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Der Staat soll laut Spahn gegen „Dunkelflauten“ Milliarden in Kraftwerke stecken, die FAZ assistiert einmal mehr

Die Debatte über die Transformation unseres Energiesystems ignoriert weiter vollständig alles, was man Markt- und Technologieoffenheit nennen darf. Sie ist komplett durch die Interessen von Branchen, Unternehmen und wie auch immer damit verwobenen Politikern diktiert. Verlängert wird das durch vollständig ohne Wissen, Kompetenzen oder auch nur so etwas wie Recherche agierende „Journalisten“, die aus welchen Gründen auch immer einfach nur das verbal verlängern und verstärken, was entweder in ihr Meinungsbild passt oder die Klicks auf ihre Kampagnen verbessert.

Anstrengend.

Nachdem der Rechnungshof einen verbal fast schon entgleisenden und inhaltlich anämischen „Bericht“ vorlegte, hat die Union nun den wissenschaftlichen Dienst des Bundestags beauftragt, die Planungen der Bundesregierung zu prüfen. Dieser Bericht kann nun nichts anderes leisten, als eine Art Metastudie über das zu liefern, was es an einigermaßen als wissenschaftlich geltenden Studien so gibt. Leider wird das nur aus nationalen Quellen betrieben. Corona lässt grüßen, das Land der Datenanämie ignoriert, dass es woanders auch brauchbare Erkenntnisse geben könnte.

Um es klar zu sagen: Die vom wissenschaftlichen Dienst ausgewerteten Studien sind fast alle von irgendeiner Interessengruppe beauftragt. Wir lesen hier die Ergebnisse der Wind/PV-Branche, der Kraftwerksbetreiber und der „hybriden“ Wasserstoffwirtschaft, hinter der von Herstellern grünen Wasserstoffs bis zur extrem weit verzweigten Gaslobby ein sehr inhomogenes Netzwerk an oft sogar gegensätzlichen Interessen steht. Was wir kaum lesen, weil es hier keine relevanten Unternehmen gibt, sind die Interessen von Speicherbetreibern und Speichertechnologien – ausgerechnet in Deutschland leider eine kleine Blumenwiese von wenigen Unternehmen, die man in der Branche als Zwerge bezeichnen muss. Wer auch kaum eine Rolle spielt: Ausgerechnet die Biokraftstoffe!

Um es kurz zu machen, ich habe das oft genug mit Belegen und Quellen hinterlegt, eine bewertende Zusammenfassung: Richtig ist, dass es unsicher ist, ob der Ausstieg aus der Erdgasverstromung und auch den letzten Resten der Kohleverstromung im gewollten Zeitrahmen gelingt. Richtig ist auch, dass nicht wenige Akteure im Markt und in der Politik genau das erreichen wollen. Sie könnten damit durchaus Erfolg haben, den haben sie nämlich schon länger. Wer den Atomausstieg der Merkel-Regierungen verstehen will, sollte sich das aus dieser Perspektive mal anschauen.

Richtig ist in dem Zusammenhang: Mit „Versorgungssicherheit“ hat das folgendes zu tun: Nichts! Das ist nur der neue Kampfbegriff nach den ausgebliebenen „Blackouts“. Insbesondere der Rechnungshof sollte sich schämen, diesen Begriff so genutzt zu haben. Journalisten dürfen sich der Scham anschließen.

