altersstatistiken, mal die 75+ oder die 80+. Hängt davon ab, wie sehr der jeweilige Autor sich der Sinnlosigkeit seiner Idee stellen mag. Unter den einigermaßen seriösen Studien gibt es vor allem welche, die besonders sensible Bereiche beleuchten. Da sind wir wieder bei dem kontrollierenden Spahn, denn beispielswiese Krebsstationen in Krankenhäusern zählen dazu. Es gibt hier in den Profilen auch Betroffene, die sich von sterbenden Angehörigen nicht mehr verabschieden können, weil diese Covid-19 positiv und in Isolation sind. Wer auch immer über diese „easy going“ Strategie spricht, sollte beachten, dass es bereits Menschen betrifft, wo das misslungen ist. Deren Schmerz beim lesen solcher Debatten mag ich mir gar nicht vorstellen. Ich hänge einen Beitrag dazu an.

Aber gehen wir auch hier auf die große Zahl, das ist tägliche Übung, Sterben ist längst zur Mengenfrage geworden. Viel ist Natur, zu viel ist aber irgendwie nicht so nett, richtig viel, nee, nee, das wollen wir natürlich nicht.

Zur Sache: Es gibt eine Studie über die Daten der Krankenhäuser. Diese erfasst Patienten, die in den letzten drei Jahren aufgrund von Risikoerkrankungen ambulant oder stationär im Krankenhaus behandelt wurden plus derer, die in kritischen Einrichtungen leben. Das sehe ich mal als Spitze des Eisbergs. Die Studie spricht von sechs bis sieben Millionen Menschen in Deutschland. Die gesetzlichen Krankenkassen haben Behandlungsdaten aus allen Bereichen zusammengetragen und kommen auf mehr als 20 Millionen Menschen – Privatpatienten sind nicht berücksichtigt. Es kann natürlich nicht angehen, solche Zahlen einfach stehen zu lassen, die müssen diskutiert werden. Eine Ärztin kommentierte das in einer Sendung vor einigen Tagen so: „Nicht jeder, der vor fünf Jahren mal eine Chemo hatte ist deshalb automatisch ein Risikopatient“. Das bliebt so stehen und ich habe mich wieder geärgert, warum ich nicht (mehr) Moderator bin: Die Rückfrage musste natürlich lauten, ob so ein Mensch daher „automatisch“ kein Risikopatient sei. Kam aber nicht.

Wie wichtig diese Frage ist, ergibt sich aus der zunehmenden Vermutung, dass das Sterberisiko von Covid-19 nur indirekt mit dem Alter zu tun hat. Vorerkrankungen sind einer wachsenden Zahl an klinischen Studien zufolge tatsächlich maßgeblich für das Risiko schwerer Verläufe. Diese kommen in höherem Alter natürlich deutlich häufiger vor und gewiss spielt dann auch die geringere Resilienz zusätzlich eine Rolle. Es deutet aber auf eine vollkommen falsche Interpretation der bisherigen Daten hin, die ich mit einem irrlichternden NZZ-Beitrag anbei illustrieren möchte. Dieser basiert auf der bisher einzigen Sterbefallverteilung aus Wuhan. Ich traue diesen chinesischen Daten nicht von Silvester bis zum Jahreswechsel, aber sie sollten genügen, um nachzudenken.

Es ist nämlich falsch, die Sterberisiken von Covid-19 isoliert zu betrachten und sich dann wie die NZZ, die ich nur repräsentativ sehe, daran zu erfreuen, wie wenige junge Menschen doch bedroht seien. Meine Botschaft lautet: Das ist vollkommen falsch und es liegt an fahrlässiger Interpretation von Zahlen.

Das Sterberisiko im Falle einer Covid-19 Infektion lautet: 10 Jahre = 0,2%, 30 Jahre = 0,4%, 60 Jahre = 3,6%, 80 Jahre = 14,8%. Klingt easy für die Jungen – kennen wir ja.

Falsch: Das allgemeine Sterberisiko (Unfälle, Mord und Totschlag, Treppensturz, Konsum von Experten zu Covid-19 und alle möglichen Krankheiten) in Deutschland lautet: 10 Jahre = 0,005%, 30 Jahre = 0,05%, 60 Jahre = 1%, 80 Jahre = 50%.

Nachricht verstanden? Nein? Zum Vergleich: Wenn jemand an Covid-19 erkrankt, steigt sein Sterberisiko wie folgt: 10 Jahre = 4000%, 30 Jahre = 800%, 60 Jahre = 360%, 80 Jahre = 30%.

