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Die statistische Analyse der Corona-Zahlen ist keines Diskurses würdig

Wären es Zahlen über die Vermehrung von Weinbergschnecken, könnte man sie als simplen – nota bene: simplen! – Einstieg für eine Statistik-Vorlesung im Grundstudium nehmen.

 

Wir sehen im ersten Chart, zwecks Erkennung der Wellenbewegungen und der Wachstumstrends in 14tägiger Glättung sowie logarithmischer Darstellung, die Infektionszahlen der vierten Welle. Diese begann Ende Juni. Ich hatte das zeitnah berichtet, worauf ich hier nur deshalb hinweise, weil es mit simpler Statistik nun mal unverkennbar war. Jeder Studierende, der die entsprechende Grundvorlesung absolviert hat, kann das.

 

Diese vierte Welle ist im Spätsommer kurz in eine Seitwärtsbewegung gegangen und befindet sich nun seit Anfang November in einem ungebrochenen Trend der Verdopplung ca. alle zwei Wochen. Wann dieser jüngste Trend bricht, kann niemand sagen, aber für die kurzfristige Entwicklung über zwei bis vier Wochen ist er der Orientierungspunkt. Ab einer gewissen Dynamik kann man das so machen, auch das lässt sich u.A. hier seit ca. 1-1/2 Jahren mit ausreichender Zuverlässigkeit nachlesen. Für die aktuellen Zahlen heißt das: Wir werden über die kommenden zwei Wochen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Verdopplung sehen. Selbst, wenn eine Abschwächung beginnt, ist die anfangs langsam, bis eine Verlängerung der Verdopplungszeit auf vier Wochen erreicht ist. Für die Zeit bis Mitte Dezember heißt das von heute gerechnet eine Multiplikation mit Faktor drei bis vier. Ein rascheres Abkippen so einer Entwicklung gelingt nur mit einer erheblichen Änderung der Rahmenbedingungen, wie insbesondere einem Lockdown oder wie in Israel mit einer Durchimpfung von mindestens zwei Dritteln der Gesamtbevölkerung binnen weniger Wochen.

 

Für alle ignoranten Freunde anderer Zahlen, sei es der „Krankenhausampel“ oder der Sterbezahlen, finden sich in Chart 2 die Sterbezahlen der vierten Welle. Wir wissen, dass die Sterbefälle anfangs einer Welle kaum mit den Infektionszahlen korrelieren. Die Gründe sind vielfältig: Vor der Diffusion in die Gesamtgesellschaft infizieren sich anfangs primär meist jüngere und mobilere Kohorten, deren Sterbefallhäufigkeit geringer ist und eine deutlich höhere Latenz aufweist. Das ist übrigens die Phase, in der die besonders klugen „Experten“ mit den besonders dummen Hinweisen aufwarten, es komme ja darauf an, wer sich infiziert, darauf müsse man achten. Ich höre das aktuell leider immer noch von Streeck et al. und es wird durch die vierte Wiederholung nicht weniger falsch.

Die Korrelation ist anfangs auch deshalb schwach, weil die individuellen Sterbefälle sehr unterschiedlich auf den Infektionszeitpunkt folgen – die vielen Ungenauigkeiten in den Meldedaten selbst kommen hinzu. Sobald aber die Diffusion abgeschlossen ist, die Infektionen also vollständig repräsentativ werden und deren Zahl groß genug ist, so dass sich die individuellen Abweichungen und die Datenfehler statistisch ausgleichen, verläuft die Sterbefallkurve wie ein Uhrwerk mit denselben Trends auf die Infektionskurve. Wir sehen hier in der Tat in Chart 2 einen stabilen Verdopplungstrend alle zwei Wochen ab Anfang November. Auch dieser wird bis Mitte Dezember dem Verdopplungstrend der Infektionen folgen, das steht bereits jetzt fest.

 

Erneut und nicht überraschend zeigen die Daten also, dass es keinerlei Grund gibt, von der alleinigen Bedeutung der Infektionszahlen abzusehen. Wer auch immer diesen Schwachsinn der weniger relevanten Inzidenzen jemals propagiert hat oder dies jetzt noch tut, hat entweder keine Ahnung oder er verfolgt eine Agenda des mehr oder weniger kontrollierten Durchlaufens, ohne diese ehrlich zu äußern.

