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CoroNews 24.01.2021

Der größte „Corona-Hysteriker“ ist derzeit wohl Boris Johnson. Der in seiner Hauptstadt unter seiner Verantwortung gezüchteten Mutation (B.1.1.7.) schrieb er zunächst eine um 70% höhere Infektiösität zu. Nach nun etwas sorgfältiger untersuchten Daten dürfte es – schlimm genug – etwa die Hälfte sein. Nun spricht er von einer um mindestens 30% höheren Sterblichkeit. Ob das stimmt, ist noch unklar, wir sollten es abwarten.

Warum Johnson nun so agil und teilweise vorschnell Gefahren meldet, wird sein Geheimnis bleiben. Ob da jemand gar ein Thema in den Vordergrund rücken möchte, um ein anderes zu bemänteln? Oder erkennt da gar jemand, dass keineswegs Panik, sondern Ignoranz das Problem unserer modernen Informationsgesellschaft ist?

Dass diese und die südafrikanische Mutation uns wecken sollten, steht hingegen außer Zweifel. Möglicherweise tut uns Covid-19 sogar einen Gefallen, wenn es zu einer höheren Sterblichkeit führt, denn das könnte in der Tat weniger Opfer zur Folge haben.

Warum das?

Nun, die große Gefahr der Pandemie ist ihre Geschwindigkeit, wie ein sehr anschauliches Rechenmodell von Adam Kucharski zeigt. Leider wird immer noch zu sehr über die Sterblichkeit, also die IFR (Infection Fatality Rate) gesprochen. Das Modell von Kucharski macht hingegen sehr deutlich, dass die 70% von Johnson weitaus gefährlicher gewesen wären, dass die 35%, die es vermutlich sind, eine riesige Herausforderung darstellen und dass die höhere IFR vielleicht sogar dazu beiträgt, die Verharmlosung einzudämmen – zumal die Variante aus Süd Afrika für Jüngere gefährlicher ist.

Denn die Geschwindigkeit der Ausbreitung ist kein rein biologisches Thema, sie wird immer noch maßgeblich durch gesellschaftliches Verhalten geprägt. Solange aber kurzsichtige Mediziner oder mathematisch unterbegabte Wissenschaftler fast ausschließlich über die IFR räsonieren und in dem Zusammenhang von Gefährlichkeit sprechen, glauben leider zu viele, dass sie persönlich nicht bedroht sind, allenfalls einen Schnupfen zu befürchten haben und das Thema primär andere betreffe.

Ein sehr menschlicher Reflex, um mit Angst umzugehen. Je stärker die Angst ist, desto heftiger fällt dieser Reflex aus. Kommen dann noch unschöne Charaktereigenschaften hinzu, entstehen Narrative von über 80jährigen in schlecht geschützten Heimen, die ohnehin fast schon tot sind. Menschen mit solchen Denkmustern, die schon zum Selbstschutz bei anders denkenden selbstverständlich Panikmache erkennen – eine Panik, die sie in dem Moment vielleicht sogar selbst spüren -, spielen leider bei Epidemien eine große Rolle. Während Mediziner nämlich vor Ebola&Co den größten Respekt haben, schließlich raffen diese Erreger die Hälfte der Erkrankten dahin, fürchten Epidemiologen hingegen vor allem sehr schnell übertragbare Erreger – und hier könnte Covid-19 ganz vorne liegen.

Mit einer rationaleren Herangehensweise kann man das auch statistisch einordnen, wie die folgende Tabelle zeigt. Demnach lag die Sterberate in Deutschland in den letzten Jahren bei ungefähr 11 pro 1.000 Einwohner, respektive etwas über 1%. Seriöse und für unsere Population zutreffende Studien, denen übrigens auch der teilweise sehr beliebte John P. A. Ioannidis nicht widerspricht („Eine Ioannidis-Studie mehr“), kommen zu ähnlichen Werten für Covid-19. Wer also mit diesen 1% argumentiert und zugleich propagiert, man solle das Virus durchlaufen lassen, weil man damit leben muss, sollte dazu sagen, dass wir damit einem Erreger die Türe öffnen, der für die Gesamtbevölkerung genauso gefährlich ist, wie alle anderen Sterbeursachen zusammen.

