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Ein verantwortungsloses Interview

Als verantwortungsvoller Wissenschaftler hätte ich dieses Interview nicht gegeben. Als verantwortungsvoller Journalist hätte ich es nicht gemacht. Als verantwortungsvoller Chefredakteur hätte ich es vernichtet. Das ist ein Totalversagen der gesamten Organisation!

Ich bin fassungslos. Nur zur Person des in der Einleitung als „DER Medizinstatistik-Experte“ genannten Herrn Antes (ich verweigere ab sofort die Nennung akademischer Grade, die machen sich bei mir zunehmend unbeliebt): Er ist Mitgründer eines Netzwerks, aus dem seit einigen Tagen eine Studie kursiert, zu der ich mich bereits geäußert hatte. Dort werden mit drei Wochen alten Zahlen zu Covid-19 Argumentationen und Zweifel begründet, die bereits zum Zeitpunkt der Veröffentlichung um den Faktor 1.000 überholt waren. Antes war zudem Leiter eines Instituts, das sich im Wesentlichen mit Langzeitstudien beschäftigt. Seine Grundhaltung ist überall klar: Abwarten, Ruhe bewahren, erst mal in mehrjährigen Studien schauen, was da überhaupt passiert, Behandlungsmethoden prüfen etc.

Das habe ich hier gar nicht zu kritisieren, denn diese Sicht, für die er nach meinem Eindruck nicht das erhoffte Gehör fand, mögen Mediziner beurteilen. Hier äußert Antes sich aber zu statistischen Methodiken und das ist mein Fach, da „darf“ ich auch mal.

Die genannte Studie aus dem Netzwerk war bereits auf dem Rückzug, ich hatte mir in vielen Foren harte Gefechte dazu geliefert – man kann sich vorstellen, wie viele „siehste“ Kommentare und Meldungen bei mir heute Morgen eingehen. Es ist zum Mäusemelken, irgendwie hat der Antes es geschafft, beim Spiegel auf´s Podest zu kommen.

Ich lese jetzt unfreiwillig seit ungefähr vier Wochen in den Uni-Netzwerken diese unglaublich vielen Covid-19-Studien, die sich alle hart an der Front der Pandemie-Bekämpfung bewegen und nur ein Ziel haben: Rasch Wissen zu schaffen, um eine LÖSUNG für diese Krise zu erreichen. Herr Antes ist mir dort nicht begegnet. Schade, wenn er so gut ist, wie er sich hier präsentiert, hätte er doch gewiss etwas beizutragen?

Nein, wieder ein „Wissenschaftler“, der nicht in der Wissenschaft, sondern in den Medien „publiziert“.

Wie immer ist das, was Antes hier schreibt, richtig. Kein falsches Wort. Alles stimmt. Er räsoniert über die statistischen Grundrechenarten, Niveau ca. 1. Semester VWL, mit der Voraussetzung einigermaßen vorhandener Schulmathematik. Was Antes sagt, trifft auf viele „Corona-Statistiken“ zu, die derzeit kursieren. Es trifft aber genauso auf die letzte Jahresstatistik des Kaninchenzüchtervereins zu. Keine Frage, kann man machen, kann man so bewerten.

Ich frage: Ist das hilfreich? Jetzt? Finde ich in dem Interview auch nur einen konstruktiven Hinweis, was man mit den Zahlen denn anfangen kann, bis man bessere hat? NEIN!

Ich verteile hier seit einigen Wochen Daten aus einer EU-Quelle, die von Universitäten aus UK und den USA in fieberhafter Arbeit aufbereitet werden, um möglichst schnell Einblicke in diese Pandemie zu erhalten. Das RKI kennt das alles, arbeitet mit ähnlichen Methoden, andere Institutionen auch. Es gibt nach allem, was ich lese, in der Wissenschaft überhaupt keinen großen Dissens zur – fehlenden – Qualität der Daten, NULL! Die von mir beobachtete Wissenschaft beschäftigt sich mit drei Dingen: Was können wir mit den Daten schnell und sofort tun, was können wir nicht tun und wie bekommen wir rasch mehr Transparenz in die Entwicklung dieser Pandemie.

Ich weiß nicht, ob sich irgendjemand die Mühe macht, die Quellen, die ich hier verbreite, genauer zu prüfen. Was Antes kritisiert, steht dort überall in den Fußnoten – und eben noch viel viel mehr: Achtung, schwierige Datenlage, von Land zu Land unterschiedlich, keine Vergleichbarkeit, in jedem Land unterschiedliche Phase, keinesfalls mit statischen Methoden hier uns jetzt vergleichbar (was Antes in seinen eigenen Studien nämlich grob falsch macht!), Sterblichkeit noch gar nicht bewertbar, Daten letztlich nur modellierbar (was Antes fachlich gar nicht kann!) usw. usw. Ich habe hier viel dazu gesagt, es ermüdet.