 

Was wir im Unterschied zu den vorherigen Wellen hingegen sehen, ist eine starke Dämpfung der Sterbefallzahlen. Das ist auch kaum überraschend, denn bekanntlich haben wir (nur!) ca. 70% der Bevölkerung sowie (nur!!!) 85% der Risikogruppen geimpft. Die Charts 3 und 4 zeigen – zwecks Erkennung der Verhältnisse in linearer Darstellung – den Verlauf von Infektionen und Sterbefällen über die gesamte Pandemie. Hier wird deutlich erkennbar, wie gut die Impfungen uns vor einer humanitären Katastrophe schützen und wie unglaublich widerlich die diese diffamierenden Kampagnen von Impfgegnern sind. Ich kann die individuelle, oft angstbesetzte Entscheidung gegen die Impfung zwar meist nicht nachvollziehen, aber deutlich besser akzeptieren, als die Entscheidung, daraus eine Diffamierungskampagne gegen diese Wirkstoffe zu machen. Wer das als Prominenter mit Wahrnehmung wie Wagenknecht et al. befördert, sollte sich einfach nur schämen.

 

 

 

Betrachten wir diese beiden linearen Darstellungen, so sehen wir anhand der Verhältnisse den überragenden Erfolg der Impfungen, denn während die Infektionszahlen längst weit über die bisherigen Wellen hinaus geschossen sind, folgten die Sterbezahlen dem auf deutlich niedrigerem Niveau. Gleichwohl ist der Trend unser Feind und das ist nun mal nur der logarithmischen Skala zu entnehmen, die in Chart 5 für die Sterbezahlen folgt. Hier sehen wir, dass für einen exponentiellen Prozess das aktuelle Niveau der Sterbezahlen nicht so weit von dem schrecklichen Höhepunkt entfernt ist, den wir um den Jahreswechsel erleben mussten. Tatsächlich – und das sieht in der linearen Darstellung so gewaltig aus – liegt das Niveau derzeit auf einem Fünftel des Maximums, aber Faktor fünf holt sich ein exponentieller Prozess halt mit 2-1/2 Verdopplungszyklen relativ schnell. Daher erneut der Hinweis auf die kommenden vier Wochen: Wir werden bis Mitte Dezember ein bis zwei Verdopplung sehen, der Abstand zum Maximum wird also rasch schwinden.

 

Da viele mit Zahlen und exponentiellen Prozessen nicht gut zurecht kommen, wiederhole ich den Kern der Sache: Wir haben weit höhere Infektionen als jemals zuvor, aber nur ein Fünftel der Sterbezahlen. Das ist ein viele Tausend Leben rettender Erfolg der Impfungen. Aber wir haben einen exponentiellen Prozess erneut außer Kontrolle laufen lassen und für den ist ein Fünftel leider sehr schnell kompensiert. Genau so sind diese Daten zu lesen: Ein großartiger Erfolg trifft auf ein viertes Versagen im Kampf mit einem exponentiellen biologischen Prozess.

 

Die weitere Entwicklung der Sterbezahlen ist aus zwei Gründen leider mit zusätzlichen Unsicherheiten verbunden: Erstens kommt nun der ablaufende Impfschutz hinzu. Unsere Bevölkerung wurde leider zu spät auf die Notwendigkeit einer Booster-Impfung vorbereitet und die Infrastruktur dafür parallel sogar abgebaut. Es sieht momentan leider so aus, dass die Booster-Kampagne vor Januar/Februar nicht abgeschlossen ist. Wir werden in den kommenden Wochen daher sowohl bei den Infektionen als auch noch stärker – wegen der Risikogruppen – bei den Sterbefällen einen gegenläufigen Effekt sehen, weil hier zunehmend rückläufiger Impfschutz auf langsam ansteigende Booster-Impfungen und zögerlich steigende Erstimpfungen trifft. Den Erfolg Israels, die mit der konsequenten und sehr raschen Booster-Impfung die vierte Welle schnell brechen konnten, sehe ich in Deutschland leider nicht. Dafür sind alle Mechanismen, von der Debatte bis zur Umsetzung zu träge. Daher müssen wir damit rechnen, dass wir bestenfalls eine Verlangsamung des Wachstums sehen – nota bene: bestenfalls!