 

Die Tabelle zeigt übrigens im Rahmen der Debatte zur Übersterblichkeit sehr anschaulich, dass die Alterung der Gesellschaft bisher nicht als Trend zu einer höheren Sterblichkeit geführt hat. Vielmehr überwiegt gerade im Vergleich zu den 70ern mit einer damals deutlich jüngeren Bevölkerung der medizinische Fortschritt. Dass wir 2020 auch in Deutschland Übersterblichkeit durch Covid-19 zu beklagen haben („Übersterblichkeit – eine nicht endende Diskussion“), liegt natürlich maßgeblich an der großen Zahl von Infektionen in so kurzer Zeit. Wir dürften hier von einem grob hochgerechneten Rahmen um die fünf Millionen Infizierten ausgehen, die trotz der Gegenmaßnahmen in 2020 dem Virus nicht entkommen konnten.

Wer angesichts solcher Größenordnungen immer noch von „heimisch werden“, unausweichlicher Evolution, die letztlich „friedlich“ verläuft, schwärmt, dem sei ein Blick nach Manaus in Brasilien empfohlen. Eine Stadt, die mit einer gänzlich anderen Altersstruktur als in Europa ohnehin stets schräg verglichen wurde, leidet unter der 2. Welle nun noch schrecklicher. Dabei wurde sie lange Zeit mit angeblich erreichter Herdenimmunität einschlägig gefeiert. Nun rätseln Wissenschaftler, ob die Studie mit angeblich 75% Durchseuchungsrate vielleicht falsch gerechnet wurde – nach meiner Bewertung wurde sie das -, ob die per Infektion erreichte Immunität nur kurze Zeit wirkt – man geht inzwischen von fünf bis sieben Monaten aus – oder ob eine Mutation diese überwindet.

Auch hier ist es für eine Bewertung zu früh, aber zwei Dinge sind bereits jetzt klar: Tatsächlich kann bei Covid-19 der Vergleich mit der Mortalität – also der Sterberate auf Ebene der Gesamtbevölkerung – angestellt werden, denn aufgrund der außergewöhnlichen Infektiösität in Verbindung mit der Sorglosigkeit vieler Gesellschaften hat das Virus tatsächlich das Potential, jeden zu erreichen. Zweitens ist das Spiel mit der Evolution keines, auf das sich die Menschheit mit ihren wissenschaftlichen und technologischen Fähigkeiten freiwillig einlassen sollte. Es ist nämlich rein zufällig, welche Wege Mutationen so gehen („Sinn und Unsinn von Mutationsdebatten“), bis sie letztlich als reines Gesetz der Wahrscheinlichkeit „heimisch werden“, also das Leben mit ihrem Wirt, dem Menschen, „einvernehmlich“ teilen. Damit diese Evolution gar nicht erst ihre biologischen Wege und Irrwege über Jahrzehnte voneinander trennen muss, ist es umso wichtiger, den bereits entwickelten und leider mit zu wenig Kapazität versehenen Impfstoffen die Chance zu geben, ein eigenes evolutionäres Handwerk zu verrichten. Die Zeit, die wir den Impfstoffen verschaffen, zahlt sich mehrfach aus. Wir sollten endlich verstehen, dass es sich hier um einen Prozess handelt, der nicht in Quartalen, ja nicht mal in Kalenderjahren zu bewerten ist.

Vielleicht hat Johnson verstanden, dass ein wenig Angst dabei hilfreich sein kann. Es dürfte ihn ferner nicht weiter stören, wenn der Brexit dadurch etwas zurücksteht und dessen Folgen von den Pandemie-Schäden kaum zu unterscheiden sind.

 

Damit kurz zu den aktuellen Daten aus Deutschland, deren „Interpretation“ statistisch/handwerklich nach wie vor keinen Spaß macht, die aber inzwischen das bereits seit meinem Bericht von Weihnachten erwartete Licht bestätigen.