Jung gegen alt? Herdenimmunität? Durchinfizieren, nur weil „relativ“ wenige junge Menschen sterben? Aber absolut viele mehr als sonst? Schutz von siebenstelligen Risikogruppen? Diskussion akzeptabler, weil „natürlicher“ Sterbeprozesse? Die ethische Idee, jedem alten vor dessen Tod wenigstens noch eine Sauerstoffpumpe zur Verfügung zu stellen?

Erkennen wir langsam die Widerlichkeit der Diskussion? Die Abartigkeit? Die Undurchführbarkeit? Können wir das mit dem Sterben vielleicht einfach als gesamtgesellschaftliche Aufgabe vermeiden und weder Optimierungen anhand von Sauerstoffpumpen oder sonstiger Parameter angehen?

Ich freue mich jetzt schon auf die pathologisch/forensische Auseinandersetzung mit den Zahlen. Gleich vorab mein Hinweis: Die sind sogar mit Sicherheit alle falsch, es gibt dutzende unterschiedliche Sterbestatistiken, die Wuhan-Daten sind strittig, nicht übertragbar und so weiter uns so weiter. Meine Behauptung: Die Bewertung ändert sich nicht.

Es gibt nur eine Strategie gegen Covid-19: Austreten, flach halten, durchhalten, der Medizin bessere Chancen zur Behandlung oder Heilung geben. Zeit gewinnen!

Dazu eine Hurra-Meldung vom Spiegel aus Chicago. Dort wurden Patienten mit Remdesivir „geheilt“. Es ist tatsächlich ein Hoffnungswert, aber nicht überbewerten. Ist nicht neu, es gibt auch bereits andere Studien dazu, die es zumindest bei einigen Verläufen als vielversprechend einstufen. Die Bundesregierung hat beim Hersteller bereits einige Millionen Packungen gesichert – im Zweifel also einfach tun, was vielleicht hilft. Das Wissen kommt später – geht doch!

Damit zu den Zahlen, nüchtern wie immer: Auslastung Kliniken in Deutschland weiter stabil, nächste Woche wird entscheidend, bin aber sicher, dass es gut geht – sonst würde Spahn nicht so laut werden. Sollte es dabei bleiben: Gut gegangen, nicht mehr, nicht weniger. Mittelfristig läuft es bei uns auf ca. 8.000 Todesfälle hinaus, aber seit gestern … das wird nichts, fürchte ich. Wenn wir jetzt mit Kontrollwahn ohne Instrumente fahren, wird das fünfstellig.

Südkorea hat die Sache übrigens mit gut 230 Sterbefällen seit Dezember ausgetreten. Sind bei uns positive Tagesdaten, immer noch.

In Schweden und in der Schweiz brechen die Zahlen gerade nach oben aus. Ursachen kenne ich nicht, es wird spekuliert, dass es dort nun in die Phase der „sensiblen Einrichtungen“ komme – ebenso wird von „Nachzählungen“ berichtet. Man schaut also genauer, ob die Opferzahlen nicht zu niedrig waren. Gemessen an der Bevölkerungszahl eine Katastrophe für das Management. Frankreich kommt nicht zur Ruhe, es scheint nun Paris zu erwischen und dann wird es leider erst noch viel schlimmer, bevor Besserung eintritt. Die Maßnahmen dort scheinen nicht wirksam genug zu sein?

Spanien und Italien kommen langsam aber zäh in Entspannung, sollten aber sicher noch mindestens drei Wochen die erste Welle wirklich austreten, dafür war der Ausbruch vorher zu hoch.

In den USA ist die von mir als Indikator zusätzliche beobachtete Übersterblichkeit in New York auf 75% gestiegen. Es waren vor 10 Tagen 3% – ein Katastrophengebiet. Man rechnet mit dem Peak für kommende Woche, ich wünsche es ihnen so sehr. Die Kurve im Land ist weiter viel zu steil, es scheint in anderen Regionen erst richtig zu beginnen. Der Streit zwischen Trump und den Gouverneuren wird hässlicher, Trump schiebt nun Verantwortung von sich, macht sich aber weiter als Freund der Wirtschaft breit. Eine bekannte Strategie – auch dazu ein Beitrag anbei.

Damit das nicht so düster klingt: Lasst uns endlich nach Südkorea schauen. Es muss keine Katastrophe sein, es sei denn wir machen eine daraus. Die mehr oder weniger versteckte Strategie der Durchseuchung gehört in Dauerquarantäne mit evidenter Sterblichkeitsgarantie.

 

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