 

Der zweite Grund für die Schätzunsicherheit ist unsere Gesundheitsversorgung. Für diese Dynamik, die kurzfristig durch rein gar nichts zu stoppen ist, haben unsere Krankenhäuser keine freien Ressourcen mehr. Die maßgeblich erforderlichen Plätze zur invasiven Beatmung, die leider immer noch von widerlich arroganten Diskutanten in der Gesamtzahl aller Intensivbetten versteckt werden, sind regional bereits ausgeschöpft und haben nicht mal bundesweit die bereits jetzt absehbaren Reserven. Wenn also nicht mehr jede – lebensnotwenig! – erforderliche Behandlung angeboten werden kann, was leider absehbar ist, kann das auf die Sterbezahlen – entweder von Covid-Patienten oder sonstiger medizinischer Notfälle – entsprechenden Einfluss nehmen.

Die einen Effekte werden diese aktuellen Trends also beschleunigen, die stotternde Impfkampagne wird dämpfen. Daher kann man ohnehin über die von mir jeweils genutzten zwei bis vier Wochen hinaus gar nichts sagen. Hinzu kommt die Reaktion der Bevölkerung auf die steigenden Zahlen sowie – das gibt es ja auch noch – die mit höchster Latenz auf die Realität erfolgenden politischen „Bewegungen“.

 

Insofern kann man daraus sehr zuverlässig ablesen, dass wir von den aktuell ca. 40.000 täglichen Neuinfektion pro Tag im 7-Tage Mittel in den kommenden zwei Wochen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Verdopplung auf 80.000 sehen werden, um dann bis Mitte Dezember in der Bandbreite 120.000 bis 160.000 zu liegen. Für die Sterbezahlen heißt das leider eine Verdopplung von derzeit 180 pro Tag auf 360 in zwei Wochen sowie dann auf eine Bandbreite von 540 bis 720. Während wir also bei den Infektionszahlen bisher eher aus bevölkerungsreichen anderen Nationen bekannte weitere Höchstwerte erleben werden, wird der Abstand der Sterbezahlen zu denen des Jahreswechsels erheblich geringer als wir angesichts der Möglichkeiten der Impfstoffe akzeptieren können.

 

Das alles zu erkennen ist keine Raketentechnik und es ist nebenbei auch nichts, was einem „Diskurs“ anheim zu stellen wäre. Der Diskurs hätte bereits im Juni den erforderlichen Maßnahmen gelten müssen, nun wäre er für die erforderlichen Notmaßnahmen geboten und eigentlich müsste er im nächsten Frühjahr der Frage gelten, warum wir gesellschaftlich/politisch nicht in der Lage sind, statistische Kompetenzen eines Grundstudiums angemessen zu nutzen.

So wird es aber nicht sein. Der Streit um die Deutungshoheit gefolgt von hektischen Notmaßnahmen wird weiter dominieren. Bei Lichte betrachtet ist das aber nichts anderes als die Fortsetzung des erlebten: Wir streiten zuerst darüber, wie man diese Krise endlich qua politischen Willens abschaffen kann, um dann darüber zu streiten, welche Notmaßnahme nun aufgrund der überraschenden Entwicklung die angemessene ist, um nach deren Einsatz sofort wieder zu diskutieren, wie man die Krise endlich abschaffen kann. Wenn wir das übertreiben, kommen wir wieder in die Situation des letzten Jahres: Ersetze dann „Lockdown light“ durch „2G“, erlebe eine nicht ausreichende Reduzierung des Wachstums, gefolgt von einem erneuten Lockdown. Dann und nur dann kippt die Kurve schnell. Es sieht von Woche zu Woche mehr danach aus – leider.

 

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