Als ob beim RKI, in Oxford, an der Hopkins etc. Deppen säßen, die von Antes Nachhilfe im 1. Semester brauchen! Hört irgendjemand Drosten zu? Hat man Drosten jemals über statistische Probleme auf so einem jämmerlichen Niveau quaken gehört? Ich empfehle seinen Podcast, kenne leider die Ausgabe nicht, vor ein paar Tagen hat er über Normalverteilungen gesprochen, Normierungsverfahren, mathematische Modellbildungen etc. Ich war wirklich beeindruckt, denn das ist gar nicht Drostens Fachgebiet, er sprach auch explizit davon, dass Mathematiker auf aller Welt jetzt fieberhaft daran arbeiteten und dass man die mal arbeiten lassen solle. In der Tat, DAS ist die Antwort eines Wissenschaftlers, der hart an der Front steht und eine LÖSUNG sucht.

Aber sein Wissen als Mediziner über diese Verfahren war aller Ehren wert, das ist eine vollkommen andere Liga als dieses Antes-Geblubber über den Unterschied von Korrelation und Kausalität. Ich bin nicht mal sicher, ob er diese Begriffe überhaupt kennt, er nennt sie nämlich nicht, aber er spricht darüber.

Mit einer Seelenruhe spricht Antes darüber, dass da ja schon Dinge passieren, die „auffällig“ seien. Wenn in Italien, Spanien und im Elsass Ärzte Triage praktizieren müssen – eine Methode aus der Katastrophenmedizin, um zu entscheiden, wer stirbt und wer behandelt wird – dann sei das ja neu und irgendwie anders als bei jährlichen Influenza-Wellen. Das Interview ist schon etwas älter, inzwischen sterben in New York binnen weniger Tage mehr als Tausend Menschen an „Husten“, das größte Sanitätsschiff der USA wird gerufen, leere Fabriken werden als Leichenhallen angemietet. Solche Ereignisse mehren sich, überall auf der Welt – Antes´ Netzwerk veröffentlicht aber Studien über kranke Italiener und weist – was ich richtig perfide finde – darauf hin, dass dort ja auch so viele sterben, weil sie keine Versorgung in den Krankenhäusern mehr bekommen. Geht´s noch, Covid-19 wirft die Gesundheitsversorgung um und dann sind zu wenige Betten die kausale Ursache für Tote.

Diese Todesursachen sind ihm offensichtlich besonders wichtig, denn man muss das schon auseinanderhalten. Setzt er sich mit seinem Netzwerk etwa dafür ein, fehlende Betten als Krankheit einzustufen, um die Todesursache besser zu „differenzieren“.

Immerhin räumt er so ganz nebenbei ein, man müsse ja schon handeln, wenn man nicht so genau wüsste, ob an so einer neuen Krankheit in sehr kurzer Zeit „nur“ 10.000 oder vielleicht gar 100.000 sterben könnten. Dafür hat er „Verständnis“ – mir wird warm ums Herz! Aber sofort nach diesem „Verständnis“ kommt er mit dem Hinweis, dass man vermutlich so im Herbst einen genaueren Überblick habe, was es mit Covid-19 wirklich auf sich habe. Da hat er sich aber bewegt, das muss man ihm lassen, ich hätte an der Stelle vom Timing so ungefähr Frühjahr 2021 erwartet.

Ein Krisenmanager auf der Überholspur – Wahnsinn. Wie sollen wir uns das vorstellen, vielleicht eine Antes-PK (natürlich mit der Bundeskanzlerin), so ungefähr im Oktober:

„Meine Damen und Herren, wir können Ihnen nun bestätigen, dass in der Wissenschaft im Dezember 2019 ein Covid-19 genanntes neues Virus aufgetreten ist, das wir nach mühevoller, valider statistischer Erhebung unter vollstem Einsatz unserer Taschenrechner mit medizinischer Evidenz nun kausal für den Tod von 132.367,478 Menschen verantwortlich machen können. Mein Aufruf an alle lautet: Wir sollten jetzt handeln!“

https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-die-zahlen-sind-vollkommen-unzuverlaessig-a-7535b78f-ad68-4fa9-9533-06a224cc9250?fbclid=IwAR0eLV706K1Zr9LS82QZmVunyoe7pTKp_jVDea-K7-Y7ceya0WINJJCi4vQ

 

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