Ich beginne mit den Testdaten, die zwar unverändert skandalös weit unterhalb der Kapazitätsgrenze erhoben werden, aber zumindest seit ca. zwei Wochen eine gewisse Vergleichbarkeit aufweisen. Man muss leider vermuten, dass viele Gesundheitsämter sich von dem Zusammenbruch der Verfolgungsstrategie im Oktober sowie dem Winterschlaf über den Jahreswechsel immer noch nicht erholt haben. Eine Kapitulation an der Stelle wäre menschlich, aber inakzeptabel. Zugleich muss man sie vermuten, wenn man sieht, dass wir immer noch bei einer Auslastung von ca. 60% unserer Testkapazitäten stehen. Da zugleich richtungsweisende Entscheidungen diskutiert werden und die Ausbreitung der Mutationen unklar ist, kann man das nicht gutheißen. Gleichwohl zeigen die markierten Spalten in der folgenden Tabelle, die 90% aller Tests in Deutschland repräsentiert, dass wir bei einer ähnlichen Testmenge eine sinkende Positivquote haben, die zudem endlich wieder korrespondiert zu den ebenfalls sinkenden Fallzahlen.

 

Die nun erstmals wieder über einen längeren Zeitraum statistisch harmonischen Fallzahlen sind im folgenden Chart im 7-Tage-Wert dargestellt. Ob die von der Höhe auch nur näherungsweise passen, ist zu bezweifeln, wie ich weiter unten erläutere. Es geht mir hier wie fast immer ausschließlich um den Trend. Der ist mit einer Linie skizziert und er deutet in der Analyse der Daten auf eine Halbierungszeit von ca. 20 Tagen hin. Wenn dieser erst sehr kurz in den Daten einigermaßen valide erkennbare Trend stimmt und stabil bleibt, müssten wir also ca. Mitte Februar eine Halbierung der jetzigen Zahlen erreichen – wie hoch auch immer die tatsächlich sein mögen.

 

 

Um die Ungenauigkeit des Test- und Meldewesens noch stärker zu reduzieren, habe ich die Daten auch anhand einer 14-tägigen Glättung bewertet. Das folgende Chart macht deren Entwicklung in der nicht logarithmischen Darstellung etwas deutlicher. Auch die starke Glättung kann den Zusammenbruch des Testsystems zwar nicht kompensieren, aber mit den weiter unten folgenden klinischen Daten lässt sich vermuten, dass wir ungefähr folgende Trends im wahren Geschehen hinter uns haben: Der Lockdown light hat das Wachstum gebremst, aber nicht gestoppt, zugleich ist die Dunkelziffer in dieser Phase ab Ende Oktober erheblich gestiegen. Den Seitwärtstrend hat es also nie gegeben. Mit etwas Verzögerung hat dann der Lockdown ab Mitte Dezember die Welle gebrochen. Der Peak in dieser Kurve ist exakt der 23. Dezember, ich hatte das am 24. so berichtet und auf Bestätigung gehofft. Die ist nun unverkennbar. Vermutlich haben dann die Feiertage und der Jahreswechsel dazu geführt, dass der Abbruch der Welle nicht so glatt in einen exponentiellen Rückgang wie im Frühjahr übergehen konnte. Auch hier ist die tatsächliche Verteilung der Fallzahlen sehr unklar und dieses Auf- und Ab kaum tatsächlich passiert. Aber mit etwas Abstand zu den Feiertagen sind wir dann recht wahrscheinlich in einen ähnlichen Abwärtstrend wie im März gekommen.

Diese halb geratenen, halb gerechneten, aber anhand der klinischen Daten plausiblen Trends sind im folgenden Chart durch Linien skizziert.

 

 

Diese vermuteten Trends werden sehr grob auch seitens der Sterbeverläufe bestätigt, die hier in 7-Tage Glättung folgen. Leider sind auch diese Daten verzerrt, da es Deutschland über die Feiertage und den Jahreswechsel nicht mal möglich war, seine Toten richtig zu zählen. Der Einbruch in der folgenden Darstellung ist sehr sicher ein statistischer Fehler, er beginnt exakt mit dem 24. und endet am 3. Januar, als diese „plötzlichen“ 1.000er-Werte pro Tag die Schlagzeilen beherrschten.

Tatsächlich dürfte die Spitze dieser Daten sich wie auch immer in diese definitiv nicht mögliche Delle verteilen, so dass wir vielleicht tatsächlich bei den von mir um Weihnachten geschätzten 800 Sterbefällen im 7-Tage Mittel den Peak gesehen haben. Der oben genannte Abwärtstrend der Infektionszahlen könnte hier allenfalls in den Werten der letzten Tage erkennbar sein. Wenn meine Zahlendreerei aber einigermaßen stimmt, müssten wir nun auch einen rascheren und vor allem stabileren exponentiellen Rückgang der Sterbezahlen sehen.