Richtig ist auch, dass es technisch/wissenschaftlich/ökonomisch vollkommen unklar ist, wie man insbesondere die letzten 10% bis 20% der Energiewende „optimal“ umsetzt. Bereits strukturell ist die Frage, ob man das großräumig mit einem geografisch weit ausgebauten Stromnetz macht oder weitgehend dezentral mit überschaubaren kleinen, nahezu autarken Strukturen. Seitens der Erzeugung ist insbesondere der Einsatz von Biokraftstoffen, die leider auch keine große Lobby haben, als Backup-Energie noch gar nicht ausreichend beleuchtet. Vor allem: Die breite Palette von Energiespeichern, die von Batterien komplett unterschiedlicher Spezifikationen und Rohstoffbedarfe bis zu sehr effizienten und groß skalierbaren Wärmespeichern reicht, wird in Deutschland leider fast nur in kleineren Expertenkreisen diskutiert. Die Folge: Während in Deutschland vollmundig und komplett selbstverständlich ein wissenschaftlich nicht mal eindeutig bestimmter Kapazitätsbedarf an Kraftwerken verlangt wird, gibt es global eine offene Diskussion, ob man zukünftig überhaupt noch Kraftwerke benötigt. Richtig gelesen: Während hier Politiker fast schon wie eine Selbstverständlichkeit irgendwelche notwendigen Kapazitäten und Milliarden für Kraftwerke fordern, als gehe es um die Babynahrung der Zukunft, fragen in den USA, in Australien, in weiten Regionen Chinas real agierende Ingenieure vollkommen undogmatisch, ob man diese ökonomisch und technisch so klobigen Dinger überhaupt noch braucht und wenn ja, in welcher Größe, Spezifikation und Anordnung.

Richtig ist vor allem, dass die Energiewende viel stärker von der Transformation der Verbraucher und hier primär dem Wärmesektor, gefolgt vom Mobilitätssektor, gefolgt von der Industrie abhängt. Das steht in klarem Gegensatz zu unserer Debatte, die sich auf den Stromsektor selbst fokussiert, explizit den Wärmesektor mit Desinformationen sogar beschädigt und gerne über den Bedarf der Industrie redet, die dazu aber weder die Unterstützung von energiepolitischen Sprechern, noch von Facebook-Experten braucht.

Richtig ist ferner, dass der Erfolg einer Energiewende, sowohl fürs Klima als auch für die Ökonomie, vor allem vom Tempo auf den ersten 95 Metern abhängt und fast schon zu vernachlässigen von den letzten 5 Metern. Darüber aber debattiert Deutschland bis zum Erbrechen. Das ist sowohl Dogmatismus, als auch Pragmatismus, denn wer verhindern will, dass es überhaupt mal mit Tempo los geht, der redet über die Ängste, Bedenken und Gefahren der letzten 5 Meter. Hier sollten insbesondere Dogmatiker mal aufwachen, denn diese Fixierung auf irgendwelche 100%-Ziele, die man unbedingt schon heute festlegen, terminieren und planen muss – was dann in gesetzliche Vorschriften mündet – hilft vor allem den Gegnern, die das leicht zerreden können.

Es wäre daher für alle Ziele, ökologisch wie ökonomisch, viel besser, wie im bewährten Handbuch über gutes Projektmanagement beschrieben, schlicht agil die optimal möglichen nächsten Schritte zu gehen und die fernen Ziele sowie die Strategie in kurzen Fristen jeweils an die zwischenzeitlich neuen Erkenntnisse anzupassen. Um es klar zu sagen: Ob die letzten Reste der Kohleverstromung bis 2030 verschwunden sind, ob 2050 oder wann auch immer „Klimaneutralität“ bis auf die Nachkommastelle feststellbar ist, bedeutet gar nichts gegen die Jahre davor, in denen wir uns mit heute 20% klimaneutraler Energien durchschleppen. Wenn wir 2030 noch ein paar Prozent Kohlestrom brauchen, aber ein insgesamt technisch/ökonomisch besseres System stehen haben, das vor allem möglichst viele Häuser heizt und Fahrzeuge betreibt, ist das besser als ein viel zu teures mit überflüssigen Kraftwerkskapazitäten, gar mit einem hohen Wasserstoffanteil betriebenen System, das rein ökonomisch kein Verbraucher wirklich akzeptieren kann – und die Industrie in Regionen vertreibt, wo man klüger vorgegangen ist.

Es ist tatsächlich nicht auszuschließen, dass wir bei einer Fortsetzung dieser dogmatischen Vorgehensweise 2030 sowohl restliche Kohlekraftwerke betreiben, dass wir aber vor allem einige Millionen Heizungen und mobile Verbrenner zu viel sehen. Wir sollten uns dann nicht wundern, wenn viel pragmatischere und – es ist leider so! – ökonomisch dominierte Projekte im „Rest der Welt“ sowohl ökologisch als auch ökonomisch weit enteilt sind.

