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Die Öffnungsdebatte ist einer Demokratie unwürdig

Willkommen im Mai 2020, ähm März 2021. Es gibt keine modernen Mittel gegen die Pandemie. Im Gegenteil ist die bestehende und als unzureichend erwiesene Testinfrastruktur nicht mal ausgelastet. Schnelltests als Ergänzung rangieren auf dem Status „Idee“ und könnten noch im März den Status „in Diskussion(en)“ erreichen. Infektiösere und biologisch gefährliche Mutationen setzen sich durch. In Tschechien ist die Lage außer Kontrolle, in Österreich sehen wir exponentielles Wachstum. UK, Irland, Portugal verbleiben im Lockdown.
 
Bei uns überschlagen sich Lockerungsforderungen. Grundsätzlich zurecht. Viele Schließungen – Handel, Hotels, Außengastronomie, verantwortlich betriebene Innenräume jeglicher Art – sind hinsichtlich ihrer Gefährlichkeit umstritten. Niemals konsequent geschlossene Schulen entgegen anders lautender „Versicherungen“ hingegen nicht. Natürlich wissen die Menschen mehrheitlich: Wenn wir jetzt ohne ausreichende Gegenmittel öffnen, werden die Zahlen wieder steigen. Wer diese Erkenntnis verweigert, sollte nach den tieferen Gründen bei sich selbst suchen.
 
Zugleich sind die Impfungen bei den Altersgruppen mit höchster Sterbezahl fortgeschritten. Nicht jedoch bei den bevölkerungsstärksten Gruppen mit besonders hohen Risiken für schwere Verläufe und LongCovid. Dazu gibt es bei uns wie zu fast allem anderen auch kaum Daten. Wir können nur aus internationalen Studien schätzen, dass wir bereits 500.000 bis 700.000 LongCovid-Leidende haben. Eine unkontrollierte dritte Welle würde vermutlich genau diesen Kreis erheblich ausdehnen.
 
Daher ist aus demokratischen Grundsätzen heraus vollkommen unstrittig: Wer Öffnungen fordert, muss begründen, wie er Schließungen vermeiden möchte. Um eine gesellschaftliche Kontrolle zu ermöglichen, gehören ferner seriöse Zahlen zu schweren Verläufen, Hospitalisierungen und LongCovid-Erkrankungen dazu. Letztere aktuell und nicht nachträglich.
 
Sonst läuft diese demokratische Gesellschaft Gefahr, Öffnungen als Mogelpackung zu akzeptieren, die damit bemäntelt werden, dass man dem Eisberg die Spitze – die Todesfälle – genommen hat. Zu dem Eisberg zählen auch endlich ehrliche Abwägungen von Kollateralschäden. Über diese wird viel geredet und außer dem Stöhnen von Interessenverbänden nichts berichtet.
 
Mit einer dermaßen jämmerlichen Debatte sollte sich eine selbstbewusste und ehrlich demokratische Gesellschaft nicht abspeisen lassen.

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