Tatsächlich vermute ich bei diesen Daten mit dem üblichen Versatz von ca. 20 Tagen also ähnliche Trends wie bei den Infektionszahlen. Starker Anstieg in Folge der Fehler aus dem Oktober, leider nur Verlangsamung durch den Lockdown „light“ und dann ein Bruch der Welle Mitte Januar (der Peak hier ist der 13. Januar) und dann in zwei Trendphasen Rückgang auf einen hoffentlich nun ebenfalls stabilen Halbierungsrhythmus von ca. 20 Tagen.

 

Wenn sich das so stabilisiert, war meine Weihnachtsbotschaft sogar recht präzise und wir dürften um Mitte Februar auf ungefähr die Hälfte des vermutlichen Peaks von 800 Sterbefällen kommen. Falls wir im Februar die Basis von hoffentlich 400 sehen, heißt das aber nichts anderes, als dass sich ungefähr jetzt immer noch 40.000 Menschen tatsächlich täglich neu infizieren, was auf eine Dunkelziffer von zwei bis drei deutet. Ebenfalls würde das bedeuten, dass wir bei der o.g. Halbierungszeit bis dahin auf die „Streeck-Linie“ von 20.000 pro Tag tatsächlich kommen könnten. Das sind wirklich nur sehr grobe Zahlenspiele, aber Weihnachten lag ich damit wohl auch nicht so daneben. Hoffentlich haben wir bis dahin ein Testsystem, das uns nicht weiter zwingt, mit klinischen Daten hinterher zu rechnen und noch mehr ist zu hoffen, dass niemand mehr auf solche professoral unsinnigen Unbedenklichkeitserklärungen hört.

Insofern gilt es wieder, Licht und Schatten zugleich abzuwägen. Der Lockdown ab Mitte Dezember scheint seine Wirkung nicht zu verfehlen, wir könnten Mitte Februar wieder da stehen, wo wir im Oktober noch von Beherrschbarkeit sprachen und das angenehme Herbstwetter genossen. Natürlich darf das nicht zu denselben Fehlern führen. 2020 war nach dem Frühjahr das Jahr der Fehler, das darf 2021 nicht wieder so sein. Wir müssen nun – weltweit – den Impfstoffen die Zeit verschaffen, der Evolution von Sars-Cov-2 gleich zu Beginn einen entscheidenden Riegel vorzuschieben. Es wird leider aufgrund der vielen Versäumnisse in 2020, die zwar im Ursprungsland des Virus begannen, ihre entscheidende Fortsetzung aber in anderen Gesellschaften fanden, nicht mehr gelingen können, die Pandemie in 2021 durch Impfstoffe zu stoppen. Aber wir müssen dem Virus so konsequent wie möglich die Basis für weitere Mutationen nehmen – weltweit. Die modernen Impfstoffe sind agiler als das Virus, wir werden vermutlich noch mehrfach Anpassungen der Gegenmittel und Jahre mit Massenimpfungen erleben, um dieser Pandemie ihre Wirkung zu nehmen. Je früher und klarer wir das tun, desto kürzer wird das Hase/Igel-Spiel danach. Auch das müssen wir endlich begreifen – bei diesem Rennen gewinnt der schnelle Sprint am Anfang, alles andere wird Marathon.

Immerhin zeigt sich, dass wir nun temporär auf dem richtigen Weg sind. Wir sollten ihn nicht verlassen, um ein Quartal zu retten, das nicht zu retten ist, um ein verlorenes Schuljahr „ordentlich“ zu Ende zu bringen. Die Mutationen aus dem nun autonomer gewordenen Reich des Boris Johnson sind in meiner Kalkulation natürlich nicht enthalten. Bei uns aktiv sind diese Erreger selbstverständlich, ebenso wie die aus Süd Afrika und vermutlich auch die noch kaum erforschten aus Brasilien.

Darüber sollte vielleicht mehr gesprochen werden, hoffentlich muss man dazu nicht ausgerechnet Johnsons zitieren!?

 

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