Richtig ist aber vor allem, dass dieses emotionalisierende Geschwätz über „Versorgungssicherheit“, „Dunkelflauten“ und angeblich wissenschaftlich erwiesene Erfordernisse, genau jetzt dieses oder jenes technisch bauen zu müssen – und natürlich mit staatlichen Mitteln zu fördern – gewiss seine Gründe hat, aber keineswegs eine wissenschaftliche Begründung. Ebenso richtig ist, dass Leute wie Spahn, der im beigefügten Beitrag breit zitiert wird, sich hemmungslos und offensichtlich skrupellos widersprechen. Der redet gerne vom freien Markt, von Marktwirtschaft und natürlich von soliden Haushalten, wobei er „sparen“ meint. Aber nun interpretiert er den Bericht des wissenschaftlichen Dienstes, der alles, aber kein klares Ergebnis liefert oder bei der „Studienlage“ liefern kann, so, dass der Staat angeblich alles möglich für die Kraftwerksbranche tun muss. Er fordert also vom Staat, technologische Entscheidungen zu treffen und diese auch zu finanzieren – für eine Branche, die vor Kapital- und Ertragsstärke übrigens kaum laufen kann.

Richtig ist auch, dass Journalisten wie der FAZ-Autor Geinitz keine Gelegenheit auslassen, genauso widersprüchlich aufzutreten. In einer zum Fremdschämen provozierenden dümmlichen Lautsprecherform redet er von „sterbenden Unternehmen“ oder „frierenden Verbrauchern“, dreht jede ihm genehme Lobby-Meldung über irgendwelche Heizsysteme, Stromerzeuger oder Versorgungsgefahren einfach nur weiter, macht sich fachlich beliebig lächerlich, schreibt, wie hier, Beiträge unter Verweigerung jeder journalistischen Sorgfalt. Statt mal kritisch zu bewerten, was der Rechnungshof substanziell kritisierte (es war nämlich nicht mehr, als Bundesnetzagentur und Habeck-Ministerium ebenfalls tun), was der wissenschaftliche Dienst tatsächlich lieferte (das war ein enormer Korridor an Bewertungen), statt dann mal zu fragen, wie Spahn das auslegt und warum ausgerechnet der hier staatliche Interventionen bis in die Technologie fordert, repliziert er einfach ein Sammelsurium an Aussagen, um einen Beitrag mehr mit „Dunkelflaute“ und „Versorgungssicherheit“ aufzumachen, seine Lieblingsbegriffe.

Richtig ist insbesondere und das ist maßgeblich: Kaum jemand redet über die Strukturen in Markt und Politik, die diese Energiewende betreiben. Warum kommen wir von einem Markt-Design, bei dem der Gaspreis den Strompreis dominiert, nicht weg? Warum spielen die großen Kraftwerksbetreiber immer noch so eine Rolle? Weshalb kann die Politik nicht damit umgehen, dass die schlicht um ihr Geschäftsmodell und ihre Existenz kämpfen? Warum sind in Deutschland die Kosten für Netzinfrastrukturen so besonders hoch, um dennoch beim Ausbau besonders langsam zu sein? Weshalb sind moderne Technologien in der Netzinfrastruktur und bei der Elektrifizierung trotz dieses teuren Systems im internationalen Vergleich so besonders rückständig? Weshalb dominieren ausgerechnet im rohstoffarmen Deutschland die Befürworter von irgendwelchen Kraftstoffen die Debatte viel stärker als beispielsweise im auf Kraftstoffen im Boden sitzenden Norwegen? Welche weiteren strukturellen Aspekte wären mal interessant, statt diese Dunkelflauten-Kakofonie bis zum Brechreiz weiter zu plärren?

Solche Fragen wären Aufgabe von Geinitz&Co – aber die liefern nur den flach verlängerten Chor genau dieser Strukturen, die sie besser mal dokumentieren und hinterfragen sollten.

Erbärmlich!

„Beitrag“ hier freigeschaltet, aber keine Leseempfehlung: CDU sieht Mängel in Stromstrategie

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