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Die öffentliche Diskussion über Covid-19 muss sich endlich dem Offensichtlichen stellen

Was sich gerade in der deutschen Öffentlichkeit zeigt, ist eine Fortsetzung der Fehlentwicklung aus dem Frühjahr.

Ich habe den schon fast religiös/dogmatischen Hang der Deutschen, alles und jedes bis zum geht nicht mehr zu debattieren und zu diskutieren wohl noch nie so hassen gelernt, wie 2020.

Das hat uns schon so manches Zukunftsthema gekostet, insbesondere in der Digitalisierung. Nun führt uns diese Unart in eine vollkommen überflüssige, weil vermeidbare Tragödie der Gegenwart.

Mit welcher Hemmungslosigkeit das Land Themen ohne jedes Wissen diskutiert, erzeugt nur noch Schmerz. Was zu Zeiten der großen Dichter und Denker vielleicht mal als fantastisches Kulturgut begann, ist längst zur Ignorantenkultur verkommen. Das Jahr 2020 ist das des Ignoranten!

Mir fehlt inzwischen Verständnis und Geduld, das verschafft mir geringe Sympathiewerte. Auch diesen Text werden viele wieder als „unangemessen“ verurteilen. Sei´s drum, seit März habe ich ganze Tage in Foren verbracht und so etwas wie Wissensvermittlung versucht. Nach vielen Monaten kläre ich heute noch Ignoranten über basale Fragen auf – und mir fehlt es inzwischen am geeigneten Ton. Ich kann nicht mehr!

Man diskutiert über Elend, Sterben und Tod – und es wird der rechte Tonfall moniert. Jeder will noch mal, jeder darf noch mal, beliebiger Stuss muss gewälzt werden. Egal, ob es um Bettenkapazitäten, Schweden-Häppchen, Schutz der Gefährdeten oder eine jederzeit selbstverständlich berechtigte Diskussion über die „Angemessenheit“ von Maßnahmen geht – es hat sich intellektuell nichts bewegt. Die Lernkurve der Gesellschaft ist Null – und ich rede hier keinesfalls von den Schwurblern, von den PCR-Zweiflern, den Grippe-Jüngern.

Ist dieses Land inzwischen komplett verblödet?

Nur damit eines klar ist: Es geht im Dezember 2020 längst um ein ganz unangenehmes Wissen: Das Wissen um das Scheitern! Es geht um die Akzeptanz von Scheitern und um die ehrliche, konstruktive Frage des Umgangs damit. Statt dessen begegnet uns fast nur noch Stuss, stereotyper Stuss sogar. Es kann einfach nicht sein, dass wir im Dezember 2020 nicht mal neue Ignorantenthemen durchs Land treiben. Das ist schon so etwas wie eine kollektive Denkverweigerung.

Natürlich stinkt der Fisch vom Kopf, wie man in meiner zeitweisen Wahlheimat Hamburg gerne sagt. Was sich die Ministerpräsidenten und deren Kabinette nach den „Entscheidungen“ aus der Konferenz mit dem Kanzleramt heute leisten, ist einfach nur noch unerhört.

Da besitzen Ministerpräsidenten und Fachminister die Frechheit, ihre eigenen Fehlpositionierungen aus der jüngeren Vergangenheit – bestens zusammengefasst mit der Formel „mit mir ist dies und das nicht zu machen“ – irgendwie in die Gegenwart zu retten und dafür eine Übersetzung zu liefern, die mit den nun konkret (?) zu formulierenden (?) Maßnahmen (?) irgendwie ohne „Gesichtsverlust“ vereinbar ist.

Das passt von Reifegrad und Persönlichkeit perfekt zum Facebook-Debattanten, der mit Stuss erwischt auch nach zwei Dutzend Dialogschritten noch nicht den Ausgang findet.

Natürlich mischen die Medien wieder ganz vorne mit, wenn es darum geht, dieser Kakophonie eine Bühne zu geben. Politiker, Wissenschaftler, Experten, sie fallen vom Himmel wie Dauerregen – von Warnungen, die verbleibenden Tage nicht zum Powershopping zu nutzen, über Warnungen von Massenpleiten im Handel, über Gemecker, man müsse jetzt aber mal langfristig planen bis zu Fragen, wie es ab dem 10. Januar denn weiter gehen solle – meist verbunden mit der Forderung, dass es „so“ (?) keinesfalls weitergehe – findet sich alles und jedes, was des Debattanten Herz begehrt.

Was für eine Bescherung!

Kann sich dieses Land nicht wenigstens jetzt mal auf das Offensichtliche einigen? Wir haben versagt. Wir sind gescheitert. Die Epidemie ist außer Kontrolle. Wir haben keine Erkenntnisse, wie genau die Verbreitung läuft. Wir können nicht bewerten, welche Maßnahmen „angemessen“ sind, ob Schulen mehr Geschehen erzeugen als Wirtshäuser, ob Geschäftsschließungen notwendig sind. Wir wissen es nicht. Das ist nicht gut, das ist Teil des Versagens, aber es ist so. Punkt.

Die Gesundheitsversorgung ist im Status Oberkante Unterlippe. Die Epidemie wächst aber weiter. Warum genau, weiß auch niemand, aber was das heißt, weiß jeder: Der nächste Pegelstand ist Unterkante Oberlippe und das ist nicht die Zeit, weiter das Maul aufzureißen. Das ist die Zeit, auf die Zähne zu beißen!

Wie es Anfang Januar aussehen wird? Ob der jetzt beschlossene „harte“ Lockdown reichen wird?

Langsam, ganz langsam, so weit sind wir noch nicht. Wir wissen nicht mal, wo wir heute stehen. Die Zahlen sprechen von einer vorübergehenden Seitwärtsbewegung mit jetzt wieder einem Beginn des exponentiellen Wachstums. Kann sein.

Glaube ich aber nicht, denn die klinischen Daten sagen immer noch nichts von einer Seitwärtsbewegung. Mit etwas Glück kommt die noch, bevor der jetzt sichtbare Wiederanstieg in den Krankenhäusern aufschlägt. Wenn nicht – und das ist meine Vermutung – läuft das nicht mal für ein paar Tage auf unerträglichem Niveau seitwärts und der jetzige „Wiederanstieg“ ist nur eine Verringerung der Dunkelziffer.

Was das heißt?

Wir haben die Epidemie auf einen Level gebracht, der pro Monat ca.15.000 Menschenleben und einen zweistelligen Milliardenbetrag an Schäden verursacht. Stand heute, mehr geht immer!

Wenn ich mir angesichts dieser Zwischenbilanz die gerade laufende öffentliche Debatte anschaue, könnte ich gleich mit dem ersten Absatz wieder beginnen.

Denn: Natürlich kann man einen „Strategiewechsel“ verlangen. Aber das heißt eben den Weg Schwedens zu gehen, den die inzwischen übrigens selbst verlassen haben, halbherzig und mit dem Kollaps der Intensivstationen in Stockholm bezahlt. Für ein Land wie Deutschland bedeutet das hochgerechnet mindestens Faktor 3 bis 4 bei den Todeszahlen – wegen der dichteren Besiedlung vermutlich mehr.

Wer einen „Strategiewechsel“ möchte, muss diese Zahl nennen – und nicht schwadronieren, dass nach dem Scheitern der „Kontrollstrategie“ nun angeblich die „Schutzstrategie“ besser laufen soll.

Über das “big picture” kann man durchaus debattieren, das hätte mal das angemessene Niveau. So aber wälzen wir nur Stuss und laufen der Epidemie dauernd hinterher.

Dabei sollte das Land sich auch diesbezüglich endlich auf das Offensichtliche einigen: Kontrollieren kann man diese aggressive Epidemie definitiv nicht, auf keine Art und in keiner Weise. Egal, ob man über „Grenzwerte“, „Schutz vulnerabler“ Gruppen oder welche Strategie auch immer spricht.

Man kann entweder ZeroCovid fahren, was einige Länder erfolgreich tun, man kann es sehr weit in die Eigenverantwortung der Bevölkerung legen oder man kann mit einem opportunistischen on/off Kurs versuchen, dazwischen zu landen.

So einfach ist das und über etwas anderes muss man auch nicht debattieren. Dieser Stuss muss endlich enden, eine wahrhaftige Debatte darf nicht länger unterschlagen, über welches Feld in der Naturkatastrophe man spricht.

 

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